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KolumneHeute: Trash-TV ist auch keine Lösung

von Sina Rühland


Foto: Sina Rühland

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08.02.2015


Wolfenbüttel. Dabei zuschauen, wie ein unbekannter Bekannter die Hoden eines Kängurus verspeist, ist zwar eine Option für die abendliche Fernsehgestaltung – muss aber eigentlich auch nicht sein. Warum sind die Zuschauerquoten bei dieser verflachten Fernsehunterhaltung also derart hoch?

Es ist ja nicht so, dass ich kein Verständnis für den Menschen als natürlich geprägten Voyeuristen hätte; zuschauen und beobachten ist wohl Teil der menschlichen Entwicklung. Schaltet man allabendlich die Senderliste rauf und runter, finden sich – zumeist auf den Privatsendern – Menschen, die sich in irgendeiner Form öffentlich bloßstellen lassen. Mal ganz abgesehen von der Lanzschen Paradeleistung in Wetten, dass...?. Hochbezahlte ehemalige Models bringen junge Mädchen dazu, sich halbnackt und in ewig zickiger Manier vor die Kameras zu stellen. Komplette Sanierungsmaßnahmen am menschlichen Körper werden durch Produktionsfirmen finanziert, um Geld aus dem psychischen Knacks der anderen zu schlagen. Emotionen sind dabei natürlich ganz wichtig. Je mehr Tränen fließen, desto höher die Einschaltquoten. Klare Sache, irgendwie muss das Geld ja reinkommen.

Die Frage nach der Intention der Produzenten ist offensichtlich – die wollen Geld verdienen. Die andere Frage richtet sich an den Zuschauer. Glauben wir Menschen vor den Fernsehapparaten, dass auch nur eine Minute dieser „Reality-Shows“ nicht gescriptet wäre? Vermutlich wissen das die meisten. Wenn es also nicht die Spannung des ungeplanten Moments ist, was ist es dann?

Sind wir das, was wir gucken?


Medienwissenschaftler haben eine ziemlich einleuchtende Antwort auf die Frage, warum sich Zuschauer diesen Formaten hingeben: offensichtlich ist es eine sozial akzeptierte Form des Sadismus. Das würde bedeuten, dass wir Zuschauer eine gruselige Freude daran haben, Protagonisten beim Leiden zu beobachten. Hinzu kommt die in der Gruppe entstehende Dynamik untereinander. Das heißt, die Sendung wird erst dann unterhaltsam, wenn die Akteure in Interaktion treten. Kommt es zu zwischenmenschlichen Disputen oder Liebesbeziehungen, wird es für den Zuschauer erst richtig spannend.



Doch was sagt diese Wahl der Unterhaltung über uns aus? Sind wir das, was wir gucken? Laut Wissenschaft sind die Zuschauer der „Trash-Formate“ nicht einer bestimmten Bildungsschicht zuzuordnen. Offensichtlich interessieren sich nicht ausschließlich bildungsferne Menschen für die menschliche Reaktion auf das unübliche Verspeisen eines tierischen Körperteiles. Eines ist ziemlich sicher: so schnell werden diese Formate nicht von den Bildschirmen verschwinden – dafür ist die Nachfrage einfach noch zu groß. Obwohl, dachte man das nicht auch von Talkshows? So lange also Arte, ZDFneo oder 3SAT nicht gleichzeitig eine Art Dschungelcamp mit integrierter Modelzuchtschule senden, in der Rosen an generalüberholte, kamerageile Sahneschnitten verteilt werden, darf man ganz ruhig bleiben.


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