Ein politisches Vaterunser mit Ex-Bundespräsident Gauck

13. Februar 2018 von
Joachim Gauck nahm die rund 1.000 Gäste mit auf eine politisch-kirchliche Zeitreise. Fotos: Nick Wenkel
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Braunschweig. Bis auf den letzten Platz war der Braunschweiger Dom am heutigen Dienstagabend besetzt. Grund dafür war der Jahresempfang der Landeskirche Braunschweig. Ausschlaggebend für das riesige Gästeaufkommen war sicherlich aber auch der diesjährige Gastredner, der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck.

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Gauck, der erst im März letzten Jahres sein Bundespräsidentenamt an Frank-Walter Steinmeier abgab, hat sowohl die Trennung als auch die Wiedervereinigung Deutschlands miterlebt und politisch begleitet. In seiner Rede gab der 78-Jährige daher auch seine Erfahrungen an die jüngere Generation weiter. Joachim Gauck warb für mehr Geduld beim Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland. “Der Weg vom Untertanen in einer Diktatur zum selbstbewusst handelnden Bürger“ sei lang und unterschiedliche Prägungen überdauerten Generationen, sagte er vor den rund 1.000 Gästen im Braunschweiger Dom.

Ein Appell an die Kirchen

Die Kirchen bat er zudem, den „immer noch nicht abgeschlossenen Prozess der inneren Einheit unseres Landes“ mutig mitzugestalten. Sie könnten Ermutigung ausstrahlen, „zum Menschsein, zum Bürgersein, zum Christsein“. Und mit Blick auf die Landeskirche Braunschweig fügte er hinzu: Wer auf eine 450-jährige Verwurzelung bei den Menschen blicke, „welche ernsthaften Konkurrenten außer eigene Mutlosigkeit, äußere Gleichgültigkeit und Geistlosigkeit muss er denn bitte fürchten?“

In seiner Festrede würdigte der ehemalige Bundespräsident außerdem die Leistung der Kirchen für das deutsch-deutsche Verhältnis. Von familiären Verbindungen abgesehen habe niemand mehr für menschliche Begegnung, gedanklichen Austausch und den Fortbestand gemeinsamer Identität auf einer gemeinsamen Wertebasis geleistet als die Institution Kirche. Das werde auch durch die ehemalige Propstei Blankenburg und die Region um Calvörde deutlich, die zu DDR-Zeiten zu ostdeutschen Landeskirchen gehörten, bevor sie nach dem Mauerfall wieder Teil der Landeskirche Braunschweig wurden.

Joachim Gauck im Austausch mit Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth.

Kirchen als Hindernis wahrgenommen

Die Kirchen, so Gauck, seien von der Staatsführung der DDR trotz ihrer organisatorischen Abtrennung von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Ende der Sechzigerjahre als Hindernis wahrgenommen worden: „Als entscheidendes und wohl auch letztes verbleibendes Bollwerk gegen eine vollständige, endgültige Trennung von Ost und West und zugleich als Gefahrenquelle für die Stabilität der Diktatur in der DDR.“ Die innerkirchlichen Kontakte hätten Gesprächsfäden am Leben gehalten, die außerhalb der Kirchen mehr und mehr verstummten.

Landesbischof Christoph Meyns begrüßte die Gäste im Braunschweiger Dom.

„Demokratiefreier Raum DDR“

Außerdem seien die Kirchen in der DDR der einzige Raum gewesen, in denen demokratisches Verhalten trainiert und institutionalisiert wurde. Bis auf Thüringen hätten im sonst „demokratiefreien Raum DDR“ alle Synoden öffentlich getagt und mehr Grundregeln des Parlamentarismus erfüllt, als das so genannte Parlament der DDR. Das Einüben demokratischen Handelns in den Strukturen der Kirchen sei hilfreich gewesen für die spätere Übernahme politischer Verantwortung.

Der ehemalige Bundespräsident bei seiner Rede.

Zusammenhalt gestärkt

Der Landeskirche Braunschweig attestierte der ehemalige Bundespräsident, dass sie in ihrer 450-jährigen Geschichte den Zusammenhalt von Christen „und von Deutschen“ gestärkt habe: „Sie haben damit nicht nur menschliche Kontakte aufrecht erhalten und einander unterstützt, sie haben beharrliche geschwisterliche Brücken zwischen Ost und West gebaut, die Mauer durchlässiger gemacht, kirchlichen Spielraum in der DDR vergrößert und letztlich ohne es zu wissen oder ahnen zu können, Vorarbeiten geleistet für ein Überwinden der Trennung und für das Zusammenwachsen unseres Landes.“

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