Schauspieler Benjamin Piwko: "Ich würde gerne mal einen Hörenden spielen"

2016 war Benjamin Piwko als erster gehörloser Hauptdarsteller in einem "Tatort" zu sehen. Sechs Jahre später fühlt sich der Schauspieler noch häufig in eine bestimmte Schublade gesteckt. Ein Gespräch über Gehörlosigkeit und die Frage, wie das Zusammenleben besser funktionieren könnte.

von Elisa Eberle


Benjamin Piwko wurde am 11. April 1980 in Hamburg geboren. Er ist sowohl als Schauspieler als auch als Kampfkunst-Meister und -Lehrer tätig.  (Bild: 2019 Getty Images/Florian Ebener)
Benjamin Piwko wurde am 11. April 1980 in Hamburg geboren. Er ist sowohl als Schauspieler als auch als Kampfkunst-Meister und -Lehrer tätig. (Bild: 2019 Getty Images/Florian Ebener) Foto: 2019 Getty Images/Florian Ebener

2016 war Benjamin Piwko als erster gehörloser Hauptdarsteller in einem "Tatort" zu sehen. Sechs Jahre später fühlt sich der Schauspieler noch häufig in eine bestimmte Schublade gesteckt. Ein Gespräch über Gehörlosigkeit und die Frage, wie das Zusammenleben besser funktionieren könnte.

Wer Benjamin Piwko begegnet, dem fällt als Erstes seine positive und offene Art auf. Piwko lacht gerne. Er mag lustige Filme: "Gerade jetzt in Corona-Zeiten", erklärt er, wo es "so viele Probleme auf der Welt" gibt. In seiner Jugend bevorzugte der heute 42-Jährige jedoch das Action-Genre - aus einem bestimmten Grund: Seit einem Behandlungsfehler in seiner frühen Kindheit ist Piwko gehörlos. Das Interview zu seinem neuen Spielfilm "Du sollst hören" (Ausstrahlung: Montag, 19. September, 20.15 Uhr, ZDF, sowie ab 10. September, 10 Uhr, in der ZDFmediathek) findet deshalb per Videotelefonie mit einer Dolmetscherin statt. Über sie erklärt Piwko auch sein besonderes Interesse für Actionfilme: "Wir tauben Menschen hatten lange Zeit keine Untertitel. Das heißt, wir sind da sehr auf unsere visuelle Wahrnehmung angewiesen gewesen." Actionfilme seien ideal gewesen, "weil da so viel Bewegung und so viel zu sehen war." Eigentlich, so fährt er fort, bräuchten Actionfilmen überhaupt keinen Ton.
Bei komplexen Dramen wie "Du sollst hören" unter Regie von Petra K. Wagner (Buch: Katrin Bühlig) ist dies anders: Piwko spielt den gehörlosen Simon Ebert, der zusammen mit seiner gehörlosen Frau Conny (Anne Zander) zwei ebenso gehörlose Kinder hat. Eines davon könnte mithilfe eines Cochlea-Implantats hören lernen. Doch die Eltern sind gegen den Eingriff. Der Fall landet vor Gericht. Die überforderte Richterin Jolanda Helbig (Claudia Michelsen) muss entscheiden. Benjamin Piwko findet das falsch: "Ich denke, das ist eine individuelle Entscheidung der Eltern, in die sich kein Gericht oder Jugendamt einmischen sollte." Schließlich gibt es Risiken, manche Patientinnen und Patienten nehmen das Implantat irgendwann wieder heraus. Da der oft noch intakte Hörnerv bei der Operation allerdings vollständig zerstört wird, ist die Benutzung eines Hörgeräts anschließend unmöglich. Deshalb, fordert Piwko, sollte Kindern mit Implantat auch ebenfalls die Gebärdensprache angeboten werden: "Gebärdensprache als Basis ist wichtig, damit Kommunikation überhaupt funktioniert."

