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"Das Grundrecht auf Hoffnung" - Die Weihnachtspredigt des Bischofs

Bischof Heiner Wilmer vom Bistum Hildesheim der römisch-katholischen Kirche regt in seiner Predigt auch einen finanziellen Beitrag der Reichen zur Bewältigung der Krise an.

Symbolbild.
Symbolbild. Foto: pixabay

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25.12.2020

Region. Bischof Heiner Wilmer SCJ setzt in seiner Weihnachtspredigt auf „die Kraft der Hoffnung“ In Zeiten der Pandemie gebe es ein „Grundrecht auf Hoffnung“. Das betont der Hildesheimer Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ in seiner Weihnachtspredigt am 1. Weihnachtsfeiertag im Hildesheimer Dom. In der Corona-Krise erlebe er eine große Solidarität in der Gesellschaft, erklärt Wilmer. Gleichzeitig regt der Bischof einen finanziellen Beitrag der Reichen zur Bewältigung der Krise an. Das Bistum Hildesheim berichtet hierüber in einer Pressemitteilung.



„Wir haben ein Grundrecht auf Hoffnung. Wir können Ängste haben und Sorgen, weinen und trauern, doch das Grundrecht bleibt. Es wird nicht fortgespült von Tränen, nicht niedergeschrien von Verzweiflung, nicht ausgelacht von Zynismus“, sagt Wilmer. Die Kraft der Hoffnung lasse erahnen, dass es eine Zeit nach Corona geben werde und dass diese Zeit eine andere, eine bessere sein werde, weil die Menschen aus der Krise gelernt hätten.

Der Bischof: „Wir haben gelernt, wie wichtig Menschen sind, die in Kliniken und in Altenpflegeheimen für andere da sind. Wir haben gelernt, dass Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher hohe Anerkennung verdienen. Wir haben gelernt, dass wir rücksichtsvoll miteinander umgehen können. Wir haben gelernt, dass es gut wäre, wenn die Reichen in unserer Gesellschaft mehr finanzielle Verantwortung übernehmen würden.“

In der Pandemie bangten jetzt viele um ihre Existenz, aber manche seien dadurch sogar reicher geworden, sagt Wilmer. Der Bischof erinnert daran, dass Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ mahne, dass Entwicklung nicht die „wachsende Bereicherung einiger weniger“ zum Ziel haben dürfe. „Ja, wir feiern Weihnachten in der Pandemie! Das ist eine Zumutung! Aber eine Zumutung, in der wir eine Chance erkennen und sie ergreifen – in der Kraft der Hoffnung!“ schließt der Bischof seine Predigt.

Die Weihnachtspredigt des Bischofs im Wortlaut


"Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Weihnachten in Zeiten der Pandemie! Weihnachten so ganz anders! Mag dieses Fest zuhause in den Familien noch denselben Charakter wie letztes Jahr haben, so spüren wir hier im Dom den großen Unterschied: Abstand statt Nähe; Schweigen statt kraftvollem Singen.

Ein gefährliches Virus hat die Welt verändert! Wir sind jetzt in unseren Gebeten bei denen, die schwer erkrankt sind, bei den Pflegenden und Ärztinnen und Ärzten, bei den Verstorbenen und den Angehörigen. Unsere Schöpfung ist verletzlich und kann verletzen. Paulus schreibt im Römerbrief: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ Gott hat die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen und gleichzeitig - „auf Hoffnung hin“ (Röm 8,22.20). Die Grundkraft der Hoffnung ist sein Geschenk an uns!


