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Besuch bei Helmstedts Landrat Radeck: Lebenshilfe kritisiert unverständliches Amtsdeutsch



Helmstedt

Besuch bei Landrat Radeck: Lebenshilfe kritisiert unverständliches Amtsdeutsch

Unter dem Motto „Wir verstehen nur Bahnhof“ überreichten die Mitglieder der Lebenshilfe unter anderem Schlüsselanhänger, die unterschiedliche Gebärden erklären, an die Verwaltungsspitze.

Im Nachgang zum Protesttag bekam jeder eine Tüte von der Lebenshilfe (von links) Sozialdezernent Dr. Burkhard Nolte, Axel Koßmann (Lebenshilfe) Landrat Gerhard Radeck, Sabine Kretschmann (Leiterin Geschäftsbereich Soziales) sowie Silke Haake und Henrike Schirren von der Lebenshilfe.
Im Nachgang zum Protesttag bekam jeder eine Tüte von der Lebenshilfe (von links) Sozialdezernent Dr. Burkhard Nolte, Axel Koßmann (Lebenshilfe) Landrat Gerhard Radeck, Sabine Kretschmann (Leiterin Geschäftsbereich Soziales) sowie Silke Haake und Henrike Schirren von der Lebenshilfe. Foto: Lebenshilfe

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Helmstedt. Die deutsche Amtssprache steckt voller Tücken und ist oftmals schwer verständlich – das gilt erst recht für Menschen mit geistigen oder Lern-Behinderungen. Darauf will die Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel gGmbH mit einer Aktion unter dem Motto „Wir verstehen nur Bahnhof“ aufmerksam machen. Dafür überreichten Lebenshilfe-Vertreter jetzt Helmstedts Landrat Gerhard Radeck unter anderem 50 Schlüsselanhänger, die unterschiedliche Gebärden erklären. Das berichtet die Lebenshilfe in einer Pressemitteilung.



„Eigentlich wollten wir zum europäischen Protesttag für Menschen mit Behinderungen in der Fußgängerzone die Bevölkerung direkt ansprechen“, berichtet Axel Koßmann, Öffentlichkeitsbeauftragter der Lebenshilfe. Diese Veranstaltung zum 5. Mai 2020 mussten die Organisatoren aber Pandemie-bedingt absagen. Jetzt holten sie die Aktion im kleineren Rahmen direkt beim Verwaltungschef des Landkreises Helmstedt nach. Sie überreichten Schlüsselanhänger für Mitarbeiter der Landkreisverwaltung, die der Berufsbildungsbereich der Wolfenbütteler Werkstätten hergestellt hat. Diese erklären die 100 wichtigsten Gebärden mithilfe eines Symbols auf der Rückseite. Zudem hatten die Lebenshilfe-Vertreter mehrere Exemplare des „Ohne-Wörter-Buchs“ als Präsent dabei – eine weitere Hilfe, um Kommunikationsprobleme aus dem Weg zu räumen.

"Den Bescheid versteht meist nur der Sachbearbeiter"


Amtsdeutsch sei oftmals schwer verständlich. Dafür gibt es viele Beispiele. Im Inklusionsplan des Landkreises Helmstedt wird ausdrücklich auf die Umsetzung einer barrierefreien Kommunikation hingewiesen. „Für Menschen, die kognitiv eingeschränkt sind, steckt die Amtssprache voller Barrieren“, sagt Koßmann. Viele dieser Menschen erhalten zum Beispiel Grundsicherung. „Den entsprechenden Bescheid dazu versteht aber meist nur der Sachbearbeiter selbst. Er steckt voller Beispiele für Amtssprache und Kürzel, die nicht jedem geläufig sind“, sagt Koßmann.


„Das Ziel muss es sein, solche Amtsvorgänge in leichter Sprache zu vermitteln“, betont Henrike Schirren, Projektkoordinatorin der Lebenshilfe.
Dabei müssten die Betroffenen immer mit einbezogen werden. „Wenn wir bei der Lebenshilfe Texte in leichte Sprache übersetzen, wird das stets von einer Lesegruppe, die nur aus Menschen mit kognitiven Einschränkungen besteht, geprüft“, so Schirren.

"Wir stehen noch am Anfang"


Die Verwaltungsspitze des Landkreises Helmstedt nahm die Aktion und die prall gefüllten Tüten wohlwollend entgegen. "In puncto leichter Sprache stehen wir noch am Anfang", räumte Landrat Gerhard Radeck ein. "Das erfordert noch viel Zeit und viel Aufmerksamkeit." Er lobte den Schritt der Lebenshilfe, auf Schwierigkeiten der Textvermittlung aufmerksam zu machen. Solche Klippen seien auch in der Verwaltung schon diskutiert worden. "Unsere Juristen haben mir dann erklärt, dass leichte Sprache gerade in Verordnungen nicht immer umsetzbar ist – aber ich finde, wir sollten es künftig wenigstens mal mit verständlicher Sprache versuchen." Sabine Kretschmann als Leiterin des Geschäftsbereiches Soziales regte an, solche kniffligen Texte juristisch wasserdicht zu lassen, sie aber durch Erklärungen in leichter Sprache zu ergänzen und zu verdeutlichen. Diesen Vorschlag nahm Henrike Schirren begeistert auf: "Davon würden sicher alle Leser profitieren, nicht nur Menschen mit Behinderungen."

Die Lebenshilfe hat an ihren Standorten in Helmstedt und Wolfenbüttel einen Fachdienst für Unterstützte Kommunikation, der für die „Protest-Aktion“ beratend tätig war. Zudem gab es dafür Förderung von der „Aktion Mensch“.


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