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Hässliche Blaugelbe Fratze? Fanprojekt äußert sich



Braunschweig

Hässliche Blaugelbe Fratze? Fanprojekt äußert sich


Symbolbild: Sina Rühland
Symbolbild: Sina Rühland Foto: Sina Rühland

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Braunschweig. Nachdem sich in den letzten Wochen Schlagzeile über Schlagzeile mit Empörung über "die Eintracht Fans" ergoss (RegionalBraunschweig.de berichtete), fühlten sich viele zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt. Das Braunschweiger Fanprojekt hat nun eine umfassende Aufarbeitung veröffentlicht. Im Folgenden wird dieses ungekürzt und unkommentiert veröffentlicht.
In Internetforen und Kommentaren reden viele Menschen mit, die sich nicht ansatzweise auskennen. Mit Halbwissen und Bekenntnissen bestätigt man sich gegenseitig, statt anhand von Fakten zu diskutieren. Das ganze Thema wird hysterisch behandelt. Die Fans müssen sich rechtfertigen, können sich nicht erhobenes Hauptes in einigen Bereichen ihres Lebens bewegen, werden verbal angegriffen, oder es wird sich über sie lustig gemacht. Wir von der Fanbetreuung können dies nachvollziehen, denn auch wir erleben diese Dinge täglich. Noch in der Abstiegssaison aus der ersten Liga waren unsere Fans eine Bereicherung für die Bundesliga, bekamen von der Bildzeitung den Preis "die tapfersten Fans der Saison" überreicht und wurden bundesweit allseits gelobt. Viele Fans sind jetzt empört; über die Art der Berichterstattung, über die Wortwahl, über die wenig detaillierte und undifferenzierte Darstellung der Geschehnisse und zuletzt empört darüber, dass sie niemand verteidigt oder ihre Anliegen wenigstens versteht. Vor allem aber, weil nicht einmal ein Prozent von ihnen irgendetwas mit den kritisierten Vorfällen zu tun hat.


Wir wollen die Geschehnisse in mehreren Punkten aufarbeiten:

