Auf Frontbesuch: Was macht die Bundeswehr im Pflegeheim?

Seit Monaten unterstützt die Bundeswehr bundesweit Pflegeeinrichtungen. Aber was genau machen die Soldaten eigentlich in den Altenheimen? regionalHeute.de war zu Besuch an einer ungewöhnlichen Front.

von Niklas Eppert


Die Grotjahn-Stiftung nimmt die Amtshilfe der Bundeswehr in Anspruch. Von links nach rechts: Hauptbootsmann Mitja Fehring, Oberstleutnant d.R. Joseph Landers, Benedikt Kappler, Mirko Bloemke, Stabsfeldwebel d.R. Leif Schlüter
Die Grotjahn-Stiftung nimmt die Amtshilfe der Bundeswehr in Anspruch. Von links nach rechts: Hauptbootsmann Mitja Fehring, Oberstleutnant d.R. Joseph Landers, Benedikt Kappler, Mirko Bloemke, Stabsfeldwebel d.R. Leif Schlüter Foto: Niklas Eppert

Wolfenbüttel. Seit Monaten unterstützt die Bundeswehr die Pflegeheime in der Pandemie. Soldaten machen Tests, helfen bei der Bürokratie und unterstützen Pfleger bei Aufgaben, die ihnen Zeit rauben, die sie eigentlich für Patienten und Bewohner aufbringen würden. Auch in der Grotjahn-Stiftung in Schladen sind vier Soldaten im Einsatz, insgesamt sind 20 auf den gesamten Landkreis verteilt. Die Pflegeheime zeigen sich dankbar für die Unterstützung. regionalHeute.de war auf Frontbesuch im Kampf gegen die Pandemie.


Dass die Bundeswehr Amtshilfe leistet, ist erst einmal nichts Ungewöhnliches, ja im Katastrophenfall sogar die Regel. Soldaten helfen zum Beispiel bei Fluten, Lawinen oder Waldbränden, bei denen zivile Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Geregelt ist das in Paragraph 35 des Grundgesetzes. Darin steht, dass Landkreise in besonderen Lagen die Hilfe der Streitkräfte anfordern können. Ist die Katastrophe vorbei, muss die Bundeswehr jedoch "unverzüglich" zurück in die Kasernen. In normalen Zeiten ist der Einsatz von Soldaten im Inland verboten.

Der Kontakt zwischen Landkreisen und Bundeswehr wird dabei über die sogenannten "Kreisverbindungskommandos", kurz KVKs, organisiert. KVKs rekrutieren sich ausschließlich aus Reservisten, sind also keine aktiven Soldaten. Im Landkreis Wolfenbüttel stellt Oberstleutnant Joseph Landers den Leiter des KVKs. Gemeinsam mit Stabsfeldwebel Leif Schlüter, ebenfalls Reservist, organisiert er die Vorbereitung und Verteilung der Soldaten auf die Pflegeheime, die Hilfe anfordern

Leif Schlüter und Joseph Landers vor der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Wolfenbüttel. Eigentlich ist Landers Unternehmer, Schlüter arbeite als Schulassistent. Für die Coronapandemie koordinieren sie die Amtshilfe im Landkreis Wolfenbüttel.
Leif Schlüter und Joseph Landers vor der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Wolfenbüttel. Eigentlich ist Landers Unternehmer, Schlüter arbeite als Schulassistent. Für die Coronapandemie koordinieren sie die Amtshilfe im Landkreis Wolfenbüttel. Foto: Niklas Eppert


Aus der Kochnationalmannschaft in die Grotjahn-Stiftung


Das KVK sitzt in der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Wolfenbüttel in Schladen. Von hier aus koordinieren Landers und Schlüter den Einsatz. Aktuell sind insgesamt 20 Soldaten auf verschiedene Alten- und Pflegeheime im Landkreis verteilt, darunter auch die Grotjahn-Stiftung in Schladen. Deren Führer ist Hauptbootsmann Mitja Fehring, der eigentlich in Wilhelmshaven im Offizierskasino arbeitet. Fehring ist gelernter Koch, kocht sogar für die Kochnationalmannschaft der Bundeswehr. Er und seine Männer sind seit dem 5. Februar in der Region im Einsatz. Zuvor waren die meisten der Soldaten ebenfalls im Küchendienst, einige fuhren sogar zur See. Der Dienst im Pflegeheim war also eine neue Welt für sie.

Mit den Bewohnern der Stiftung kämen die Soldaten dabei nicht in Kontakt. Sie werden dort eingesetzt, wo Pflegekräfte entlastet werden könnten: Sie nehmen Tests von Besuchern, Angestellten und Drittfirmen, unterstützten die Ablage und das Einpflegen der zugehörigen Dokumente. Seltener auch die Küche beim Aufräumen der Kantine. Ihre Aufgabe sei nicht die Arbeit der Pfleger zu machen, sie seien vor Ort, um zu entlasten. Die gewonnene Zeit, die nicht mit Papierkram oder leicht auszuführenden Tests verbracht werde, könnte von den Pflegern auf die Bewohner verwandt werden. Für den Leiter der Stiftung, Mirko Bloemke, eine enorme Entlastung, wie er gegenüber regionalHeute.de erklärt.

