Sie sind hier: Region >

Hitlers Ehefrau: Große Aufregung um "Eva Braun"-Vortrag im Schloss Wolfenbüttel



Braunschweig | Wolfenbüttel

Hitlers Ehefrau: Große Aufregung um "Eva Braun"-Vortrag im Schloss Wolfenbüttel

Um einen Vortrag der TU Braunschweig über Eva Braun im Wolfenbütteler Schloss, der am Ende gar nicht stattgefunden hat, gibt es große Aufregung. Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung hat sich deutlich zu Wort gemeldet.

von Werner Heise


Hier im Wolfenbütteler Schloss sollte der Vortrag gehalten werden.
Hier im Wolfenbütteler Schloss sollte der Vortrag gehalten werden. Foto: Anke Donner

Artikel teilen per:

Wolfenbüttel/Braunschweig. Ein geplanter Vortrag der TU Braunschweig über Adolf Hitlers Ehefrau im Schloss Wolfenbüttel hat für große Aufregung gesorgt. Im Rahmen der öffentlichen Vortragsreihe "Weltgeschichte Weiblich" sollte dieser am 18. Februar stattfinden, wurde jedoch nur einen Tag zuvor mit der Begründung einer Erkrankung des Referenten abgesagt. Hinter den Kulissen soll es heftige Diskussionen gegeben haben und jetzt hat sich auch noch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung zu Wort gemeldet. Doch der Reihe nach.



Das zur Stadt Wolfenbüttel gehörende "Museum Wolfenbüttel" und das Institut für Geschichtswissenschaft der TU Braunschweig veranstalten bereits seit 2015 die gemeinsame Veranstaltungsreihe "Geschichte im Schloss". Unter dem aktuellen Leitthema "Weltgeschichte Weiblich" sollen bedeutende Frauen, Wegbereiterinnen und außergewöhnliche weibliche Biografien in Einzelvorträgen präsentiert und diskutiert werden. Das Programm, das Teil des Veranstaltungsprogramms der TU Braunschweig im Wintersemester 2019 / 2020 ist, bei dem Studierende einen Schein erwerben können, wurde bereits im November öffentlich kommuniziert.

Hier fand sich auch der für den 18. Februar 2020 angekündigte Vortrag mit dem Titel "'... ich, die Geliebte des größten Mannes Deutschlands und der Erde...' - Anmerkungen zu Eva Braun", des Referenten Dr. Michael Ploenus von der TU Braunschweig.


Offener Brief an Verantwortliche



Dass Eva Braun nun in den Zusammenhang mit "bedeutende Frauen, Wegbereiterinnen und außergewöhnliche weibliche Biografien" gebracht wurde stieß auf deutliche Kritik. Wolfenbüttels selbsternannter "Erinnerer" Jürgen Kumlehn schaltete sich ein und äußerste in einem auf den 4. Februar datierten offenen Brief an Veranstalter und Politik seinen Unmut. Er sagt: "Welche Absicht haben die Organisatoren der Veranstaltungsreihe beflügelt, über Eva und Adolf Hitler, den lieben 'Adi', ausgerechnet jetzt in netter Weise deren 'Liebesleben' zu durchleuchten? Welches Publikum wird zu diesem Vortrag erwartet? Auch wenn der Vortrag hochwissenschaftlich wird, kann der Referent es nicht vermeiden, in dieser Zeit, in der viele Auschwitz-Überlebende ihre wahrscheinlich letzten Zeugenaussagen machen, das Techtelmechtel oder das Mätressenverhältnis auf der Grundlage einer menschlichen Liebesbeziehung darzustellen."