Leipzig / Banner
Nachdem das Banner mit der Aufschrift: „IN BRAUNSCHWEIG WEIß EIN JEDES KIND DASS ALLE BULLEN SCH… SIND!“ beim Heimspiel gegen Leipzig großflächig in der Südkurve prangte, löste dies eine Welle der Empörung aus. Überraschenderweise war es die Polizei, die sich angesprochen fühlte. Leipzig hingegen nahm das Banner völlig gelassen hin, sie sind wohl anderes gewohnt. Durch die rote Farbwahl des Wortes Bullen, sollte deutlich werden wer gemeint war. Schließlich nennen sich die Leipziger selbst die Roten Bullen. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die Doppeldeutigkeit des Banners auch den Verfassern nicht verborgen geblieben ist, muss man sehen, wer denn solche Choreographien eigentlich anfertigt. Es sind jugendliche Fans. Jugendliche verfügen über einen anderen Sprachgebrauch und entsprechende Ausdrucksformen um ihre Anliegen zu kommunizieren. Diese Tatsache ist jetzt auch keine echte Überraschung. Warum wurde also das Banner bewusst illegal ins Stadion gebracht? Natürlich weil es ansonsten in der Form nicht zugelassen worden wäre. Hier wird deutlich, wo die eigentliche Krux liegt. Einerseits wollen wir Meinungsfreiheit, andererseits schränken wir sie wieder ein, und in manchen Fällen landen wir dann bei Geschmacksfragen. Unsere Demokratie muss das aushalten können.
Man kann sogar sagen, dass auch auf diese Weise wichtige gesellschaftliche Diskussionsprozesse mit angestoßen werden. Im Verhältnis dazu sind Banner mit Aufschriften wie „Tod und Hass“, „Abschaum“, „Verrecke“, „Fickt Euch“ und andere, die in den Stadien in der Vergangenheit immer wieder zu beobachten waren, wesentlich drastischer. Sie wurden und werden aber meist relativ klaglos hingenommen, zogen nur ganz selten überhaupt Diskussionen nach sich und tauchten kaum in der Presse auf. Die Aussage dieses Banners war nicht politisch korrekt, sie ist geschmacklich fragwürdig, aber sie bringt bezüglich des Leipziger Fußballkonstruktes das auf den Punkt, was eine Vielzahl von Fans denkt. Die kennen sich nämlich gut aus und diskutieren wesentlich differenzierter und inhaltlicher über die Zukunft des Fußballs. Und viele Fans haben eine durchaus berechtigte Angst davor, dass der Fußball hier so wird wie in England. Sie wollen nicht den Wettkampf des Kapitals, sondern die sportliche Auseinandersetzung. Fans haben Angst ihre Kultur zu verlieren. Sie wollen Fußball mit größtmöglicher Chancengleichheit für alle Vereine. Denn das macht doch den besonderen Reiz aus und verbindet sich mit individuellem Stolz darüber, dass sich der eigene Verein aufgrund eigener Kraft und guter Arbeit erfolgreich präsentiert. Für Fans spielt es eine große Rolle dass ihre Kultur, Tradition und Region wichtiger sind als ein x beliebiger Geldgeber. Zuletzt lieben sie die Gemeinschaft, ein Gefühl, das in der modernen Gesellschaft immer mehr abhanden kommt, wo es fast ausschließlich um Konsumenten, Verbraucher und Kunden geht. Zu dem Leipziger Konstrukt, das als Verein zu bezeichnen einfach absurd ist, gibt es nur zwei Meinungen. Entweder man sagt, das sei eine gute Sache, die den Fußball insgesamt weiterbringe, oder man hält es für das grelle Symbol des Untergangs dessen, was man am Fußball liebt. Genau deshalb spaltet es die Fußballseelen auch so extrem. Man kann nur Profiteur oder Benachteiligter eines solchen Konstrukts sein, die Benachteiligten stellen die mit Abstand größere Gruppe dar.



Bahnfahrten
Zerstörte Züge sind völlig inakzeptabel. Es ist einfach dumm, weil man obendrein den eigenen Interessen schadet. Jetzt werden die üblichen Fragen gestellt: Woher kommt so was? Wie kann man das verhindern? Und einmal wieder werden die Rufe nach Konsequenzen immer lauter. Es gibt keinen Grund, der diese Form von Randale entschuldigen kann, es gibt nur Erklärungen für Umstände, die sie befördern. Nun, wie sich Zerstörung von Zügen verhindern lässt, ist bekannt. Nicht zuletzt vier Tagungen zum Thema Fanreiseverkehr auf der Bundesebene, unter Beteiligung von DFB, DFL, Polizei, Fanvertretern, Fanbeauftragten, Fanprojekten und Bahn, hatten ein eindeutiges Ergebnis: Sogenannte aktive Fanszenen gehören nicht auf Regelzüge! Sie gehören auf Entlastungszüge oder Sonderzüge! Diese fahren ohne Zwischenhalt von A nach B, Sie werden mit genügend Mülltüten ausgestattet, sie verfügen im Idealfall über genügend Toiletten, was Regelzüge nie tun und sie schließen die Begegnung verfeindeter Fangruppen auf Bahnhöfen aus. Sie können von der Fanbetreuung und ehrenamtlichen Helfern, sowie bekannten Ordnern begleitet werden. Hier finden wir erfahrungsgemäß Zerstörungen wenn überhaupt, nur in erheblich geringerem Maße. Dass es diese Züge im Gegensatz zur Vergangenheit kaum noch gibt, liegt am Abbau des Fuhrparks der Bahn, an zu wenig streckenkundigen Lokführern und nicht zuletzt daran, dass das „Schönes Wochenend Ticket“ eine ganz erheblich günstigere Reisemöglichkeit darstellt, als es alle anderen Angebote können, so dass gerade Jugendliche immer darauf zurückgreifen. Obendrein bedeutet dies die Abwesenheit von deeskalierend auftretenden älteren Fans.

