Braunschweig

Mitgefühl statt Tabus - Podiumsdiskussion über Sterbehilfe im Haus der Wissenschaft

von kulturblog38.net



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01.04.2014


Braunschweig. "Der letzte Feind, der zerstört werden muss, ist der Tod", so steht es im Roman "Harry Potter" von Joanne K. Rowling geschrieben.


Wird der Tod in den Medien thematisiert, werden meist Begriffe wie Angst, Trauer, Verlust und Schmerz damit assoziiert. Dass der Tod eine conditio humana, eine natürliche Bedingung des Menschseins ist, wird oft außer Acht gelassen. Umso befremdlicher wirkt es, dass wir gerade dieser Natürlichkeit des Todes mit einer verklemmten Künstlichkeit begegnen, die ihresgleichen sucht.


Eine Frage, die sich dabei auch stellt, lautet: Wie viel Raum darf das Denken an einen Zustand, den wir nie bewusst erleben werden, überhaupt einnehmen? Scheinbar genug, betrachtet man Lebensversicherungen, Testamente und Patientenverfügungen. Das Geschäft mit dem Tod boomt, insbesondere wenn man sich die Werbungen einiger Bestattungsinstitute à la "Beerdigung für nur 999,99 €" ansieht.




[caption id="2754" align="alignright" width="150"][image=2754 size-thumbnail] Reges Interesse an einem schwierigen Thema[/caption]

In der Hoffnung, über den Schatten anerzogener Moral zu springen und den Tod nicht mehr tabuisieren zu müssen, sondern ihm so sachlich wie möglich begegnen zu können, verschlug es mehr als 70 Gäste in das Haus der Wissenschaft. Dort wurde über das Thema "Assistierter Suizid, Sterbehilfe und Sterbebegleitung" referiert. Die Veranstaltung der Hospizarbeit Braunschweig e.V. sollte dazu dienen, die rechtlichen, ethischen, medizinischen und gesetzgeberischen Aspekte dieses Themas zu beleuchten.




[caption id="2758" align="alignleft" width="150"][image=2758 size-thumbnail] Moderator Kreuzberg[/caption]

Bei den vier Referenten handelte es sich um Dr. Heinrich Kintzi (Generalstaatsanwalt), Dr. Carola Reimann (Bundestagesabgeordnete, SPD), Dr. Rainer Prönneke (Palliativarzt im Marienstift) und Pater Johannes Witte (Dominikaner und Krankenhausseelsorger). Moderiert hat die Veranstaltung Ulrich Kreuzberg, der im Hospiz an der Broizemer Straße für die ambulante Hospizarbeit zuständig ist. Im Laufe der Veranstaltung wurden vom Moderator und später vom Publikum Fragen an die Referenten gestellt, welche diese versuchten, bestmöglich zu beantworten.


Die erste Frage richtete sich an Prof. Dr. Prönneke: Was versteht man überhaupt unter Sterbehilfe? Prönneke unterteilte die Sterbehilfe in zwei Kategorien: Die Hilfe beim Prozess des Sterbens und die Hilfe zum Sterben als Tötungshilfe. Es sei Aufgabe eines Arztes, den Sterbenden Linderung zuzusichern und für den Kranken da zu sein. Aktive Sterbehilfe sei hingegen nur in Holland, Belgien und der Schweiz zulässig.


Als nächstes äußerte sich Pater Johannes und ging insbesondere auf einen Situationswechsel ein, der einträte, wenn Patienten und Angehörige plötzlich mit dem Tod konfrontiert würden. Meist, so der Pater, sind es plötzliche Situationen, die beide Seiten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führen. Am wichtigsten sei es, sich ein gemeinsames Bild des Menschen zu machen und dem Willen des Patienten nachzukommen, auch wenn dieser darin bestehe, das Therapieziel zu ändern. Damit meinte Pater Johannes den Wechsel von einer kurativen zu einer palliativen Therapie. Dies bedinge auch der Respekt dem Kranken gegenüber, dessen Wunsch zu akzeptieren und diesen nicht bis zum Ultimo zu behandeln. Die größte Angst der Patienten vor dem Tod bestünde nämlich darin, dass dieser sich endlos hinziehen und unerträglich gestalten könne.




[caption id="2762" align="alignright" width="150"][image=2762 size-thumbnail] Generalstaatsanwalt Kintzi[/caption]

Anschließend erhob sich Generalstaatsanwalt Dr. Heinrich Kintzi augenzwinkernd mit den Worten "Ein Staatsanwalt spricht immer im Stehen". Dann entschuldigte er sich für die Neutralität, mit der er über dieses Thema referieren müsse, allerdings sei er ja als Anwalt eingeladen worden. Er widmete sich vor allem den rechtlichen Fragen. Zunächst ging er darauf ein, was man unter indirekter Sterbehilfe verstehe. Diese umfasse medizinische Maßnahmen, die zulässig seien, um Schmerzen zu lindern; z.B. die Gabe von Opiaten, auch wenn sich diese Maßnahmen als lebensverkürzend erweisen sollten. Leidensminderung stünde im Mittelpunkt der Therapiefindung. Unter der aktiven Sterbehilfe versteht man laut Kintzi die Tötung auf Verlangen, wie z.B. die gezielte Gabe von tödlichen Mitteln. Dies sei in Deutschland jedoch strafbar. Er stuft diese Thematik als besonders heikel ein, da gerade der geschichtliche Hintergrund der Euthanasie in Bezug auf den Nationalsozialismus nicht zu vernachlässigen sei. An erster Stelle in Deutschland stehe der Lebensschutz.




