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Der Plattenspieler im Bunker: Von vermeintlichen Autowerkstätten und der Ackermann-Bande

Die Geschichte in Wolfenbüttel ist lebendig. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann an vielen Stellen Relikte aus anderen Epochen entdecken. Hinter vielen verbergen sich verblüffende Geschichten.

von Julia Fricke


Dieter Kertscher nahm uns mit auf eine Zeitreise. Im Hintergrund: Der Eingang zur Kasematte, die im Krieg auch als Luftschutzbunker diente.
Dieter Kertscher nahm uns mit auf eine Zeitreise. Im Hintergrund: Der Eingang zur Kasematte, die im Krieg auch als Luftschutzbunker diente. Foto: Julia Fricke

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22.07.2020

Wolfenbüttel. Für viele ist Geschichte etwas, das sich in Büchern und im Museum abspielt. Doch in Wolfenbüttel gibt es noch das ein oder andere Relikt aus einer anderen Zeit zum Anfassen. Als Wolfenbütteler geht man täglich an ihnen vorbei. Nutzt sie wie selbstverständlich und hinterfragt dabei auch nicht. So auch die alten Wallanlagen und Luftschutzbunker, die nach wie vor in Wolfenbüttel erhalten sind. Dieter Kertscher, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Altstadt e. V. nahm uns mit auf eine faszinierende Zeitreise. Dabei kam die ein oder andere Anekdote aus einer längst vergangenen Zeit ans Tageslicht.


Im letzten Jahr wurden einige Bäume auf einer Grünfläche am Landeshuter Platz gefällt. Sie fielen der Trockenheit und den Borkenkäfern zum Opfer. Jeder Wolfenbütteler kennt die markante Erdanhäufung hinter der Trinitatiskirche. Rund herum sind Parkplätze angeordnet. Was viele nicht wissen: unter dem Berg befindet sich ein ehemaliger Luftschutzbunker. Und der Platz hinter der Kirche war damals noch eben. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der damalige Friedrich-Wilhelm-Platz aufgegeben. Dort wo heute die AOK ist, befand sich damals ein Offizierskasino. Trinitatiskirche, Schule und Bürgerfriedhof lagen daneben. Die Turnhalle wurde erst 1964 errichtet.


Unter der im letzten Jahr neu begrünten Fläche befindet sich noch heute ein Luftschutzbunker. Foto: Julia Fricke



Als klar wurde, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, wurde ein System entwickelt, um die Bevölkerung vor den Luftangriffen zu schützen. Bei diesen Anlagen handelte es sich um systematische Anlagen, so Kertscher weiter. Erde wurde ausgehoben, Winkelgänge gebaut und vermutlich mit Eisenträgern abgedeckt. Durch die Winkelgänge wurde die Splitterwirkung der Bombeneinschläge entschärft. So auch am Landeshuter Platz. Bei jedem Luftangriff mussten die Bewohner der anliegenden Häuser den Bunker aufsuchen, wenn sie nicht selbst einen geeigneten Keller gehabt hatten.

Die beiden Eingänge des Bunkers wurden nach dem Krieg zugeschüttet. Heute sieht man sie nicht mehr. Man wollte verhindern, dass sich Kinder in den Gängen aufhalten. Dies wäre zu gefährlich gewesen.

Die "Ackermann-Bande" macht die Gegend unsicher



Auch der Eingang eines zweiten Bunkers am Schulwall, eine ehemalige Kasematte, wurde nach dem Krieg zugeschüttet. Dies geschah jedoch erst 1954. Die "Ackermann-Bande" rund um Harald Ackermann, der ebenfalls viel für die Aktionsgemeinschaft Altstadt geleistet hat, hatte sich eben diesen Bunker als Treffpunkt auserkoren. "Die Ackermann-Bande war berüchtigt, weil die jeden in Wolfenbüttel geärgert hat", erzählt Kertscher, der noch in Kontakt zu Harald Ackermann steht. Als Kinder seien sie von den Eltern vor dem Ort gewarnt worden: "Geht da nicht rein, da sind die Ackermänner", hätten sie gesagt. Schulkinder gingen sogar einen Umweg zur Schule, um nicht an dem ehemaligen Bunker vorbei zu müssen.