Polizei
Grundsätzlich ist zu sagen, dass die meisten Fans froh und dankbar sind, dass die Polizei vor Ort ist. Jeder Fan weiß im Grunde genau, dass ohne Polizei an einigen Stellen schlimme Dinge passieren würden. Bei Fußballeinsätzen hat die Polizei neben der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, der Gewährleistung von Sicherheit für den Bürger und der Strafverfolgung noch eine wichtige andere Aufgabe, nämlich deeskalierend zu wirken. Die sehr starke Präsenz von Polizei bei Fußballeinsätzen wirkt für viele Fans oft provokant. Aus eigener Anschauung wissen wir, dass im Vorfeld von Fußballeinsätzen auf Polizeiseite viel Verständnis für Fans aufgebracht wird und deeskalierende Maßnahmen häufig im Vordergrund stehen. Nur gibt es in der Realität leider auch immer wieder Ausnahmen und es gibt einzelne Polizisten, teilweise ganze Einheiten, die völlig anders agieren. Hinzu kommt, dass die enge Begleitung durch Polizei für Fans die in Gruppen reisen, auch eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit darstellt. Man kann sich meist nicht an Kiosken versorgen, die Toilette aufsuchen, oder sich frei in der jeweiligen Stadt bewegen. Das alles rechtfertigt sicherlich keinen Polizeihass, aber durchaus berechtigte Kritik. Der Polizei wird auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen häufig die Rolle des Buhmanns zugeschrieben, das ist nicht in Ordnung, aber auch keine Neuigkeit. Wir würden uns wünschen, dass die Polizei hier noch mehr in den sachlichen und konstruktiven Dialog geht und vor allem Kritik gegenüber offener und gelassener reagieren sollte, als im Falle des Banners beim Leipzig-Spiel, wo sie sich als Adressat obendrein selbst ausgemacht hat.

Ordnungsdienst / Bielefeld
Es ist uns seit vielen Jahren bekannt und keine Seltenheit, dass der Ordnungsdienst teilweise von Hooligans, die oft Anhänger anderer Vereine sind, durchsetzt ist. In Bielefeld waren dies ganz offensichtlich einige Hooligans aus Hannover. Dass diese Ordner ausgerechnet vor der Braunschweiger Kurve zum Einsatz kamen und dort provokant auftraten, war kein Zufall. Dass uns nicht zum ersten Mal auch ein Ordner mit tätowiertem Hakenkreuz aufgefallen ist, wollen wir der Vollständigkeit halber hier auch noch einmal erwähnen. Der Ordnungsdienst wird schlecht bezahlt und rekrutiert sich häufig aus Szenen, wie z.B. Türstehern, Rockern, Hooligans. Man ist gut vernetzt, kennt sich und arbeitet an verschiedenen Fußballstandorten. Ordner müssen eine gewisse Intelligenz, Bildung und Haltung besitzen, um deeskalierend ihre Aufgaben zu verrichten. Der überwiegende Teil des Ordnungsdienstes leistet den Dienst, der angesichts teilweise aggressiver und betrunkener Gäste nicht einfach ist, sehr souverän und gut. Die beschriebenen Zustände kommen dennoch immer wieder vor. Nachdem also in Bielefeld ein Ordner provozierte und dann ein Banner aus den Händen der beiden Braunschweiger gerissen hatte, sprangen ein paar Braunschweiger in den Innenraum, um das Banner zurückzuholen. Dieses Banner war inhaltlich geschmacklos, hatte keinen großen Geldwert und es ist ein Verstoß gegen die Stadionordnung in den Innenraum zu springen. Dennoch müssen wir folgende Fakten festhalten: Niemand ist in den Innenraum gesprungen, um eine Spielunterbrechung herbeizuführen. Niemand suchte Gewalt. Banner haben grundsätzlich für die einzelnen Gruppen einen sehr großen Stellenwert, so dass diese Reaktion, wenn auch falsch, in keiner Weise eine Überraschung war. Der Verursacher dieses Geschehens ist eindeutig auf Seiten des Ordnungsdienstes zu identifizieren. Die Presse sollte sachlich richtig und den Fakten entsprechend sowie vollständig berichten. Folgende Vorfälle wurden gar nicht oder nur in Nebensätzen erwähnt: Braunschweiger Fans wurden von angereisten Hannoveranern mehrfach angegriffen. Mindestens zwei Fahrzeuge wurden erheblich zerstört. Die Insassen sind nachhaltig traumatisiert. Diese Tatsachen konnte man nur in der Bielefelder Presse und in Internetforen lesen. Das die Hannoveraner als Kravalltouristen angereist waren und nicht um die Bielefelder Mannschaft zu unterstützen, wie die Braunschweiger Zeitung schrieb, steht dabei außer Frage. Diese Tatsache hat die gesamte Lage an diesem Spieltag erheblich negativ beeinflusst.

