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Klimakiller Eisbahn? So viel Strom frisst der "Eiszauber" auf dem Kohlmarkt wirklich

Die Winter werden immer wärmer - Und der Energieverbrauch der Kohlmarkt-Eisbahn steigt dadurch tatsächlich. Veranstalter und Hersteller der Eisbahn sehen sich dennoch sehr umweltfreundlich aufgestellt.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: pixabay

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03.07.2020

Braunschweig. Der "Eiszauber" auf dem Kohlmarkt ist im Winter eine Attraktion in der Innenstadt. Die mobile Eisbahn, die von November bis Anfang Januar täglich nach Veranstalterangaben rund 400 Besucher anzieht, müsse jedoch aufgrund immer wärmerer Winter und dem damit steigenden Energiebedarf kritisch hinterfragt werden, meinen die Grünen und stellten zum Verbrauch eine Anfrage im Bezirksrat Innenstadt. Die Verwaltung habe hierzu jedoch keinerlei Angaben machen können. regionalHeute.de hat sich auf Spurensuche begeben. Ist die Kohlmarkt-Eisbahn eine Umweltsünde?



Beate Wiedemann vom Kulturzelt Braunschweig e.V., die mit ihrer "Agentur pluszwo" auch den "Eiszauber" auf dem Kohlmarkt in Braunschweig trägt, zeigt sich enttäuscht über die Anfrage der Grünen: "Das ärgert mich, aber für die politischen Zwecke ist das natürlich ein interessantes Statement". Noch enttäuschter sei sie, dass man sich vor der Anfrage nicht einmal bei ihr erkundigt habe: "Man könnte sich ja auch mal informieren. In dem Rahmen, in dem es uns möglich ist, haben wir alle Möglichkeiten ergriffen, um Energie zu sparen. Der Vermieter unserer Eisbahn hat ein Zertifikat für Klimaschutz. Die legen da sehr großen Wert darauf, und wir auch. Wir waren bei der Eisbahn die Ersten, die keine Pappbecher mehr hatten."

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Der Stromverbrauch im vergangenen Dezember belaufe sich für die 420 Quadratmeter große Eisbahn laut Wiedemann pro Tag im Durchschnitt auf zirka 485 Kilowattstunden (kWh). "Das entspricht bei 0,28 Cent pro Kilowattstunde Kosten von etwa 136 Euro. Pro Person sind es also 1,21 kW (Kilowatt) und zirka 30 Cent", rechnet Wiedemann vor. Dieser Betrag beinhalte schon die Beleuchtung an den umliegenden Gebäuden, da für diese kein separater Stromzähler angebracht sei.

Angaben schwierig pauschal zu machen


Im Bereich Klimagerechtigkeit tue man viel, um die Eisbahn so umweltverträglich wie möglich zu gestalten. Seit dem letzten Jahr wurde die komplette Beleuchtung auf LED umgerüstet. Wiedemann erklärt, dass der Hauptstromverbrauch ohnehin bei der umliegenden Gastronomie und der Beleuchtung liege: "An der Eisbahn liegt die Hauptstromersparnis darin, dass wir zu einem Vermieter namens Icebusiness gewechselt haben. Die stellen Eisbahnen mit Kühlleitungen aus Aluminium statt aus PVC oder Gummi her. Das bringt bis zu 25 Prozent Stromersparnis, und das merkt man auch tatsächlich."

Doch wie setzt sich der Energieverbrauch für die Kühlaggregate tatsächlich zusammen? Zunächst einige technische Details: Die Kühlung einer Eisbahn funktioniert über einen "Chiller", der im Grunde nicht anders funktioniert als die Kühlmittelpumpe einer Klimaanlage. Das Gerät kühlt über einen Wärmetauscher die Kühlflüssigkeit auf Gefriertemperatur und pumpt sie über ein Rohrgeflecht unter der Eisbahn durch. Wie bei einem Kühlschrank läuft das Aggregat nicht durchgehend. Wie oft es laufen muss, hänge von mehreren Faktoren ab: Außentemperatur, Regen und nicht zuletzt Wind. Wird die Kälte vom Wind "davongetragen", muss das Aggregat häufiger laufen und verbraucht somit mehr Energie. Aufgrund all dieser Variablen rechnet der Vermieter selbst mit Durchschnittswerten.

