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"Botschaft gegen die Angst" - Aufzeichnung der Predigt des Landesbischofs



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"Botschaft gegen die Angst" - Aufzeichnung der Predigt des Landesbischofs

Mit Weihnachten sei die Hoffnung verbunden, „dass Gott uns nahe ist, unser Leben mit uns teilt und es hell macht“.

Die Christvesper wurde in diesem Jahr live aus dem Dom gestreamt.
Die Christvesper wurde in diesem Jahr live aus dem Dom gestreamt. Foto: Robert Braumann

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Braunschweig / Region. Landesbischof Dr. Christoph Meyns hat Weihnachten als Botschaft gegen die Angst bezeichnet. Der Zuspruch „Fürchtet euch nicht!“ gelte nicht nur den Hirten auf dem Feld von Bethlehem, sondern auch uns heute, sagte er am Heiligen Abend im Braunschweig Dom. In allen Sorgen um die Gesundheit, den coronabedingten Einschränkungen dieser Tage und in allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sei uns die Gegenwart Gottes zugesagt: Mit Weihnachten sei die Hoffnung verbunden, „dass Gott uns nahe ist, unser Leben mit uns teilt und es hell macht“. Der Livestream kann auf YouTube weiterhin angeschaut werden, wie die Landeskirche in Braunschweig in einer Pressemitteilung berichtet.



Gleichzeitig führe uns das Weihnachtsfest hinein in den „Wirkungskreis einer allumfassenden, bedingungslosen und barmherzigen Liebe“. Diese Liebe gelte es weiterzugeben, in gegenseitiger Fürsorge und Verantwortung, so der Landesbischof. Wir seien aufgerufen, mit allem, was in unserer Macht steht, dabei mitzuhelfen, die gegenwärtigen Herausforderungen zu bewältigen, „ohne Angst, aber mit vernünftiger Vorsicht, mit Gelassenheit und gesundem Menschenverstand, mit Rücksicht und Geduld“.

Die Christvesper aus dem Braunschweiger Dom wurde als Livestream auf dem YouTube-Kanal des Magazins der Landeskirche Braunschweig „Evangelische Perspektiven“ im Internet übertragen und steht hier weiter zur Verfügung.

Die Weihnachtspredigt des Landesbischofs im Wortlaut



Landesbischof Christoph Meyns. (Archivbild)
Landesbischof Christoph Meyns. (Archivbild) Foto: Anke Donner



"Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Liebe Gemeinde hier im Braunschweiger Dom und zu Hause an den Bildschirmen! So ganz und gar ohne Glanz ist dieses Weihnachtsfest trotz aller Ein- schränkungen zum Glück ja doch nicht. Die Innenstädte sind festlich beleuchtet. An vielen Häuser schimmern Lichterketten. Über manchen Straßen hängen kleine und große Sterne. Familien treffen sich, wenn auch im kleinen Kreis, um den Tannenbaum, tauschen Geschenke aus und lassen es sich gut gehen. Auch digitale Gottesdienste können sehr persönlich sein, und wann hat ein Gottesdienst im Braunschweiger Dom schon ein- mal Zuschauer in ganz Deutschland und darüber hinaus bis hin nach Südafrika erreicht?



Und vor allen Dingen: die Weihnachtsbotschaft ist dieselbe. Wie im jeden Jahr erinnern wir uns in diesen Tagen an die Geburt Jesu von Nazareth. Das ist ja schon ein erstaunliches Phänomen, dass sich Menschen über mehr als 60 Generationen hinweg jedes Jahr diese Geburt in Erinnerung rufen. Weihnachten zieht sich wie ein goldener Faden durch das Gewebe unserer Kultur, in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit bis in unsere Tage hinein, in guten Zeiten und in schlechten Zeiten, in Epochen hoher Stabilität und inmitten großer Umbrüche. Dieser Tag durchzieht auch unsere persönliche Biografie. Wir erinnern uns an die Weihnachts- feste mit unserer Familie seit frühester Kindheit.

Einmal im Jahr nehmen wir den goldenen Faden der Weihnacht auf und verknüpfen die Erinnerungen an die Geburt Jesu, wie sie die Bibel über- liefert hat, mit unseren eigenen Lebenserfahrungen. Dabei können wir an manches gut anknüpfen. Anderes bleibt uns fremd, hat vielleicht als Kind eine große Rolle gespielt, aber spricht uns als Erwachsener nicht mehr an. Manches wird uns vielleicht erst später im Leben wichtig werden. Für mich stand bisher immer die Freude, der Glanz und der Jubel dieses Tages im Vordergrund. Ich erinner mich gerne zurück an viele festliche Konzerte und schöne Gottesdienste, an die festliche geschmückte Stube, an Weihnachtslieder, Weihnachtskekse, an Besuche bei Großeltern und Verwandten an die großen Augen unserer Kinder bei der Bescherung.

Wenn ich die Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr unter dem Eindruck all dessen höre, was uns derzeit so alles beschäftigt, dann wird mir viel stärker als sonst bewusst, welche ungeheure, alle menschlichen Maßstäbe sprengende Provokation eigentlich darin zur Sprache kommt. Denn über- legen sie einmal, was Lukas da berichtet: Gott kommt auf die Welt. Gott, der Schöpfer und Erhalter des Universums, Gott, das allumfassende Geheimnis und der letzte Grund der Wirklichkeit jenseits aller Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen können, der Herrscher des Himmels und der Erde, der uns im Mutterleib gebildet hat, wie es im 139. Psalm heißt, der alle unsere Gedanken von ferne kennt, der im Voraus weiß, was wir sagen werden, für den Finsternis wie das Licht ist, dessen Gedanken größer sind als alle Sandkörner auf der Welt, demgegenüber wir uns in einer Position schlechthiniger Abhängigkeit befinden.

