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Entsetzen über Corona-Party nach Eintracht-Aufstieg - Wieso schritt niemand ein?

Die Polizei reagiert auf Kritik nach den gestrigen Feierlichkeiten zum Eintracht-Aufstieg. Niemand hielt Abstand, niemand trug eine Maske. Und die Polizei schaute tatenlos zu. Warum eigentlich?

von Marvin König


700 Fans vor dem Stadion - An die Abstandsregeln hielt sich hier niemand mehr.
700 Fans vor dem Stadion - An die Abstandsregeln hielt sich hier niemand mehr. Foto: Alexander Dontscheff

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02.07.2020

Braunschweig. 700 jubelnde Fußballfans vor dem Eintracht-Stadion, 600 Personen auf dem Bohlweg und vor dem Schloss feierten den Aufstieg ihrer Helden in die zweite Bundesliga. Abstand? Fehlanzeige. In den sozialen Medien sorgt die Untätigkeit der Polizei angesichts dieser Situation für Empörung. Die Polizei Braunschweig könne den Ärger der Menschen gut verstehen - Im Interview mit regionalHeute.de erklärt Polizeisprecherin Carolin Scherf jedoch, dass eine andere Handlungsweise kaum vertretbar gewesen wäre.



Die wunderbaren Bilder ausgelassen feiernder Eintracht-Fans entstanden, während aufgrund der Corona-Maßnahmen Konzerte immer noch im Sitzen stattfinden müssen und der Amateursport höchstens 250 Zuschauer empfangen darf, alles unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Scherf berichtet zunächst, dass man über den friedlichen Verlauf der Zusammenkunft sehr erfreut gewesen sei: "Es gab keinerlei Körperverletzungsdelikte, trotz dass Alkohol geflossen ist. Das ist bei so vielen hundert Menschen ein schönes Ergebnis. Das war auch unser Ziel. Wir haben ja damit gerechnet, dass wenn die Eintracht den Aufstieg schafft viele Menschen zusammenkommen."

Eintracht bedauert den Vorfall


Eintracht Braunschweig bedauert laut einer offiziellen Stellungnahme des Vereins, dass bei den spontanen Feierlichkeiten die gültigen Abstands- und Verhaltensregeln derart missachtet worden seien:

"Im Moment des Aufstiegs in die 2. Bundesliga hat sich eine große Emotionalität entladen. Was dem Fußball ohne die treuen Fans und ihre Leidenschaft fehlt, haben wir in den vergangenen Wochen gesehen. Aber bei aller Freude über diesen großartigen sportlichen Erfolg ist es trotzdem wichtig, dass wir gemeinsam daran arbeiten, die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern."


Im Vorfeld hatte der Verein über alle Kanäle explizit darum gebeten, die bestehenden Regelungen einzuhalten - Was schließlich auch im eigenen Interesse der Fans sein dürfte. Schließlich ist das Ausbruchsgeschehen dafür entscheidend, wann die ersten Fans wieder in die Stadions strömen dürfen, um hautnah dabei zu sein.


Etwa 600 Personen versammelten sich nach Polizeiangaben am Bohlweg Foto: Alexander Dontscheff




Polizei in einer Pattsituation


Die Polizei sah sich am gestrigen Abend in einer äußerst schwierigen Situation. "Grundsätzlich müssen wir unterscheiden, ist es einfach eine spontane Zusammenkunft oder ist es eine Versammlung", erklärt Carolin Scherf und fährt fort: "Hier haben wir eine Zusammenkunft von vielen Menschen die sich spontan treffen und feiern. Im Gegensatz zu einer Versammlung haben wir hier keinen Verantwortlichen vor Ort, dem wir sagen können, dass er die Versammlungsmitglieder zum Abstand halten auffordern soll."

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Aus polizeilicher Sicht sei es an diesem Abend nicht möglich gewesen, die Menschen auf friedliche Weise zum Abstand halten zu bewegen. "Wären wir hier eingeschritten wären wir auf erheblichen Widerstand gestoßen, es wäre zu Protesten, körperlichen Auseinandersetzungen und Widerstandshandlungen gekommen. Wir wollten Personenschäden vermeiden", so die Sprecherin. Scherf weiter: "Wir müssen unsere Maßnahmen auch immer unter dem großen Maßstab der Verhältnismäßigkeit prüfen. Diese Handlungsweise hätte uns wahrscheinlich so auch jedes Gericht so bestätigt."


Die Polizei sperrte den Bohlweg angesichts der immer größer werdenden Menschenmasse Foto: Alexander Dontscheff



Ab wann wird die Polizei machtlos?


Auf die Frage, ab welcher Größe einer Versammlung die Polizei die Einhaltung der Abstandsregelungen nicht mehr durchsetzen kann antwortet Scherf, dass die Entscheidung zur Untätigkeit im Einzelfall fallen müsse: "Pauschal können wir nicht sagen, dass wir die Corona-Regelung nicht mehr durchsetzen können. Wenn aber die Gefahr zu groß ist, dass durch die Durchsetzung weitere Gefahren entstehen und viel größere Gefahren, als der mangelnde Abstand sie birgt, dann kann es im Einzelfall sein, dass wir sagen, in dieser Situation müssen wir von der Durchsetzung Abstand nehmen."

