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Installationen, die vom Weltuntergang erzählen - Birgit Brenner gewinnt Kunstpreis

In einer Ausstellung, die am 24. Oktober startet, skizziert die Künstlerin verschiedene apokalyptische Szenarien. Die Werke entstanden während der Coronapandemie in Italien.

Städtische Galerie Wolfsburg.
Städtische Galerie Wolfsburg. Foto: Bernd Dukiewitz

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04.10.2020

Wolfsburg. Birgit Brenner (*1964 in Ulm) ist die diesjährige Preisträgerin des Wolfsburger Kunstpreises Junge Stadt sieht Junge Kunst. Die in Berlin und Stuttgart lebende Künstlerin beschäftigt sich in ihren Installationen, Videos und Zeichnungen mit gesellschaftlichen und privaten Zuständen und der Eintönigkeit des Alltags. Ihre gesellschaftskritischen Arbeiten kreisen um die Themen Ungerechtigkeit, Zwang, Scheitern, Glücksversprechen, Überwachung, Gewalt und Angst. Diese Universalthemen verdichtet sie in einfachen Bildern, um eine große Welt zu fassen zu bekommen. In der Begründung der Jury heißt es: „Birgit Brenner hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt, die sich nicht auf ein Medium beschränkt. In der Gegenüberstellung von analogen und digitalen Sehmustern, von Perfektion und Do-it-yourself, von realem Leben und künstlicher Konstruktion formuliert die Künstlerin Kommentare und Fragen zu aktuell virulenten Themen.“ In der Ausstellung im Schloss Wolfsburg zeigt Birgit Brenner drei neue Arbeiten, die während ihres Stipendienaufenthaltes in der Villa Massimo in Rom (September 2019 – Juni 2020) entstanden sind, wie die Städtische Galerie Wolfsburg in einer Pressemitteilung berichtet. Der Wolfsburger Kunstpreis ist mit 100.000 Euro dotiert und geht einher mit einer eigenen Ausstellung und dem Ankauf für die Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg.



Arbeiten sind während der Coronapandemie entstanden - nicht deswegen


Die in Italien konzipierten Arbeiten erhalten vor dem Hintergrund der CoVid-19– Pandemie eine besondere Relevanz. Auch wenn die Themen nicht als direkte Reaktion darauf entwickelt wurden, sondern schon vorher gedanklich virulent waren. Im ersten Raum präsentiert sie zwei neue Kurzfilme. Bei ihren Recherchen ist sie darauf gestoßen, dass die sogenannte Weltuntergangsuhr dieses Jahr erstmals historisch von fünf Minuten vor zwölf auf hundert Sekunden vor zwölf umgestellt wurde. „Damit eröffnete sich mir eine Möglichkeit, Umweltbedrohung oder Atomkriegsgefahr so umsetzen, dass es nicht plakativ wirkt. Die Uhr wird zur Metapher, in der sich der ganze Themenkomplex verdichtet, sie ist ein starkes Bild dafür, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, wenn wir das Ruder noch rumreißen wollen. Daraus habe ich die Idee zu dem Kurzfilm Hundred Seconds to Midnight entwickelt, mit all diesen Figuren, die allein und selbstvergessen wie in Trance vor sich hin tanzen.“ Die Illusion von Bewegung wird durch das Aneinanderreihen von gezeichneten Bildern erzeugt.

Medizinische Alarmsysteme symbolisieren Weltuntergang


In der zweiten filmischen Arbeit, Shifting Baseline, dominieren rasante Bewegungen und intensive Töne, die an Alarmsysteme – auch aus dem medizinischen Bereich – erinnern. Die Themen sind ebenfalls Weltuntergang, Zerstörung, Auflösung und das Ignorieren und Davonlaufen vor Gefahr. Er beginnt mit einem strauchelnden, um sich selbst drehenden Flugzeug, das senkrecht zur Erde zu stürzen scheint – das Sinnbild des stürzenden Engels wird hervorgerufen. Der stakkatoartige Rhythmus von Bild und Ton und der starken Kreisbewegung mit stroboskopartigen Bildwechseln erzeugt eine sinnliche Spannung und Überlastung. Die Bildcollage setzt sich zusammen aus gesichtslosen Menschen und aus Spiralen, Wundmalen, Blut, Beinen, zwei statischen, roten Linien der Verwundung, die wie Hemmnisse, Barrieren wirken.

Apokalyptische Installation


Im nächsten Raum ist eine apokalyptische, übergroße Installation Promises And Other Lies. Sie wirkt wie in den Raum hineingepresst, sprengt sie diesen doch formal und visuell. Gearbeitet in gelasertem oder gebogenem Stahl und partiell mit Kunststoff ausgefüllt, collagiert die Künstlerin hier verschiedene Bildwelten wie einen Filmstill, der eingefroren im Raum zu stehen scheint. Viele Elemente aus den beiden vorherigen Filmen tauchen hier wieder auf. Nur dass man jetzt physisch hineingezogen wird, quasi mittendrin steht. Im letzten Raum zeigt Birgit Brenner den 2019 entstandenen Film Sommer, Sonne, Sicherheit. Er visualisiert kein lautes Inferno, sondern ein stilles Psychodrama in drei Akten – mit Hinweisen auf Wachstum und Weltbevölkerung.

Insgesamt ist der Wolfsburger Kunstpreis mit knapp 100.000 Euro dotiert, verbunden mit einer Einzelausstellung in der Städtischen Galerie Wolfsburg und einer Publikation. Zusätzlich gibt es einen Ankauf für die Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg.


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