Region. Absage beim Hausarzt, Warten beim Facharzt: Für viele beginnt Krankheit heute nicht mit der Diagnose, sondern mit der Suche nach einem Termin. Und während die Beschwerden bleiben, bleibt oft nur Geduld, weil die Praxen voll sind. Neue Zahlen zeigen, wie knapp die Versorgung in Niedersachsen geworden ist, und warum Salzgitter und Wolfsburg besonders betroffen sind.
Wer in unserer Region einen Arzt sucht, merkt schnell, wie sehr Versorgung inzwischen vom Kalender abhängt. Es ist ein Satz, der heute wie ein Türschild klingt, auch wenn er am Telefon fällt: „Wir nehmen derzeit keine neuen Patientinnen und Patienten auf.“ Für viele beginnt das Problem nicht erst mit einer Diagnose, sondern mit der Frage, ob sie überhaupt noch irgendwo unterkommen. Dazu passt eine Zahl, die das Gefühl erschreckend nüchtern macht. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sind landesweit 447 hausärztliche Niederlassungsmöglichkeiten unbesetzt. Das ist kein Randproblem, sondern eine strukturelle Lücke. Und sie liegt nicht nur in entlegenen Gegenden. In Salzgitter sind 19,5 Hausarztsitze unbesetzt, in Wolfsburg 16. Dass hier sogar halbe Sitze auftauchen, hängt mit der Logik der Bedarfsplanung zusammen – gezählt werden Kapazitäten, die sich auch aufteilen können.
In Wolfsburg und Salzgitter wird es besonders eng
Gerade Wolfsburg zeigt, wie aus einem statistischen Wert eine Alltagserfahrung wird. Aus einer aktuellen Landtagsdrucksache zur Versorgungslage in Wolfsburg geht hervor, dass der hausärztliche Versorgungsgrad dort zwischen 2019 und 2025 von 100,5 auf 90,5 sank. Das klingt nach Verwaltung, bedeutet aber vor allem: Die Puffer werden dünner. Fällt eine Praxis weg oder findet sich keine Nachfolge, wird der Druck schneller spürbar, bei Neupatienten, bei der Terminvergabe, und bei der Frage, wie weit man am Ende fahren muss. Hinzu kommt die Altersstruktur, die in der Versorgung immer auch eine Zeitfrage ist. Knapp 39 Prozent der Wolfsburger Hausärztinnen und Hausärzte waren zuletzt über 60, konkret 29 von 75. Landesweit liegt das Durchschnittsalter bei Hausärzten in Niedersachsen nach Angaben der KVN bei 55,6 Jahren. Bis 2035 sollen rund 1.300 Niedergelassene in den Ruhestand gehen. Das ist der Hintergrund, vor dem aktuelle Engpässe nicht kleiner, sondern tendenziell größer werden.
Wochenlanges Warten auf Facharzttermine
Für viele wird die Lage erst dann richtig belastend, wenn der Hausarzt nicht mehr reicht. Eine repräsentative Forsa Befragung im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) für Niedersachsen zeigt, wie verbreitet lange Wartezeiten inzwischen sind. 57 Prozent warten länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin, 38 Prozent sogar mehrere Monate. Für Betroffene ist das nicht nur ärgerlich, es greift in den Alltag ein. Zwischen Überweisung und Termin liegt oft eine Zeit, in der Beschwerden bleiben und Entscheidungen trotzdem getroffen werden müssen.„Lange Wartezeiten auf Facharzttermine sind für viele Menschen ein Schmerzpunkt und ein Symptom dafür, was im ambulanten System schiefläuft“, heißt es von der TK weiter. Das betrifft nicht nur einzelne Facharztpraxen, sondern die ganze Kette, vom ersten Anruf bis zur Behandlung. Beim Hausarzt wirkt es für viele zunächst weniger dramatisch. Auch dieser Eindruck wird durch die TK-Erhebung gestützt, dort wird die hausärztliche Terminlage deutlich besser beschrieben als die fachärztliche. Doch genau diese Differenz verschiebt den Stau oft nur weiter nach hinten. Wer schnell beim Hausarzt ist, wartet anschließend trotzdem auf die nächste Station.