Fans
Fußballanhänger sind nicht einfach unter dem Sammelbegriff Fans zu beschreiben. Es gibt viele verschiedene Gruppen. Es gibt Anhänger, die Fußball nur bedingt interessiert, die aber eher am gesellschaftlichen Ereignis Interesse haben, sogenannte Eventfans. Auf der anderen Seite gibt es Fans, die eher erlebnisorientiert auftreten und an irgendeinem sich möglicherweise ergebenden Theater interessiert sind. Dazwischen gibt es eine sehr heterogene Masse unterschiedlichster Interessenslagen und Orientierungen, Supporter, Anhänger, Allesfahrer, Ultras, Hooligans, Freizeitorientierte, touristisch Orientierte. Das Interesse am Fußballsport vereint sie alle. Was alle darüber hinaus gemeinsam haben ist die Tatsache, dass sie sich beim Fußball anders benehmen „können“ als im Alltag und dass sie oft hoch emotional das Geschehen verfolgen. Der Fußball bietet die Möglichkeit Freude, Nähe und Verbundenheit zu erleben und stellt gleichzeitig auch ein Ventil dar für Alltagsfrust, Beziehungsprobleme und Testosterondruck. In Verbindung mit Alkohol oder anderen Drogen brechen hier bei Einigen gelegentlich alle Dämme, vor allem wenn dies durch ungünstige infrastrukturelle Faktoren, wie z.B. überfüllte Züge, verstärkt wird. Deshalb ist es wichtig diese Faktoren auszuschließen. Das kann nur durch einen verstetigten Dialog auf Augenhöhe mit den Fans gelingen.

Dieser Fan – Dialog hat in den letzten Jahren bereits dazu geführt, dass beispielsweise rassistische Fangesänge im Stadion verschwunden sind, weil sie von den Fanszenen nicht mehr akzeptiert werden. Ebenso werden Böllerwürfe von allen relevanten Fan – Gruppen verurteilt und weitestgehend verhindert. Einzelne Chaoten wird man aber nie völlig unter Kontrolle bekommen.

Fazit
Wir wünschen uns von allen Beteiligten Akteuren weniger Hysterie und mehr Gelassenheit im Umgang mit Sachverhalten und miteinander. Es ist wichtig bei Vorfällen nicht von „den Fans“ zu sprechen, sondern zu differenzieren. Es ist wichtig genau hinzusehen und nicht zu pauschalisieren. Es ist wichtig auf die fachliche Expertise und Erfahrung vor Ort zurückzugreifen. Es ist wichtig gegebenenfalls auch seinen Nebenmann zurückzuhalten, wenn dies notwendig wird. Angesichts der derzeit stattfindenden, von Hass und Entmenschlichung geprägten Ausschreitungen vor Flüchtlingsunterkünften, bis hin zu Mordversuchen an Asylbewerbern, hat die Berichterstattung über die Vorfälle der letzten Spieltage in der BZ jedes Maß verloren, von hässlichen Fratzen war bezüglich der Übergriffe auf Flüchtlinge nichts zu lesen.


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