Und auch bei der Stadtverwaltung Wolfenbüttel ist man mit dem geplanten Vortrag von Museum und TU Braunschweig ganz und gar nicht zufrieden. Auf Anfrage von regionalHeute.de erklärt Stadtsprecher Thorsten Raedlein: "Eva Braun hier im Rahmen dieser Reihe zu behandeln ist schlichtweg moralisch und fachlich falsch. Eva Braun ist weder eine bedeutende Frau gewesen, noch hat sie eine außergewöhnliche Biographie. Vielleicht mag dies als Sichtweise eines Historikers auf das Thema noch nachvollziehbar sein, ob die gewählte Person Eva Braun in dieser Art und Weise jedoch im Mittelpunkt eines Vortrages unter diesem Oberthema stehen sollte, wurde letztendlich innerhalb der Verwaltung erheblich in Frage gestellt. Dies hätte ein falsches Signal gegeben."

Und Raedlein macht auch deutlich, dass, hätte sich der Referent nicht wie geschehen krankgemeldet, die Stadtverwaltung die Anweisung zur – wenn auch kurzfristigen - Absage in Richtung Museum ausgesprochen hätte.

Krankheit sei kein vorgeschobener Grund



Die Krankmeldung stünde im Übrigen nicht im Zusammenhang mit den kritischen Diskussionen im Hintergrund, wie der Referent Dr. Michael Ploenus auf Anfrage von regionalHeute.de am Freitag beteuert. Niemand habe ihn in irgendeiner Form am Sprechen gehindert oder ihm nahegelegt, den Vortrag nicht zu halten. "Warum sollten sie auch?", fragt er und sagt: "Ich bin am Wochenende vor dem Vortrag erkrankt - und bin es im Moment, obwohl im Urlaub, leider immer noch. Sehr hartnäckig, sehr hässlich!" Auf die Kritik Kumlehns wollte er nicht reagieren: "Ich werde die 'Kritik' an einem nicht gehaltenen Vortrag nicht kommentieren."

Und auch die TU Braunschweig äußert auf Anfrage: "Der Vortrag wurde krankheitsbedingt abgesagt, nicht aufgrund irgendeiner Intervention." Doch mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten sehr wohl, dass es hier angeblich eine Intervention von höherer Stelle gegeben haben soll. Dazu passt auch, dass die "Bild am Sonntag" in dieser Sache berichtete und eine Stellungnahme des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung veröffentlicht. Er bezeichnet den geplanten Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe als "unverständlich und geschichtsvergessen". Zudem sagte er, dass es völlig inakzeptabel sei und die NS-Verbrechen in nicht hinnehmbarer Weise relativiere.

"Ungeschickt formulierter Titel"



Bereits am Freitag, also vor Erscheinen des Statements in der Bild, antwortete die TU Braunschweig auf unsere Anfrage: "Den unterstellten Vorwurf, nationalsozialistischem Gedankengut Vorschub leisten zu wollen, weisen wir entschieden zurück. Dass sich Menschen durch den in der Tat ungeschickt formulierten Titel der Vortragsveranstaltung verletzt fühlen, tut uns aufrichtig leid. Alle Beteiligten nehmen die kritischen Hinweise sehr ernst."

Wie die Pressestelle der TU Braunschweig weiter erklärt, wollen die Veranstalter jetzt darüber nachdenken, "wie der als integer bekannte Wissenschaftler und Referent im öffentlichen Diskurs darlegen kann, worum es ihm tatsächlich ging und geht: nämlich kritisch zu reflektieren, warum eine eigentlich historisch unbedeutende Frau wie Eva Braun bis heute eine derart mediale Aufmerksamkeit erfährt. Im Ergebnis ist dies ein Beitrag gegen rechtsextreme Legenden."

Und auch der Sprecher Stadt Wolfenbüttel sagt: "Einer künftigen, kritischen und der Rolle der Dame auch angemessenen Auseinandersetzung werden wir sicher nicht im Wege stehen. Das muss dann aber schon im passenden Kontext geschehen. Selbstkritisch betrachtet bleibt festzustellen, dass diese interne Diskussion schon früher hätte stattfinden müssen, dann wäre die Vortragsreihe sicherlich anders geplant worden. Hier haben wir sichergestellt, dass dies künftig so geschehen wird."


zur Startseite