"Es wäre schön, wenn Gebärdensprache im Alltag normal wird"

Überhaupt betrachtet Piwko das Erlernen von Gebärdensprache als essenziell: "Es wäre schön, wenn hörende Kinder auch Gebärdensprache lernen würden, wenn Gebärdensprache im Alltag normal wird." Die 2017 geborene hörende Tochter erziehen er und seine Partnerin, Schauspielerin Felicitas Woll, deshalb zweisprachig. Inklusion will Piwko auch in seinem zweiten Berufsfeld umsetzen: Seit seiner Kindheit praktiziert Piwko verschiedene Kampfsportarten. Als Kampfkunstlehrer und Meister trainierte er bis 2017 Kinder und Erwachsene mit oder ohne Handicap in seiner eigenen Kampfkunstschule. Dabei ist ihm vor allem ein Aspekt wichtig: "Ich möchte ihnen zeigen, dass sie selbst stark, mutig und selbstbewusst sein können, dass sie direkt kommunizieren und auf Fragen klar mit ja und nein antworten können. Kurz gesagt: Dass sie einfach selbstbewusst auf beiden Beinen stehen können."
Aktuell konzentriert sich Benjamin Piwko, der 2019 bei "Let's Dance" (RTL) den dritten Platz belegte, allerdings auf die Schauspielerei: "Ich würde gerne mal einen Hörenden spielen", sagt er: "Ich spiele und bewege meine Lippen und werde von einem Kollegen synchronisiert. Das wäre ein sehr reizvolles Projekt."
Auch wenn es inzwischen vermehrt Filme mit gehörlosen oder anderweitig beeinträchtigen Schauspielerinnen und Schauspielern gibt, fühlt sich Piwko in seinem Berufsalltag immer noch eingeschränkt: "Ich habe schon öfter Mails bekommen, wo ich für Filme angefragt wurde und bei denen ich mir nicht ganz sicher war, ob die Anfragenden auch wussten, dass ich taub bin." Einerseits sei es natürlich schön, dass manche Agenturen nicht auf sein Handicap achten, andererseits kann es aber auch Probleme verursachen, wenn er bestimmte Anforderungen nicht erfüllen kann. Umso schöner ist es zu hören, dass es auch den umgekehrten Fall gibt: 2020 etwa habe ein Regisseur, als er von seiner Gehörlosigkeit erfuhr, extra das Drehbuch umgeschrieben.

"Wenn wir die Welt leiser bekämen, würde das allen guttun"

Es sind Geschichten wie diese, die Piwko sichtlich freuen, während er an anderen Stellen auch Kritik an unserer Gesellschaft äußert: Verglichen mit anderen Ländern haben es Gehörlose in Deutschland immer noch schwerer, befindet er. Grund dafür ist, laut Piwko, die Nazizeit und die damit verbundene "ethnische Säuberung, die sich auch auf Behinderungen bezog": "Deswegen wurde nirgendwo gut aufgeklärt über Gehörlosigkeit. Die Schulen waren nicht gut aufgestellt, die Bildung ist nicht gut gelaufen, und mit all diesen Dingen hat es, glaube ich, zu tun." Erst 2016 stand Benjamin Piwko als erster gehörloser Hauptdarsteller überhaupt in einem "Tatort" ("Tatort: Totenstille" mit Devid Striesow und Elisabeth Brück) vor der Kamera. In den USA wiederum gewann Marlee Matlin bereits 1987 als erste Gehörlose den Oscar als beste Hauptdarstellerin für "Gottes vergessene Kinder".
Für seine berufliche Zukunft hat Piwko deshalb vor allem einen Wunsch: "Ich wünsche mir, dass Figuren und ihre Darsteller nicht aufgrund ihres Handicaps in den Mittelpunkt rücken sollten, sondern aus anderen Gründen." Anstatt dass Produktionen nach zwei gehörlosen Darstellern fragten, sollten sie lieber sagen: "Wir brauchen zwei Menschen, und alle, egal, ob gehörlos oder nicht, können am Casting teilnehmen."
Was er sich wünscht: Im Alltag sollten die Menschen weniger Mitleid zeigen, sondern "einfach ganz normal mit Mut" auf Gehörlose zugehen. Technische Hilfsmittel wie etwa die visuelle Anzeige von Bahndurchsagen könnten auch Hörenden in lauten Umgebungen den Alltag erleichtern. Zuletzt regt Piwko zu einer besonderen Übung an: "Ich wünsche mir, dass Hörende auch mal üben, eine leisere Welt zu gestalten. Vielleicht wäre das ein gutes Übungsfeld. Ich habe das Gefühl, dass durch den ganzen Lärm viele Menschen gestresst sind. Wenn wir die Welt leiser bekämen, würde das allen guttun."


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