Dieser Gott wird Mensch, so erzählt es Lukas. Er begegnet uns nicht im übermächtigen Glanz seiner Herrlichkeit und Macht, sondern als schwaches, ohnmächtiges, neugeborenes Kind, geboren nicht in einem Palast, sondern in einem ärmlichen Stall und liegt in einem Futtertrog statt einem Kinderbett. Der Engel erscheint nicht Kaiser Augustus, nicht König Herodes, nicht Statthalter Quirinius noch sonst einem der Reichen und Mächtigen dieser Zeit, sondern Hirten, nichtsesshaften Tagelöhnern, die ganz unten auf der sozialen Leiter stehen. Der große Gott macht sich klein. Er erscheint inmitten in der Armut und der Not dieser Welt und lässt sich ganz und gar auf sie ein.

Liebe Gemeinde, das stellt alle menschlichen Kategorien, in denen wir über Gott und die Welt nachdenken, in einer Weise auf den Kopf, dass einem schwindelig wird. Wir lassen diese Dynamik in der Regel nicht so dicht an uns heran. Aber eigentlich gleicht die Weihnachtsgeschichte der Fahrt auf einer Achterbahn, die unsere gewohnten Maßstäbe, Werte und Haltungen gehörig durcheinander wirbelt.

Aber genau darin liegt eine zutiefst heilsame Bewegung. Denn wer die Weihnachtsgeschichte hört, in sie eintaucht und sich von ihr berühren lässt, der geht mit den Hirten auf das Feld. Er spürt ihre Armut und die Mühen ihrer Arbeit. Er fühlt die Dunkelheit und Kälte der Nacht, die Sorge um ihre Herde, ihre Angst vor Raubtieren und begegnet auf diese Weise der eigenen Armut, den eigenen Dunkelheiten und Mühen, mit dem was auf der Seele liegt und beschwert: Sorgen um die eigene Gesundheit und die unserer Familie, Müdigkeit und Erschöpfung, Erfahrungen mit Grenzen und mit Brüchen, Erlebnisse mit Krankheit, Sterben und Tod, mit dem Scheitern von Lebensentwürfen.

Und eben hier, inmitten der eigenen Brüche, Grenzen, Dunkelheiten und Schatten, hören wir mit den Hirten die Worte des Engels: „Fürchtet euch nicht.“ Für mich ist dieser eine Satz die zentrale Botschaft des Weihnachtsfestes in diesem Jahr. Fürchtet euch nicht – trotz aller Sorgen um die Gesundheit. Fürchtet euch nicht – trotz aller Einschränkungen dieser Tage. Fürchtet euch nicht – trotz aller wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Fürchtet euch nicht – trotz allem was euch auf der Seele liegt. Wenn wir dann mit den Hirten nach Bethlehem ziehen und in den Stall treten, finden wir an der Krippe den Ort, an dem wir das alles ablegen, dem neugeborenen Kind übergeben und dafür die Hoffnung empfangen, dass Gott uns nahe ist, unser Leben mit uns teilt und es hell macht. „Fürchtet euch nicht.“ Diesen Satz sollen wir festhalten und uns immer wieder an ihn erinnern in den kommenden Tagen und Wochen.

Zugleich liegt in diesem Zuspruch ein entschiedener Widerspruch und ein starker Anspruch an unser Leben. Die Weihnachtsgeschichte wendet sich ja mit ihrer Botschaft indirekt gegen jedes Urteil über Menschen entlang herkömmlicher Kategorien. Maßstäbe wie Leistungskraft, Erfolg, sozialer Status, Popularität, Besitz, Schönheit oder Gesundheit, ja sogar moralische Anständigkeit zählen an der Krippe nichts. Das Weihnachtsfest führt uns hinein in den Wirkungskreis einer allumfassenden, bedingungs- losen und barmherzigen Liebe. Und damit beruft sie uns dazu, diese Liebe weiterzugeben, in gegenseitiger Fürsorge und Verantwortung miteinander zu leben, und sich dabei nicht durch politische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Kategorien und Grenzen aufhalten zu lassen.

Wir sind aufgerufen, mit allem, was in unserer Macht steht, dabei mitzuhelfen, die gegenwärtigen Herausforderungen zu bewältigen, in der Zuversicht des Glaubens, ohne Angst, aber mit vernünftiger Vorsicht, mit Gelassenheit und gesundem Menschenverstand, mit Rücksicht und Geduld. Das gilt nicht nur für unser unmittelbares Umfeld. Die Nächstenliebe kennt keine Grenzen. Es ist ja kein Zufall, dass wir jedes Jahr am Heiligabend die Kollekte für die Aktion „Brot für die Welt“ erbitten. Damit öffnen wir den Horizont für den Nächsten in der Ferne. So verstärkt in Syrien, im Jemen, in Eritrea und im Sudan die Pandemie das Leid der Opfer von Krieg und Gewalt. In Indien und in vielen afrikanischen und südamerikanischen Ländern wirken sich die Einschränkungen des öffentlichen Lebens massiv auf Straßenverkäufer und Tagelöhner aus. Dadurch wiederum verlieren Kinder die Möglichkeit zum Schulbesuch. Zugleich lässt sich hier mit vergleichsweise wenig Mitteln viel erreichen. Zum Glück ist die Spendenbereitschaft der Deutschen noch immer hoch und wird es hoffentlich trotz aller Einschränkungen auch in diesem Jahr sein.

Vieles ist in diesem Jahr anders. Wir erleben ein vergleichsweise stilles Weihnachtsfest mit starken Einschränkungen und weniger Glanz. Aber die Botschaft bleibt die gleiche wie in jedem Jahr: „Fürchtet euch nicht.“ Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen."


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