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Charley Jacob - Ein Jude, der für viele Schicksale steht

von Anke Donner


Die von den Nazis ermordeten Juden sind auf dem Judenfriedhof bestattet. Hier fanden auch Charley Jacob und seine Frau Emma ihre letzte Ruhe. Foto: Barbara Ehrt
Die von den Nazis ermordeten Juden sind auf dem Judenfriedhof bestattet. Hier fanden auch Charley Jacob und seine Frau Emma ihre letzte Ruhe. Foto: Barbara Ehrt Foto: Privat )

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19.02.2016


Goslar. 71 Jahre ist es her, da wurde das Schicksal vieler Menschen aus Goslar besiegelt. Es war die Zeit der Vertreibung, Tötung und Deportierung der jüdischen Bürger dieser Stadt. Sucht man nach Einträgen aus dieser Zeit, fällt einem unweigerlich immer wieder ein Name auf - Charley Jacob. Seine Geschichte steht wohl stellvertretend für viele Schicksale der Juden zur Zeit des NS-Regimes.

Es war der 19. Februar 1945, der Zweite Weltkrieg war beinahe vorbei, da meldete sich der Jude Charley Jacob gemeinsam mit seinen Söhnen Manfred und Hans Peter bei der Polizei in Goslar. An diesem frühen Tag, es war ein Montag, traten die Drei ihren Weg in das Konzentrationslager Theresienstadt an. Seine „arische“ Frau Emma verblieb in Goslar. Mit der Familie Jacob wurden weitere Goslarer Juden nach Theresienstadt gebracht - einer von ihnen war Louis Meyer. Der im Laufe der gemeinsamen Zeit zu einem engen Wegbegleiter Jacobs wurde. Es war der letzte Transport in ein Konzentrationslager. Nur wenige Wochen später kapitulierten die Deutschen und der Krieg war beendet. Sieben Tage dauerte die Reise nach Theresienstadt. Eine Reise, die laut Aufzeichnungen aus dem Buch „Das Schicksal der Goslarer Juden“, mehr als erschwerlich war und die viele Schicksalsgefährten nicht überlebten. Mit der Kennnummer 104 - VIII/5 kam Charley Jacob am 25. Februar im KZ an. Charley Jacob wurde, gemeinsam mit Louis Meyer, bei der Waldarbeit eingesetzt. Von seinen Kindern, damals 10 und 12 Jahre alt, wurde er getrennt. Für die Goslarer begann nun eine Zeit des Leidens und der Ungewissheit. In dem Buch „Das Schicksal der Goslarer Juden“ von Hans Donald Cramer beschreibt Charley Jacobs Sohn Hans Peter, wie die Verpflegung im KZ aussah: „Morgens und abends gab es eine Scheibe Brot etwa 15 Zentimeter lang und 8 Zentimeter breit und mittags die ewige grünliche Suppe. Das war immer sehr entmutigend wenn man diese Suppe abholte. Man hatte scheußlichen Hunger und konnte ihn nicht befriedigen.“ In diesem Buch erklären Manfred und Hans Peter auch, wie sie die Zeit im Lager erlebten, wie sie miterlebten, wie Juden vergast und gefoltert wurden.


Befreiung des KZ-Theresienstadt


Am 9. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Theresienstadt von der Roten Arme befreit. Charley Jacob, seine Söhne und auch Louis Meyer konnten, gezeichnet und entkräftet nach Goslar zurückkehren. Dort lebten sie nach Kriegsende auch weiterhin, fanden Arbeit und erlebten, wie sich Deutschland von den Schrecken des Krieges erholte. Manfred und Hans Peter Jacob heirateten und gründeten ihre eigenen Familien. Der inzwischen 83-jährige Manfred Jacob blieb erst in Goslar, zog aber später mit seiner Frau Christina zu seiner Tochter nach Bayern. Hans Peter blieb in Goslar. Er ist inzwischen verstorben. Charley Jacob starb im Jahr 1970 im Alter von 80 Jahren. Er wurde im Familiengrab der Familie Jacob beigesetzt. Neben seiner Frau, die bereits im Jahr 1969 starb. Louis Meyer starb 1967 im Alter von 78 Jahren. Charley Jacob, so heißt es, setzte sich nach seiner Rückkehr nach Goslar für die Aussöhnung zwischen Juden und Christen ein und hat sich nach seiner Befreiung um jüdische Kinder und Jugendliche gekümmert.


An die ermordeten, deportierten und überlebenden Juden erinnert eine Gedenktafel. Foto: Anke Donner)


21 Juden starben


Nach dem Tod Charley Jacobs beschloss der Rat der Stadt 1972 die Straße nach ihm zu benennen und somit an die Opfer des Völkermordes zu erinnern. Heute ist in der Charley-Jacob-Straße die Stadtverwaltung der Stadt Goslar untergebracht. Eine kleine Tafel unter dem Straßenschild weist auf die Entstehung des Namens hin. In der Glockengießerstraße, wo zwischen 1942 und 1945 das Judenhaus stand, erinnert ebenfalls eine Gedenktafel an die Goslarer Juden. In dem Haus haben neben der Familie Jacob auch die Familien Heilbrunn, Deutsch, Lebach, Löwenthal, und Levy gelebt. Willi Heilbrunn starb 1943 im KZ-Theresienstadt, ebenso wie Richard Löwenthal 1943 und Helene Lebach 1944. Das Haus Nummer 3, das Judenhaus, wurde in den 1960er Jahren abgerissen. An der Stelle steht heute eine Gedenktafel. Hier sind die Namen derer eingraviert, die zwischen 1933 und 1945 Opfer des Nationalsozialismus wurden. Von den damals rund 50 jüdischen Bürgern Goslars kamen während der NS-Zeit 21 ums Leben.

Das Schicksal der Familie Jacob ist kein Einzelfall und steht stellvertretend für alle Juden, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Viele Schicksale sind bis heute ungewiss, viele kamen nie wieder aus den Konzentrationslagern zurück in ihre Heimat. Und die, die zurückkehrten, hatten wohl zeitlebens mit den Folgen zu kämpfen. Zeitzeugen gibt es nur noch wenige. Und irgendwann werden die einzigen Zeugen dieser Zeit nur noch die stummen Steine auf den Friedhöfen sein.

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