Der Unterschied zum weißen Winter


Der Vermieter "Ice-Business GmbH" aus Regensburg in Bayern zeichnet sich technisch verantwortlich für die Eisbahn auf dem Kohlmarkt. Laut Robert Buchner, Geschäftsführer und Projektleiter des Eisbahnprojektes Braunschweig verbraucht die Eisbahn in ihrer Anlaufzeit die benötigt wird, um das Wasser überhaupt erst zu Eis werden zu lassen, die meiste Energie - Beinahe 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs über die gesamte Laufzeit: "Deswegen rechnen wir mit 1,2 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Da kommen wir dann auf 504 Kilowattstunden am Tag." Sein Unternehmen rechne dabei sehr großzügig und bilde bei diesen Werten ein "Worst-Case-Szenario" ab. Im Durchschnittsverbrauch ist die Anlaufzeit mit einberechnet, und als Außentemperatur werden ganze 15 Grad angenommen. "Wenn sie eine Eisbahn bei Minusgraden aufbauen, dann brauchen sie quasi gar keine Energie. Das sind dann 0,1 Kilowattstunden am Tag."

Der Dezember im Jahr 2019 war mit fünf Grad im Mittel nach Angaben des Portals "Wetterkontor.de." etwa drei Grad zu warm. Die Temperatur im November betrug im Mittel 6,1 Grad.

Aluminium statt Gummi


Nach Angaben von Ice-Business verbrauchen die im Niederländischen Soest mit 100 Prozent Ökostrom hergestellten Kühlmittelleitungen aus Aluminium bis zu 40 Prozent weniger Energie als vergleichbare Bahnen mit PVC- oder Gummirohren. Für interessierte schlägt Buchner ein Experiment für zu Hause vor: "Wenn sie eine Butterdose im Kühlschrank haben und die mit einem Metalldeckel verschließen, dann wird die Butter schneller hart als wenn sie einen Plastikdeckel drauf machen. Das kann jeder ausprobieren."

Wie wird die Eisbahn "grün"?


"Eine Eisbahn wird nicht 'grün', indem sie keinen Strom verbraucht. Für alles in unserem Leben benötigen und verbrauchen wir Strom", so ein Statement des Eisbahnbetreibers. Man ermutige die Mieter der angebotenen und unter ökologischen Gesichtspunkten produzierten Eisbahnen nicht nur, selbst Ökostrom für den Betrieb zu nutzen, sondern trage auch aktiv dazu bei, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Besonders stolz sei man auf ein Nachhaltigkeitsprojekt im Tropenstaat Myanmar (ehemals Burma) nahe Indien. In Kooperation mit den lokalen Behörden pflanze man dort aktiv Mangrovenbäume, die bislang nach Unternehmensangaben für rund 5.000 Tonnen Co2 kompensieren können. Dies belegt Buchner mit einem Zertifikat der Worldview-Foundation. Zusätzlich beziehe man den Strom für Lager und Produktion aus etwa 6.000 Quadratmetern Fotovoltaikanlagen.

Weder Wiedemann, noch Buchner könnten somit die Anfrage der Grünen nachvollziehen. "Wenn jemand etwas privat betreibt und privat bezahlt, wird der dabei keine Verschwendung betreiben, das ist ausgeschlossen", so Wiedemann abschließend. Ice-Business schreibt in seinem Statement: "Wir brauchen Energie zum Leben. Wir können sie nicht abstellen. Energie muss fließen. Und Energie muss sauber sein. Das ist grün."


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