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Ein Nachmittag auf der Frühchen-Station

von Sina Rühland


Foto: Sina Rühland

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07.02.2015


Braunschweig. Früher Start ins in Leben: die Drillinge Max, Anton und Ella sind in der 33. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Für viele Kinder der Kinder- und Frühgeborenenintensivpflege-Station beginnt das Leben schon Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Welche Herausforderungen dieser zeitige Lebensbeginn für Kinder, Eltern und medizinisches Personal bedeutet, hat ein Besuch im Städtischen Klinikum gezeigt.

Die Station der Kinder- und Frühgeborenenintensivpflege befindet sich direkt neben dem Kreißsaal am Standort Celler Straße. Zwei Intensivbetten und zehn Frühgeborenenintensivbetten (Inkubatoren) stehen zur Verfügung. Es herrscht eine besondere Atmosphäre auf den Gängen der Station. Hier und da piept ein Überwachungsgerät, ein Baby schreit. Die Pflegekräfte und Mediziner tragen nicht die übliche weiße Dienstkleidung, sondern magenta.



In einem der Räume steht eine Frau. Sie schaut in den Inkubator, steckt die Hand vorsichtig durch die Öffnung und berührt die kleinen Finger darin. Es ist die 32-jährige Julia Taut. Sie ist vor zwei Wochen Mama von Drillingen geworden. Die Kinder kamen sieben Wochen zu früh und wogen zwischen 1300 und 1550 Gramm. „Das ist Max, dahinten sind Anton und Ella“, erzählt sie und strahlt dabei. Der kleine Max schaut neugierig aus seinem Wärme-Bettchen. An seinem fragil wirkenden Körper befinden sich mehrere Schläuche. „Es sieht schlimmer aus als es ist – eigentlich werden nur noch die Körperfunktion überprüft und die Milch kommt durch den Schlauch.“ Als ein Überwachungsgerät anfängt zu piepen, geht Julia Taut an das Bett von dem kleinen Anton. Sie steckt ihre Hand durch die Luke und fängt an mit ihm zu sprechen – sie singt. "Er hat gerade gegessen, da fällt der Blutdruck manchmal ein Wenig. Dann muss man ihn wieder in Schwung bringen", erzählt die Fachpflegerin.

Überraschung: es werden Drillinge


Als Julia Taut und ihr Mann von der Drillingsschwangerschaft erfahren haben, seien sie anfänglich geschockt gewesen. „Familienplanung abgeschlossen“, lacht Julia Taut. Was auf sie und ihren Mann zukommt, wenn sie ihre Kinder mit nach Hause nehmen dürfen, wissen sie auch noch nicht so genau. „Irgendwie wird das schon gehen. Wir sind einfach nur glücklich, dass es unseren Kindern gut geht und sie gesund zur Welt gekommen sind.“ Bevor Anton, Max und Ella bei ihren Eltern einziehen dürfen, müssen sie vorerst noch ein paar Wochen stationär beobachtet werden. „Ich denke, wir können sie zum errechneten Geburtstermin mit nach Hause nehmen“, sagt die Drillingsmama.

Nachdem das Paar vor einigen Monaten von ihren Drillingen erfuhr, wuchs auch die Angst. „Wir hatten schon Sorge, denn bei Mehrlingsgeburten birgt die Schwangerschaft ein hohes Risiko. Der Gynäkologe erzählte uns von der Option, eines der Kinder wegnehmen zu lassen – das kam für uns nicht in Frage, denn es ging ja allen gut.“ In der Tat sind die medizinischen Risiken bei Mehrlingsgeburten erhöht. 98 Prozent aller Drillinge kommen zu früh auf die Welt. Entsprechend niedrig ist das Geburtsgewicht, und auch der Gesundheitszustand der Frühgeborenen ist oft schlecht. Umso größer die Freude der Eltern Taut. Ihren Kindern geht es gut. Die nächsten Herausforderungen wird nun der Alltag mit sich bringen – denn Mama und Papa haben zusammen nur vier Hände. Dennoch schaut Julia Taut optimistisch in die Zukunft.

Arbeiten auf der Kinderintensivstation




Die Pflegestationsleiterin Lydia Schneider arbeitet seit 17 Jahren im Frauenklinikum auf der Kinderintensiv-Station. Sie betreut täglich Frühgeborene und deren Eltern, sieht Kinder, die gesund nach Hause dürfen und Kinder, die sterben. „Man gibt viel in diesem Beruf. Ich baue eigentlich weniger eine Bindung zu den Kindern auf, als die Eltern zu uns. Wir betreuen die Kinder und weisen sie ins Leben. Wenn dann ein Kind stirbt, leide ich mit den Eltern, lasse aber die Geschichte vor der Tür." Die Stationsleiterin betrachtet ihre Arbeit mit der langjährigen Erfahrung einer Kinderkrankenschwester. „Es ist ja so, wenn die Kinder nicht überleben, hätten sie wahrscheinlich im Falle des Überlebens keine gute Lebensqualität gehabt.“

Eine Frage der Ethik


Kinder leiden, wenn sie allzu früh zur Welt kommen, häufiger unter geistigen Behinderungen oder physischen Defiziten. "Es ist keine Frage des Gewichtes, es ist eine Frage der Größe und Reife, ob und wie die Kinder überleben. Kinder, die die 24. Schwangerschaftswoche erreichen, haben eine Aussicht zu überleben und werden intensivmedizinisch betreut – man muss aber sagen, dass einige Kinder auch nicht überleben", erzählt Oberarzt Dr. Markus Stahl. Kämen Kinder gar zwischen der 22. und 24. Woche zur Welt, müsse man in Absprache mit den Eltern klären, wie es weiter gehe. "In der 22. Schwangerschaftswoche sind die Organe noch nicht ausgereift. Die Lunge hat noch keine Lungenbläschen, die Blutgefäße im Gehirn sind unterentwickelt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder an schweren Behinderungen leiden, ist groß. Es ist eine ethische Frage – die meisten, der extrem unterentwickelten Kinder, überleben nicht oder tragen schwere Behinderungen davon", so Stahl. Die Biologie habe ihre Grenzen.

Kommen Kinder ab der 24. Woche zur Welt, stehen die Chancen schon besser. "In der Medizin hat sich einiges getan und man wird sehen, was an Fortschritt auch in den kommenden Jahren möglich ist", sagt der Oberarzt. Wenn die Kinder das Gröbste überstanden haben, also ihre Temperatur selbstständig halten können, keine Atemaussetzer aufweisen und eigens schlucken können, dann dürfen sie nach Hause. "Die Meisten schaffen es zu dem errechneten Geburtstermin – und dann sind sie auch gesund." Und das wünschen sich wohl alle Eltern.


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