Hauptbootsmann Fehring arbeitet eigentlich im Offizierscasino des Marinestützpunktes Wilhelmshaven. Nun führt er die Soldaten in den Alten- und Pflegeheimen im Landkreis.
Hauptbootsmann Fehring arbeitet eigentlich im Offizierscasino des Marinestützpunktes Wilhelmshaven. Nun führt er die Soldaten in den Alten- und Pflegeheimen im Landkreis. Foto: Niklas Eppert


"Den Dampf vom Kessel nehmen"


Gerade in der Grotjahn-Stiftung hat die Pandemie ihre Spuren hinterlassen. Im vergangenen Sommer war das Heim von einem Ausbruch des Coronavirus betroffen, dem mehrere Bewohner zum Opfer fielen. Das ging nicht spurlos an Angestellten und Bewohner vorbei, niemand konnte persönlich auf so eine Situation vorbereitet sein. "Seit einem Jahr arbeiten unsere Mitarbeitenden auf Vollgas", erzählt Mirko Bloemke. Jede Hilfe sei willkommen. "Dankbarkeit trifft es nicht", sagt der Geschäftsführer, wenn er über die Marinesoldaten spricht. "Die Unterstützung ist großartig. Sie nehmen uns den Druck vom Kessel."

Die Soldaten auf der anderen Seite seien froh zu helfen. Fehring beschreibt sie als hoch motiviert, jeder von ihnen wolle seinen Teil beitragen. Eine Einschätzung, die sich im Gespräch mit den Männern bestätigt. Die Zusammenarbeit mit der Belegschaft laufe hervorragend. "Alle hier sind unglaublich freundlich. Die Resonanz ist super und wir spüren die Dankbarkeit", erzählt der Hauptbootsmann. Er habe sogar den Eindruck, dass die Uniform helfe. Gerade mit älteren Mitarbeitern, die noch Wehrdienst oder Zivildienst hätten leisten müssen, käme man schnell ins Gespräch. Mirko Bloemke nickt, als Fehring erzählt. Der Geschäftsführer des Schladener Heims stimmt Fehring zu. "So entsteht auch hier Kameradschaft, um mal im militärischen zu bleiben."

Mirko Bloemke ist Geschäftsführer der Grotjahn-Stiftung in Schladen. Nach einem schwierigen Jahr 2020 ist er dankbar für die Unterstützung durch die Bundeswehr.
Mirko Bloemke ist Geschäftsführer der Grotjahn-Stiftung in Schladen. Nach einem schwierigen Jahr 2020 ist er dankbar für die Unterstützung durch die Bundeswehr. Foto: Niklas Eppert


Der Rattenschwanz der Bürokratie


Die Entlastung käme vor allem auch deswegen gelegen, so Mirko Bloemke, weil die Anforderungen mit der Zeit immer höher geworden wären. Die Zahl der Mitarbeiter sei aber die Gleiche geblieben. Es geht dem Geschäftsführer dabei nicht um Sinn oder Unsinn der Vorgaben, es ist die Belastung, die ihn umtreibt. "Vor ein paar Monaten galt ein Testergebnis noch 72 Stunden, mittlerweile sind es 36. Jeder Test muss dokumentiert und eingepflegt werden", berichtet der Geschäftsführer. In Spitzenzeiten spräche man hier von über 200 Tests am Tag, an Ostern rechne man noch einmal mit deutlich mehr. Welche Zusatzbelastung das für Pflege- und Verwaltungspersonal darstellt, ist nicht schwer zu erahnen. Den Rattenschwanz arbeiten nun die Soldaten ab, ebenso wie das Testen selbst.

Oberstleutnant Joseph Landers, eigentlich Unternehmer, und Stabsfeldwebel Leif Schlüter, im Alltag Schulassistent, hätten die Ausbildung in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Schladen übernommen. Zwei bis drei Stunden dauere die, dann hätten die Männer die Freigabe Tests durchzuführen. Sobald die Freigabe da sei, stünden die Soldaten in zwei Schichten eingeteilt den Pflegeheimen zwölf Stunden am Tag zur Verfügung, sieben Tage die Woche. Das könnte auch noch etwas andauern. Auch wenn etwa 90 Prozent der Bewohner durchgeimpft seien, verschwände die Pandemie nicht einfach und damit bliebe auch die Belastung in der Grotjahn-Stiftung hoch. Daher, erklärt Mirko Bloemke, wolle er die Soldaten so lange wie möglich im Haus behalten.


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