Was wäre die Alternative gewesen?


Der Braunschweiger Zeitung sagte Scherf in einem Interview zur Thematik, dass jeder zunächst die Verantwortung für sich selbst trage. Ein Satz, der manchen sauer aufstößt, geht es doch beim Coronavirus eben nicht um das Individuum, sondern um den Schutz aller, besonders der Risikogruppen. Hier wirft Scherf die Frage auf, was man denn von der Polizei erwarte, denn "die Polizei kann nicht die Verantwortung für die hunderten von Menschen tragen, die da anwesend waren."

"Wir sehen, dass da ein Missstand besteht - aber wir hatten keine Alternative."

- Carolin Scherf, Sprecherin der Polizeiinspektion Braunschweig



Dass es für die Außenwirkung der Ordnungskräfte eine ungünstige Situation ist, räumt die Sprecherin ein: "Wir verstehen den Ärger der vielen Menschen, die sich fragen, warum die Polizei nichts gemacht hat. Wir beziehen dazu Stellung und beantworten sehr viele Anfragen. Wir sehen, dass da ein Missstand besteht - aber wir hatten keine Alternative, selbst wenn wir die zehnfache Menge an Polizisten vor Ort gehabt hätten." Doch was wäre die Alternative gewesen? "Wenn wir zu jedem einzelnen hingehen würden und sagen 'Ich fände es gut, wenn Sie den Abstand einhalten würden' und man uns antwortet 'nö', dann haben wir nur die Möglichkeit körperlich zu werden. Ansonsten hat das Wort der Polizei ja gar keine Bedeutung mehr", gibt die Sprecherin zu bedenken und führt aus: "Wenn wir jemanden auffordern, etwas zu tun brauchen wir auch die rechtlichen Handhabe, diese Aufforderung durchzusetzen. Das würde dann darin enden, dass wir unter Vollschutz in die Menschenmenge hineingehen müssen um die auseinanderzutreiben. Das hätten wir nicht verantworten können."



Die Folgen seien absehbar gewesen: "Es wäre zu Schäden unbeteiligter gekommen, zu Verletzungen und Sachbeschädigungen. Gewalttätige Ausschreitungen wären durchaus möglich gewesen", beurteilt Scherf die Situation und erinnert an die Ausschreitungen nach einem Eintracht-Aufstiegsspiel in der Neuen Straße im Mai 2013, bei denen 25 Polizisten verletzt wurden.

Warum trugen die Polizisten keinen Mundschutz?


Grundsätzlich gibt es dienstrechtlich eine dringende Empfehlung, im Einsatz einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. In geschlossenen Räumen ist es sogar Pflicht. Letztlich trug jedoch kaum jemand eine Maske während der Einsätze am Stadion und am Bohlweg. "Praktisch ist es so, wenn wir über zwölf oder vierzehn Stunden im Einsatz sind, geraten wir tatsächlich auch an unsere Grenzen der körperlichen Belastbarkeit", erklärt Scherf. Noch dazu sei das Wetter schwülwarm gewesen, die Einsatzkleidung ist schwer und warm. "Auch einsatztaktisch ist es manchmal sinniger, keine Maske zu tragen. Es ist deeskalierender, wenn man unser ganzes Gesicht sehen kann. Wir wollten niemanden durch unsere Anwesenheit zu provozieren - Es gab schließlich auch keinen Anlass dazu, besondere Stärke zu demonstrieren."

Ermittlungsverfahren wegen Pyrotechnik laufen


Ganz ohne Probleme verliefen die Feierlichkeiten dann doch nicht. Gegen verschiedene Personen wurde ein Strafverfahren wegen der Verwendung von Pyrotechnik eingeleitet. "Pyrotechnik ist grundsätzlich nicht erlaubt, innerhalb und außerhalb des Stadions nicht. Durch die hohen Temperaturen und die Rauchgase, die abgegeben werden - es wurden mitunter Nebeltöpfe gezündet - können körperliche Beeinträchtigungen und Verletzungen entstehen", erklärt die Sprecherin.



"Wir haben das im Bereich des Stadions beobachtet und konsequent verfolgt. Einige der Verantwortlichen konnten wir direkt vor Ort ausfindig machen und mit dem Tatvorwurf konfrontieren. Bei anderen laufen die Ermittlungen noch." Scherf abschließend: "Nun, aber da sind wir routiniert hier in Braunschweig."

Übrig bleibt die Frage, wie man die Situation hätte lösen können. Eine Eskalation zur Einhaltung der Verordnung in Kauf zu nehmen hätte vermutlich zu einer Debatte über Polizeigewalt gegenüber friedlich feiernder Fans geführt, die Untätigkeit der Einsatzkräfte vor dem Hintergrund der Corona-Verordnungen sorgt jedoch ebenso für Unmut. Falls es einen Mittelweg gab, konnte er am Eintracht-Stadion und am Bohlweg am gestrigen Mittwochabend jedenfalls nicht gefunden werden.


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