Papst Franziskus sprach in der Ostervigil dieses Jahres angesichts von Corona von einem „Grundrecht, das uns nicht genommen werden wird: das Recht auf Hoffnung. Es ist eine neue, lebendige Hoffnung, die von Gott kommt.“ Ja: Wir haben ein Grundrecht, ein Grundrecht auf Hoffnung. Wir können Ängste haben und Sorgen, weinen und trauern, doch das Grundrecht bleibt. Es wird nicht fortgespült von Tränen, nicht niedergeschrien von Verzweiflung, nicht ausgelacht von Zynismus. Das Grundrecht auf Hoffnung tragen wir in uns – und damit das Grundrecht darauf, dass uns Hoffnung trägt. Blicken wir auf die 1. Lesung: Große Teile der Bevölkerung Judas sind im 6. vorchristlichen Jahrhundert nach Babylon verschleppt worden. Die Menschen im Exil blickten mit Angst in die Zukunft. Doch da mitten in aussichtsloser Situation erscheint der Freudenbote, der die Rückkehr verheißt: „Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst.“ (Jes 52,9). Ja, „willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der
Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt.“ (Jes 52,7). Diese Hoffnung beflügelte die Verbannten in Babylon! Diese
Hoffnung beflügelt auch uns. Es gibt viele Hoffnungsworte in der Bibel, wie die 2. Lesung betont: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten.“ (Hebr 1,1). Diese frohen und oft auch mahnenden Worte machten den Menschen in
ihrer jeweiligen Zeit Mut, schenkten ihnen Hoffnung. Und dann verdichten sich diese Worte zu dem einen Wort, das „Fleisch
geworden“ ist (Joh 1,14). Das feiern wir heute! Gott lässt uns nicht allein. In Jesus zeigt er uns, dass er der „Immanuel“, der „Gott mit uns“ ist (Mt 1,23). Und er ist nicht nur mit uns, sondern er ist einer von uns geworden. Er fühlt Angst, Niedergeschlagenheit, Zorn, Verlassenheit, Miteinander, Freude, Jubel und Hoffnung. In diesen Zeiten der Pandemie erleben wir eine große Solidarität. Menschen sind füreinander da. Menschen sprechen einander Mut zu, warnen und helfen. Zeichen der Hoffnung! Unsere Gesellschaft braucht das Miteinander! In Gottes Schöpfung gehören alle Menschen zusammen! - Das ist Jesu Vision vom Königreich Gottes.

Deshalb gibt es das Bündnis „Niedersachsen hält zusammen“. In der Broschüre „Niemand bleibt allein“ gibt es den Vorschlag: „Gehen Sie
spazieren und laden Sie jemanden dazu ein – mit genügend Abstand eine gute Möglichkeit zum Austausch". Wir können einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Virusübertragung leisten – und dabei füreinander Freudenbotinnen und Freudenboten sein, die verkünden: Niemand bleibt allein! Selbst diejenigen nicht, die sterben müssen. Die Kraft der Hoffnung lässt uns ahnen, dass es eine Zeit nach Corona geben wird und dass diese Zeit eine andere, eine bessere sein wird, weil wir aus der Krise gelernt haben. Hoffentlich!Wir haben gelernt, wie wichtig Menschen sind, die in Kliniken und in Altenpflegeheimen für andere da sind. Wir haben gelernt, dass Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher hohe Anerkennung verdienen.

Wir haben gelernt, dass wir rücksichtsvoll miteinander umgehen können, etwa in den Warteschlangen vor Geschäften; wir haben gelernt, wie
wohltuend Freundlichkeit ist, auch wenn unsere Mimik durch Masken verdeckt wird. Wir haben gelernt, dass es gut wäre, wenn die Reichen in unserer Gesellschaft mehr finanzielle Verantwortung übernehmen würden. In der Pandemie bangen jetzt viele um ihre Existenz, aber manche sind durch die Pandemie sogar reicher geworden. In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ mahnt Papst Franziskus: „Entwicklung darf nicht die wachsende Bereicherung einiger weniger zum Ziel haben.“ Ja, wir feiern Weihnachten in der Pandemie! Das ist eine Zumutung! Aber eine Zumutung, in der wir eine Chance erkennen und sie ergreifen - in der Kraft der Hoffnung! So möchte ich beten:

„Gütiger Gott, Dein Sohn Jesus Christus ist in dieser Zeit ungeahnter Not und Ohnmacht mit uns auf dem Weg. Wir danken dir, dass wir deine Gegenwart erfahren, dass du zu uns sprichst durch dein Wort und uns ermutigst und dass du die Herzen vieler zur Liebe bewegst. Dein Heiliger Geist schenke uns Mut, Geduld und Kraft. Auch wenn wir uns jetzt nicht treffen können, lass uns beieinanderbleiben, damit wir Hoffnung finden für die Zukunft. Amen.“"


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