Unter dieser Wallanlage befindet sich noch heute die Anlage der ehemaligen Kasematte, die auch als Bunker diente. Und ein Schallplattenspieler. Foto: Julia Fricke



Den Eisenträger, der im Bunker verbaut wurde, hätten die Jungen damals zum Schrotthändler gebracht. Dies brachte ihnen einige Groschen ein. Als Einsturzgefahr bestand, sollte der Eingang von der Stadt zugeschüttet werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Bande ebenfalls im Bunker aufgehalten, wie Kertscher berichtet, dem Harald Ackermann seine Geschichte über die Jahre immer wieder erzählt habe. "Wir schütten zu, ist jemand drin?", habe man gefragt, bevor der Eingang mit Erdreich zugeschüttet wurde. Zwei Stunden hat die Bande gebraucht, um sich mit Händen wieder freizugraben. Vorher herauszukommen sei damals keine Option gewesen. Zu verhasst sei die Bande in der Stadt gewesen. Wenn sie denn mal gefasst wurden, sind sie mit der Lederpeitsche verdroschen worden, hatte Ackermann seine Entscheidung gegenüber Kertscher begründet. Würde man den Eingang heute öffnen, so könnte man noch den Plattenspieler von Harald Ackermann und eine Schallplatte dort unten finden. Diese musste er zurücklassen.

Beide Anlagen sind unterirdisch heute noch vorhanden.

Eine ehemalige Autowerkstatt, die keine ist


Ein weiterer Eingang zu einem ehemaligen Bunker findet sich unweit neben dem Postgebäude, das bereits seit 1870 die Post beherbergte. Der Anbau der heutigen Post ist 1960 dazugekommen. "Auf meinen Führungen frage ich oft, was das hier ist. Dann sagen die Leute: ´Ganz klar, da war mal eine Autowerkstatt. Da sind die Autos hochgefahren, um von unten repariert zu werden´. Aber das wäre dann wahrscheinlich doch zu steil und zu eckig gewesen", so Kertscher. Tatsächlich handelt es sich jedoch um den Eingang zum Bunker. Treppen führten wahrscheinlich von rechts und links in die Tiefe. Tiefe ist dabei jedoch relativ, denn tiefer als die Oker hatte man nicht bauen können, ohne nasse Füße zu bekommen. So sei der Bunker schätzungsweise 1,50 Meter hoch gewesen sein. Wie genau die Gänge gelegen haben, das konnte Dieter Kertscher auch nur raten.


Hier hat wohl niemand sein Auto repariert. Foto: Julia Fricke



Weitere Kasematten befinden sich unter dem Seeliger Haus. Eine davon diente ebenfalls zu Kriegszeiten als Luftschutzbunker. Zu anderem Zeiten wurde sie von der Familie Seeliger genutzt, die Wein oder Kartoffeln in ihr lagerten, wie Kertscher berichtet.

Splittergräben statt Bunker



Wer keinen Keller hatte, um sich vor den Bombenangriffen zu schützen und auch nicht über einen Keller verfügte, der musste Schutz einem sogenannten Splittergraben suchen. Diese Gräben waren unter anderem auf dem Schlossplatz und dem Rosenwall zu finden. Wenn eine Granate oder eine Bombe rechts einschlug, so war man immerhin vor dem Luftdruck und den Splittern geschützt.

Nach dem Krieg hatte der erste Bürgermeister der Stadt Wolfenbüttel verfügt, diese sofort zuzuschütten. Denn sie wurden nicht mehr gebraucht und stellten eine Gefahr dar. Zu sehen sind die Gräben heute nicht mehr, aber zu erahnen. Wer als Kind auf dem Rosenwall im Winter gerodelt ist, kennt die Huckel, über die der Schlitten damals hopsen konnte. Dabei handelt es sich um Überbleibsel eben dieser Gräben, die scheinbar damals doch nicht so ganz wieder zugeschüttet wurden.


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