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Impfkampagne: Schöne Grüße aus Absurdistan



Impfkampagne: Schöne Grüße aus Absurdistan

In einem Land, das international immer noch als Spitze effizienter Bürokratie gilt, verhindert genau die eine effiziente Pandemiebekämpfung. Unser Autor verzweifelt zunehmend an der Nachrichtenlage.

Ein Kommentar von Niklas Eppert

Symbolbild.
Symbolbild. Foto: Rudolf Karliczek

Region. Die deutsche Impfkampagne ist eine einzige Farce. Und das ist wohl noch das Netteste, was über das gesagt werden kann, was sich in den vergangenen Wochen und Monaten in der deutschen Politik abspielt. Herausreden kann sich dabei keine Ebene: Der Bund glänzt nur dann mit beeindruckender Entscheidungsgeschwindigkeit, wenn es darum geht, einen Impfstoff aus nicht ganz genau bekannten Gründen aus dem Markt zu ziehen. Auf Landesebene herrscht vor allem das Chaos, während Kommunen und Kreise allein gelassen werden. Das alles schadet nicht nur der Kampagne. Das grundlegende Vertrauen in unser System könnte einen schweren Schlag erhalten.



Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten bei einem Autobauer. Nun stellen Sie sich weiter vor, dass ein Konkurrent eine wegweisende Innovation auf den Markt bringt und Ihnen anbietet, diese zu nutzen. Klar, werden Sie jetzt sagen, warum eigentlich nicht? Immerhin könnte dieses Produkt zumindest helfen, ihr Unternehmen wieder auf die Reihe zu bringen. Und jetzt stellen Sie sich noch vor, dass das Management Ihres Unternehmens sagt, dass sie gern das Produkt produzieren wollen, es nutzen, das wollen ihre Vorgesetzten dagegen nicht. Hört sich das absurd an? Wenn ja, dann heiße ich Sie willkommen in der deutschen Bürokratie.

Es ist an Absurdität kaum zu überbieten, wie die Impfkampagne in einem Land organisiert wird, das international fast schon als Karikatur für eine effiziente Bürokratie steht. Dabei ist das Aussetzen der AstraZeneca-Impfungen nur die neueste Episode in diesem Possenspiel. Laut BBC sind bei 5 Millionen Impfungen in Europa bislang 30 (!) Thrombosen bei Geimpften aufgetaucht, die im Verdacht (!!) stehen mit AstraZeneca-Impfungen in Verbindung zu stehen. Rein statistisch gebe es auf die Gesamtbevölkerung damit nicht einmal eine besondere Auffälligkeit. Und nun lassen Sie mich nicht davon anfangen, dass Frauen, die die Pille nehmen, einer wesentlich höheren Gefahr von Thrombosenbildung ausgesetzt sind, als Geimpfte. Dann werden wir heute gar nicht mehr fertig.



Dennoch wird der Impfstoff bei Mangelwirtschaft eingezogen, während die Bundesregierung gleichzeitig vermeldet, dass der russische Impfstoff Sputnik V nun in Deutschland produziert werden dürfe. Obwohl dem von unabhängigen Stellen eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent attestiert wird, hat unser Land wenig davon. Verimpft werden darf er nämlich noch nicht. Man habe aber bereits das Zulassungsverfahren gestartet. Es sei also nur noch eine Frage von Monaten. Aber gut, irgendwann im Laufe des Frühlings (oder Sommers) kommt dann sicherlich auch der Impfstoff von Johnson&Johnson. Wenn wir das Virus nett darum bitten, wird es bis dahin sicher von weiteren Mutationen absehen.

Es fällt doch immer von oben nach unten



Am Beispiel Braunschweig ist sehr gut abzulesen, wie sich all das ganz konkret auf unser alltägliches Leben auswirkt: Von acht ausgerüsteten, einsatzbereiten Impfstraßen im städtischen Impfzentrum können nur sieben bespielt werden. Warum? Der Impfstoff fehlt. Und wissen Sie, wovon jetzt noch mehr fehlt? Sie können es sich denken. Ich wiederhole mich hier nur. Dazu kommen impfwillige Arztpraxen, die wohl am besten beurteilen könnten, welche ihrer Patienten den jeweiligen Impfstoff besser oder schlechter vertragen könnten, aber die Spritze nicht geben dürfen. Gerade einmal zwei Facharztpraxen werden seit der vergangenen Woche im Modellversuch dazu genutzt. Aber solang kein Impfstoff da ist, ist diese Diskussion ohnehin müßig.

Doch auch dann, wenn die Knappheit gelöst werden würde, wären da immer noch logistische Probleme: Das Land vergibt Termine an die Über-80-Jährigen, während die Kommunen und Kreise alle anderen übernehmen. Das führt zu Problemen in der Absprache, abgesagte Termine können nicht kurzfristig nachbesetzt werden und seien wir ehrlich: Dass ein 79-Jähriger innerhalb von 20 Minuten in sein Auto springt und ins nächste Impfzentrum braust, ist auch keine Selbstverständlichkeit.

Wenn es doch nur der Impfstoff wäre...


Hier ergibt sich das nächste Problem: Das Land Niedersachsen hatte nicht wirklich geklärt, ob die Einrichtung dezentraler Impfstationen durch den Landkreis so einfach möglich wären. Dem Samtgemeindebürgermeister von Lehre im Landkreis Helmstedt, Andreas Busch, ist es nun zu verdanken, dass nun immerhin in diese Sache Bewegung kommt. Auf seine Anfrage hin ließ das Landesgesundheitsministerium verlauten, dass das durchaus möglich sei. Warum das nicht von Anfang möglich gewesen sei, bleibt allerdings offen. Vereinsheime, Kulturzentren und dergleichen stünden dafür bereit, sie werden ohnehin aktuell nicht genutzt. Oder wie es ein Vorstandsmitglied eines Schützenvereins aus dem Helmstedter Südkreis formulierte: "Die könnten sofort rein. Wir würden denen sogar noch Kaffee kochen!"

Aber das Problem geht weit über das Impfen hinaus: Zwei Braunschweiger Unternehmen sind in der heißen Phase bei der Zulassung eines Medikamentes gegen Sars-CoV-2, das helfen soll, schwere Verläufe zu erleichtern. Die auf Antikörpern basierende Medizin wäre eine weltweite Neuheit, hier aus der Löwenstadt. Das Land Niedersachsen und private Investoren hätten die Entwicklung bis zur aktuellen Testphase finanziert. Bis zur Marktreife fehlt allerdings noch etwas Geld, man hoffe auf mehrere Bundesministerien, um die zu stemmen. Eine Zusage sei jedoch nicht da. China dagegen ist quasi sofort bereit das Geld zu investieren. Für eine deutsche Innovation, die zu einer potenten Waffe gegen die Pandemie werden könnte. Man möchte im Boden versinken.

Während die Welt um uns herum also impft, hinkt der größte Wirtschaftsraum der Welt hinterher. In fast allen Bereichen, seien es Impfungen, Medikamente oder schlicht und einfach Teststrategien. Unter diesem unwürdigen Zustand, in dem sich die verschiedenen Ebenen der Verantwortlichkeit vor allem die Schuld gegenseitig zuschieben, haben alle zu leiden. Die Angst Fehler zu machen ist größer als der Entscheidungswille der Verantwortlichen. Dabei wäre es gerade in einer Krise wie dieser angebracht, Mut zu beweisen. Denn sonst zieht sich nicht nur die Pandemie in die Länge, das Vertrauen in unser System wird grundsätzlich erschüttert. Und dann kann auf die Krise die Katastrophe folgen.


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