Warum das Umland den Druck in die Städte trägt
In unserer Region spielt zusätzlich ein Effekt eine Rolle, den viele aus eigener Erfahrung kennen. Wenn im Umland Praxen fehlen oder ausgebucht sind, weichen Patientinnen und Patienten in die nächstgrößeren Städte aus. Wenn dort wiederum Kapazitäten am Limit sind, verteilt sich der Druck nicht, er verdichtet sich. Es geht dann nicht nur darum, ob irgendwo ein Termin frei ist, sondern ob dieser Termin erreichbar ist, mit Arbeit, Betreuung, Mobilität und Gesundheit. Das macht den Unterschied zwischen Stadt und Land im Alltag sichtbar. Es ist nicht nur die Praxisdichte, es ist auch die Frage, ob man Wege leisten kann, und ob man sie überhaupt leisten sollte, wenn es einem nicht gut geht.
116 117 Terminservice
Viele versuchen es über die 116 117, also über die Terminvermittlung der Kassenärztlichen Vereinigungen. In der Bilanz wirkt das System leistungsfähig. Laut Evaluationsbericht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden für 2024 bundesweit 2.688.984 Termine über teilnehmende KVen angeboten. In derselben Auswertung wird eine Fristeinhaltungsquote von rund 97 Prozent genannt, bezogen auf gebuchte Termine und berechtigte Vermittlungswünsche. Trotzdem erleben Betroffene oft eine Lücke zwischen Statistik und Alltag. Fristgerecht heißt nicht automatisch nah, nicht automatisch passend, nicht automatisch im eigenen Umfeld. Wer weite Wege nicht schafft, wer kurzfristige Zeitfenster nicht bedienen kann oder wer in einer besonders knappen Fachrichtung sucht, spürt die Grenzen schnell. Der KBV-Bericht zeigt außerdem, wie klein der digitale Anteil dort bislang ist: Videosprechstunden machten 2024 im 116 117 Angebot nur 0,2 Prozent aus.
Telemedizin im Bereitschaftsdienst: Was KVN.akut bringt
Ein Ansatz, der in Niedersachsen bereits konkret sichtbar ist, ist Telemedizin im Bereitschaftsdienst. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen verzeichnete KVN.akut seit dem Teststart im Juni 2025 über 38.200 Anrufe, 80,2 Prozent konnten telemedizinisch abschließend versorgt werden. Der Erstkontakt erfolgte im Schnitt nach 5,4 Minuten. Gerade abends, nachts oder am Wochenende kann das für Betroffene spürbar helfen, weil die erste ärztliche Einschätzung schneller erreichbar wird. Auch die Videosprechstunde insgesamt nimmt wieder zu. Nach einer Auswertung der Techniker Krankenkasse wurden in Niedersachsen 2024 insgesamt 49.117 Videosprechstunden erreicht, ein Plus von 31 Prozent gegenüber 2023. Bundesweit waren es 2024 laut TK 711.000, plus 23 Prozent. Telemedizin kann Wege sparen und Sprechstunden entlasten. Sie ersetzt aber keine fehlenden Sitze, sie kann ein überlastetes System stabilisieren, nicht den Mangel verschwinden lassen.
Nachwuchs kommt, aber nicht sofort
Politisch soll Nachwuchs die Lücke schließen. Niedersachsen vergibt jährlich 60 Medizinstudienplätze über die Landarztquote, verbunden mit einer späteren Tätigkeit im ländlichen Raum. Für die Bewerbungsrunde 2026 gab es 214 Bewerbungen auf diese 60 Plätze. Der Hausärzteverband Niedersachsen sieht darin Rückenwind und sagt in einer Pressemitteilung: „Das zeigt deutlich: Viele junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen und können sich eine Tätigkeit als Hausärztin oder Hausarzt im ländlichen Raum sehr gut vorstellen.“ Das ist eine gute Nachricht, aber sie wirkt verzögert. Wer 2026 anfängt zu studieren, kann die Versorgungslücke von heute nicht kurzfristig schließen. Die Entlastung kommt später, während die Engpässe schon jetzt spürbar sind.
Was Betroffene jetzt tun können
So bitter es ist: Kurzfristig wird sich der Ärztemangel nicht komplett auflösen. Aber es gibt Wege, die zumindest Orientierung geben. Für die Terminvermittlung kann die 116 117 genutzt werden, ebenso für den ärztlichen Bereitschaftsdienst außerhalb der Praxiszeiten. Bei akuten, lebensbedrohlichen Notfällen gilt: nicht warten, sondern den Notruf 112 wählen. Wer unsicher ist, sollte Beschwerden frühzeitig ärztlich einschätzen lassen, auch weil Dringlichkeit im System oft erst dann Wirkung entfaltet, wenn sie medizinisch begründet dokumentiert ist.