[caption id="2763" align="alignleft" width="150"][image=2763 size-thumbnail] Carola Reimann, MdB[/caption]

Anschließend wandte sich Dr. Carola Reimann von der SPD an das Publikum. Sie verdeutlichte, dass sie sich für fraktionsoffene Abende und offene Debatten bezüglich der Thematik der Sterbehilfe einsetze. Je länger man ihr zuhörte, desto mehr stellte man ernüchtert fest, dass von der Frau, deren Konterfei vor der Bundestagswahl noch an sämtlichen Bäumen hing, an diesem Abend wohl leider nicht mehr hängen bleiben würde, als die Forderung nach offenen Debatten.


Die nächste Frage richtete sich wieder an den stets mit wachen Augen dreinblickenden Dr. Kintzi. Der Generalstaatsanwalt wurde gefragt, welche rechtlichen Konsequenzen ein Suizid hätte. Kintzi stellte klar, dass ein Suizid in Deutschland, egal ob dieser "erfolgreich" beendet wurde oder nicht, straffrei sei, solange der Suizident die Tatherrschaft habe. Übernähmen jedoch Freunde oder Helfer die Tatherrschaft, so machten diese sich strafbar.




[caption id="2764" align="alignright" width="150"][image=2764 size-thumbnail] Palliativarzt Prönneke[/caption]

Einen weiteren interessanten Aspekt warf Dr. Prönneke ein. Die schweizerische Institution „Dignitas“ würde damit werben, ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Allerdings sei es in jüngster Vergangenheit dazu gekommen, dass der Institution Räume gekündigt wurden, woraufhin die Patienten das tödliche Mittel auf dem Parkplatz der Institution erhielten. Dr. Prönneke ergänzte, dass er es verurteile, den Tod als ein Geschäft zur Gewinnmaximierung zu nutzen.


Neben der Organisation "Dignitas" gäbe es in der Schweiz noch eine Institution namens "Exit", welche von ehrenamtlichen Mitarbeiten betrieben würde. Weiter stellte Dr. Prönneke die Frage, was Ärzte und Angehörigen tun könnten, um Reisen ins Ausland zu einem erhofften sanften Sterben zu verhindern. An die Angehörigen appellierte er, den kranken Patienten zu signalisieren, dass sie bereit seien, sie bedingungslos auszuhalten, da beim Kranken oftmals der Wunsch bestünde, sich seinen Angehörigen nicht aufzubürden.


Anschließend plädierte Pater Johannes dafür, den Wunsch des Sterbenden zu verstehen. Er empfände es als sehr wichtig, Äußerungen des Patienten wie "Eigentlich möchte ich sterben" nachzuvollziehen. Oft sei der Wunsch nach dem Tod ein Signal, hinter dem sich nicht nur ein scheinbarer Ausweg, sondern auch andere Nöte verbergen. Einige dieser Nöte seien die Angst, die Kontrolle zu verlieren, oder die Angst, den Angehörigen zur Last zu fallen. Der Wunsch des Patienten nach dem Tod sei zudem oft kein konstanter, sondern unterliege Schwankungen. Hierzu warf er auch das Stichwort "Altersdepression" in den Raum. Es sei bekannt, dass die Suizidalität besonders bei Teenagern und älteren Menschen sehr hoch ist. Gerade unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis sei es wichtig, den Ursprung eines Todeswunsches genauestens zu ergründen.


Besonders die Ansichten von Pater Johannes simmten das Publikum nachdenklich. Es macht betroffen, dass nicht alle im Sterben liegenden Patienten die Möglichkeit haben, sich mit Angehörigen über das Thema auszutauschen, da viele Angehörige aus Unsicherheit heraus das Thema tabuisieren oder nicht genug auf die Wünsche des Familienmitgliedes eingehen. Verständnis und Offenheit sollten unsere moralischen Fesseln sprengen. Denn wären wir in einer solch schwierigen Situation, wären wir wohl auch über jedes noch so kleine Stück Normalität dankbar. Es erscheint somit am wichtigsten, unsere eigenen Bedürfnisse und Verlustängste zugunsten der Wünsche des sterbenden Verwandten oder Freundes hinten anzustellen, und diesem auf seinem letzten Weg unsere volle Unterstützung zu geben.


Jasmin Rychlik, www.kulturblog38.net


Fotos: Peter M. Glantz


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