whatshotTopStory

300.000 Jahre alter Elefant - Sensationsfund am Seeufer

Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.

Die 300.000 Jahre alten Elefantenknochen bilden ein fast vollständiges Skelett ab.
Die 300.000 Jahre alten Elefantenknochen bilden ein fast vollständiges Skelett ab. Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung / YouTube

Artikel teilen per:

19.05.2020

Schöningen. Im niedersächsischen Schöningen tummelten sich vor 300.000 Jahren Elefanten. Aus der altsteinzeitlichen Grabungsstelle wurden in den vergangenen Jahren Fossilien von mindestens zehn Elefanten geborgen. Nun haben Archäologen vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege erstmals ein nahezu vollständiges Skelett eines eurasischen Waldelefanten freigelegt. Das Tier starb am damaligen Seeufer von Schöningen ‒ was genau geschah und wie die Umgebung vor 300.000 Jahren beschaffen war, rekonstruiert das Team nun durch Analysen und weitere Grabungen. Hierüber berichtet das Niedersächsische Wissenschaftsministerium in einer Pressemitteilung.


Die ersten Erkenntnisse werden im Fachmagazin Archäologie in Deutschland veröffentlicht und wurden am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler in Schöningen präsentiert.

Nach 300.000 Jahre altem Wurfstock neue Sensation


„Die Kooperation mit Senckenberg und der Universität Tübingen trägt reiche Früchte. Vor wenigen Wochen erregte eine Studie zu einem in Schöningen entdeckten 300.000 Jahre alten Wurfstock international Aufmerksamkeit. Nun folgt eine weitere Sensation: Der Fund des fast vollständig erhaltenen Skeletts eines Waldelefanten zusammen mit den Spuren hier lebender und jagender Frühmenschen. Dies unterstreicht einmal mehr, um welch einen spannenden und wissenschaftlich bedeutenden Fundort es sich handelt", sagt Wissenschaftsminister Björn Thümler.

„Der ehemalige Tagebau Schöningen ist ein Klimaarchiv ersten Ranges, das uns in einzigartiger Weise vorführt, wie sich Klimaschwankungen auswirken. Dies muss künftig noch deutlicher herausgearbeitet werden. Ein Ort, an dem nachverfolgt werden kann, wie der Menschen vom Naturbegleiter zum Kulturgestalter wurde."

Die Knochen erzählen Geschichten


Das Elefantenskelett sei, wie die meisten Funde in Schöningen, außerordentlich gut erhalten, erklärt Dr. Jordi Serangeli, Ausgrabungsleiter in Schöningen. „Wir haben die 2,3 Meter langen Stoßzähne, den Unterkiefer, zahlreiche Wirbel und Rippen sowie Knochen von drei Beinen und sogar alle fünf Zungenbeine." Das Skelett sei an einer Stelle geborgen worden, an der sich vor 300.000 Jahren das Seeufer befunden habe, je nach Jahreszeit mit wechselndem Wasserspiegel.

Die Knochen des Elefanten erzählen eine eigene Geschichte: Nach der ersten Analyse handelt es sich um ein älteres, wahrscheinlich weibliches Tier mit stark abgenutzten Zähnen, wie der Archäozoologe Ivo Verheijen erklärt. „Das Tier hatte eine Schulterhöhe von ca. 3,2 Metern und ein Gewicht von ca. 6,8 Tonnen - es war somit größer als heutige afrikanische Elefantenkühe."

Elefant starb an Altersschwäche


Vermutlich starb es aus Altersgründen und ohne Einwirkung durch Menschen. „Elefanten halten sich oft am und im Wasser auf, wenn sie krank oder alt sind", sagt Verheijen. „Allerdings zeigen zahlreiche Bisspuren auf den Knochen, dass sich nach seinem Tod Raubtiere am Kadaver bedienten." Auch hätten die damaligen Menschen profitiert: Dies beweisen ca. 30 Absplisse von Feuersteinen, die das Team im Umkreis und zwischen den Elefantenknochen fand. Zudem stieß es auf zwei Langknochen, die den Spuren nach zu urteilen, als Werkzeuge genutzt wurden. „Die Steinzeitjäger schnitten vermutlich Fleisch, Sehnen und Fett aus dem Kadaver."

Verendete Elefanten dürften für den damaligen Homo heidelbergensis eine vielfältige Nahrungs- und Materialquelle gewesen sein. Zwar seien die Menschen der Altsteinzeit schon erfolgreiche Jäger gewesen, sagt Serangeli, „aber nach den derzeitigen Daten bestand für sie kein zwingender Grund, ausgewachsene Elefanten zu jagen und sich dabei in Gefahr zu bringen." Waldelefanten gehörten für sie selbstverständlich zu ihrer Umgebung, und sie dürften gewusst haben, dass diese immer wieder am Seeufer starben.

Fußabdrücke einmalig in Deutschland


Dass am Schöninger See zahlreiche Artgenossen des Elefanten unterwegs waren, beweisen Fußabdrücke, die rund 100 Meter von der Grabungsstelle entfernt dokumentiert werden konnten. Ein bisher einmaliger Fund in Deutschland, wie Flavio Altamura von der Universitá Sapienza in Rom erläutert, der die Spuren analysierte. „An dieser Stelle muss eine kleine Herde, Erwachsene und jüngere Tiere, durchgelaufen sein. Die schweren Tiere liefen auf nassen Seesedimenten, parallel zum Seeufer. Ihre Füße hinterließen im Schlamm kreisförmige Abdrücke mit einem maximalen Durchmesser von 60 Zentimetern."

Eine Fauna wie in Afrika


Aus der Fundstelle Schöningen im Landkreis Helmstedt konnten bereits viele Erkenntnisse über Flora, Fauna und das Leben der Menschen vor 300.000 Jahren während der Reinsdorf-Warmzeit gewonnen werden. Das damalige Klima war vergleichbar mit dem heutigen, die Landschaft jedoch viel reicher an Wildtieren. Rund 20 Großsäuger lebten damals im Umfeld des Schöninger Sees, darunter nicht nur Elefanten, sondern auch Löwen, Bären, Säbelzahnkatzen, Nashörner, Wildpferde und weitere Huftiere. „Der Reichtum an Wildtieren ähnelte dem des heutigen Afrika", sagt Serangeli.

Funde können besichtigt werden


Die Knochen der Elefantenkuh und die Steinabsplisse werden von Ivo Verheijen und Bárbara Rodríguez Álvarez, Doktoranden im Forschungsprojekt Schöningen, untersucht und von Anna-Laura Krogmeier im Forschungs­museum Schöningen restauriert. Dort können Besucher die Funde bereits jetzt besichtigen. Weitere detaillierte Analysen zu den Umwelt- und Klimabedingungen zum Zeitpunkt des Todes finden an der Technischen Universität Braunschweig, der Universität Lüneburg und der Universität Leiden (Niederlande) statt. Finanziert werden die Ausgrabungen in Schöningen durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Hier gehts zum Video von der Ausgrabung des Elefanten


zur Startseite