Gewerkschaft alarmiert: 16,4 Millionen Überstunden in der Region

Mehr als die Hälfte der Überstunden war unbezahlt. Wegen Plänen der Bundesregierung könnte Arbeitnehmern bald eine noch größere Belastung drohen.

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Symbolfoto. | Foto: Pixabay

Region. Die meisten Arbeitnehmer kennen es wohl nur allzu gut: Zusätzlich zur regulären Arbeitszeit müssen Überstunden geleistet werden – oftmals unbezahlt. Auch in der Region sind im vergangenen Jahr viele Überstunden zusammengekommen, wie der "Arbeitszeit-Monitor" des Pestel Instituts zeigt. Wieviele genau es waren, darüber informiert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die die Studie in Auftrag gegeben hatte, in einer Pressemitteilung.



Braunschweig schiebt ordentlich Überstunden: Rund 4,7 Millionen Stunden haben Beschäftigte im vergangenen Jahr in Braunschweig zusätzlich gearbeitet. Davon rund 2,6 Millionen Überstunden zum Nulltarif – ohne Bezahlung. Allein in Hotels und Gaststätten in Braunschweig leisteten Köche, Kellnerinnen, Barkeeper & Co. im vergangenen Jahr rund 64.000 Überstunden. Das hat das Pestel-Institut auf Basis einer Auswertung der Bundesagentur für Arbeit ermittelt. Die Wissenschaftler haben dabei für Braunschweig bundesweite Durchschnittswerte von Arbeitszeiten in der Gastronomie herangezogen. Demnach waren 53 Prozent aller in Braunschweig geleisteten Überstunden in Hotels, Restaurants, Gaststätten und Biergärten unbezahlt.

So ist die Lage in der restlichen Region


Von 1,9 Millionen Überstunden haben Beschäftigte im vergangenen Jahr auch in Salzgitter mehr als die Hälfte, nämlich rund 1 Million Stunden, unbezahlt gearbeitet. Im Landkreis Goslar waren es 1,4 Millionen Stunden, 743.000 davon ohne Bezahlung. Etwa 808.000 Stunden haben Beschäftigte im vergangenen Jahr im Landkreis Helmstedt zusätzlich gearbeitet – 421.000 Stunden davon wurden nicht vergütet. Im Kreis Wolfenbüttel waren es 824.000 Stunden, davon 437.000 unbezahlt.

In Wolfsburg wurden rund 2,3 Millionen von insgesamt 4,2 Millionen Überstunden nicht bezahlt. Im Landkreis Gifhorn haben Beschäftigte 1,5 Millionen Stunden Mehrarbeit geleistet, davon 813.000 ohne Vergütung. Ähnlich war es auch im Landkreis Peine: 570.000 von 1,1 Millionen Überstunden blieben unbezahlt. Insgesamt wurden in Braunschweig und der Region rund 16,4 Millionen an Überstunden geleistet.

Überstunden könnten noch merklich anwachsen


Die Gewerkschaft warnt: Der Überstundenberg in der Region dürfte demnächst noch größer werden. Grund seien Pläne der Bundesregierung, die Arbeitszeit neu zu regeln: „Schwarz-Rot will eine wöchentliche Höchstarbeitszeit und den 8-Stunden-Tag abschaffen. Betriebe könnten von ihren Beschäftigten dann verlangen, auch zehn, elf oder in der Spitze sogar 12 Stunden und 15 Minuten pro Tag zu arbeiten“, sagt Katja Derer von der NGG Süd-Ost-Niedersachsen-Harz. Schon jetzt betrage die maximale Arbeitszeit 48 Stunden pro Woche. In der Spitze seien sogar 60-Stunden-Wochen möglich. „Das sind Extrem-Arbeitswochen. Selbst wenn so ‚Hammer-Wochen‘ innerhalb eines Vierteljahres ausgeglichen werden müssen."

Doch noch schlimmer werde es, wenn die Bundesregierung jetzt tatsächlich ans Arbeitszeitgesetz Hand anlege und den 8-Stunden-Tag kippe. Dann würde nämlich nur noch das europäische Recht ein Wochen-Limit für die Arbeitszeit setzen. Und das wäre brutal: Arbeitgeber könnten ihre Beschäftigten dann sogar zu 73,5-Stunden-Wochen verdonnern – nämlich zu sechs Tagen à 12 Stunden und 15 Minuten im Job. "Das wäre fast das doppelte Wochen-Pensum von heute – und damit Arbeitszeit-Stretching pur“, so Derer.

Mehrarbeit auf Kosten der Gesundheit


Die Geschäftsführerin der NGG Süd-Ost-Niedersachsen-Harz spricht von einem „Arbeitszeit-Monopoly“ der Bundesregierung: „Das ist wilde Zeit-Zockerei. Für Beschäftigte bedeutet das: Arbeiten bis ans Limit – und darüber hinaus“, so Derer. Sie hat dabei die Gesundheit der Beschäftigten im Blick, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Nach acht Stunden Arbeitszeit steigt die Gefahr von Arbeitsunfällen rasant an. XXL-Arbeitstage bedeuten auf Dauer eine Belastung für den Körper und für die Psyche: von Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen bis zum Burnout“, so Derer.

Kein Ersatz für Fachkräfte


Die geplante Aufweichung des 8-Stunden-Tages gehe in die falsche Richtung. Schon heute jonglierten Familien zwischen Job, Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. „Längere Arbeitstage verschärfen die Probleme und verhindern eine gerechte Verteilung von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Pflege. Außerdem ersetzten 10- oder 12-Stunden-Tage keine fehlenden Fachkräfte. „Gute Arbeitsbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, systematische Qualifizierung und mehr Ausbildung. Das sind die richtigen Hebel für mehr Fachkräfte. Verschiebereien bei der Arbeitszeit sind nichts anderes als das Löcherstopfen bei einer zu dünnen Personaldecke“, so Katja Derer.