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Corona-Ausbrüche in Flüchtlingsheimen - Wie gut ist Braunschweig vorbereitet?

Das Infektionsrisiko in Flüchtlingsunterkünften sei einer Bielefelder Studie zufolge in etwa so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Auch in der Region gab es erste Vorfälle - wie hart könnte es die Braunschweiger Erstaufnahmeeinrichtung treffen?

von Marvin König


Die Erstaufnahmeeinrichtung in Kralenriede von der Straße aus gesehen. (Archivbild)
Die Erstaufnahmeeinrichtung in Kralenriede von der Straße aus gesehen. (Archivbild) Foto: Sina Rühland

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02.06.2020

Braunschweig. Corona-Infektionsausbrüche in zwei Unterbringungen für Asylbewerber in Wolfsburg und Gifhorn sorgten für einen Lockdown der entsprechenden Einrichtungen. In der Gifhorner Einrichtung mit rund 160 Bewohnern werden am heutigen Montag weitere Testergebnisse erwartet. Mit rund 539 Bewohnern ist die Erstaufnahmeeinrichtung der Landesaufnahmebehörde (LAB) in Kralenriede deutlich größer - und auch gefährdeter? regionalHeute.de ist der Frage auf die Spur gegangen, wie gut die Braunschweiger Einrichtung auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet wäre.


Über insgesamt 700 Plätze verfügt die Braunschweiger Einrichtung insgesamt. Die Unterbringung erfolgt ausschließlich in Zimmern mit zwei bis sechs Betten. Sanitärbereiche müssen gemeinsam genutzt werden. "Die Belegung erfolgt unter Berücksichtigung der Familiengrößen und -verhältnissen sowie möglicherweise bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen", erklärt Hannah Hintze, Sprecherin der Landesaufnahmebehörde in Niedersachsen. Trotz dieser für eine Virusausbreitung sehr günstigen Unterbringungssituation sehe man sich laut Hintze gut auf die Corona-Pandemie vorbereitet: "An allen Standorten der LAB gab es bereits vor der aktuellen Pandemie Vorkehrungen für Fälle von Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Windpocken oder Masern. Diese Vorkehrungen greifen auch für einen möglichen Infektionsfall mit dem Coronavirus."

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Mindestabstände kaum möglich


Regulär verfügt die Erstaufnahmeeinrichtung eigentlich sogar über 973 Plätze. Dass derzeit nur 700 zur Verfügung stehen, hängt unter anderem mit der Vollsanierung eines der Wohngebäude auf der 64.000 Quadratmeter großen Anlage zusammen - Möglichkeiten zur "Entzerrung" der Wohnsituation aufgrund der verhältnismäßig geringen Auslastung sind damit deutlich reduziert. Der Braunschweiger Verein Refugium Flüchtlingshilfe hält das für alarmierend: "Die Unterbringung von bis zu sechs Personen in einem Zimmer gibt keine Möglichkeit den geforderten Mindestabstand einzuhalten." Damit schließt sich der Verein einer Forderung des niedersächsischen Flüchtlingsrates an, der außerdem eine schnelle Verteilung Asylsuchender in geeignetere Einrichtungen fordert, um das Infektionsrisiko zu reduzieren.

In diesem Zusammenhang beklagen der Flüchtlingsrat und Refugium Doppelstandards bei den Maßnahmen zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Coronavirus: "Während sich die Landesregierung anderswo darum bemüht, das Risiko einer Infektion durch die Vermeidung von Kontakten zu reduzieren und etwa für Saisonarbeitskräfte, und Erntehelfer eine Unterbringung möglichst nur in Einzelzimmern verfügt hat, sieht die Landesregierung weiterhin kein Problem darin, Geflüchtete monatelang in großen Lagern in Sechsbettzimmern unterzubringen."

Was passiert effektiv?


Dass Abstand das höchste Gebot zur Verhinderung von Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist, dürfte den meisten inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Dass dies in Flüchtlingseinrichtungen nicht immer funktioniert, führt dann zu Situationen wie jüngst in einem Heim nahe Bonn mit 152 Coronavirus-Infektionen, oder eben auch in Gifhorn mit (bislang) 15 Infizierten oder in Wolfsburg mit zurzeit vier bestätigten Fällen.

Die Erstaufnahmeeinrichtung in Kralenriede beruft sich auf optimierte Abläufe auch im Hinsicht auf die Ankunft der Asylbewerbenden: "Auch weiterhin werden neu ankommende Personen unmittelbar nach Ankunft durch das Sicherheitspersonal in Empfang genommen und unverzüglich zu einer ersten Inaugenscheinnahme zur Sanitätsstation gebracht. Dies ist 24 Stunden am Tag möglich und war bereits auch vor der Ausbreitung des Virus Standard in den Einrichtungen des Landes. Generell steht die Sanitätsstation allen Bewohnerinnen und Bewohnern bei medizinischen Anliegen rund um die Uhr zur Verfügung." Des Weiteren werde bei allen Neuankömmlingen die Körpertemperatur gemessen. Im weiteren Verlauf wird auch eine Befragung vorgenommen, wo die Personen sich auf ihrer Fluchtroute aufgehalten haben und wie ihr aktueller Gesundheitszustand ist.

Maskenpflicht in der Einrichtung


Weiterhin gilt in der Einrichtung ebenfalls die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Hintze erklärt: "Dazu wird unter anderem auf selbstgenähte Masken aus Nähprojekten von Bewohnerinnen und Bewohnern zurückgegriffen. Da hierdurch allerdings nicht alle Bedarfe gedeckt werden können, werden auch Einmalmasken an die Bewohnerinnen und Bewohner ausgegeben. Die Tragepflicht gilt innerhalb der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen in allen Verwaltungsgebäuden inklusive der Essensausgabe und der Sanitätsstation. Darüber hinaus sprechen wir eine Empfehlung zum Tragen der Maske auch in weiteren Bereichen aus, wie zum Beispiel den Fluren der Unterkünfte und bei Treffen mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern, die nicht im selben Zimmer leben." Die Flüchtlingshilfe Refugium habe in Kooperation mit anderen Vereinen weitere 70 Masken für die in der Einrichtung wohnenden Kinder beigesteuert.

Bewohner sind gut informiert


Trotz aller Vorkehrungen spielt bei der Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen auch immer noch der Faktor Mensch eine Rolle. Nach Angaben der LAB sei dies aber absolut kein Problem. "Die Bewohnerinnen und Bewohner sind auch über unsere Hinweise hinaus gut über die weltweite Situation und die Pandemie informiert", berichtet Hintze: "Die Empfehlungen, Vorgaben und Einschränkungen werden durch den überwiegenden Teil der Bewohnerschaft anstandslos eingehalten."


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