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KolumneHeute: Wenn der Berg ruft und der Städter antwortet



Braunschweig

KolumneHeute: Wenn der Berg ruft und der Städter antwortet

von Sina Rühland


Foto: Sina Rühland

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Braunschweig. Wer nahe eines Gebirges aufgewachsen ist, der hält sich schnell für den Reinhold Messner des Harzer Vorlandes. Mit dem richtigen Trekking-Outfit alles kein Problem, denkt sich der moderne Großstädter – und steht wenig später andächtig vor dem Berg, der überraschend wenig an den heimischen Brocken erinnert. 

"Kommst du mit zur Wandertour?" Das war der Satz, bei dem ich mich hätte an meine eigenen Kompetenzen erinnern sollen. Stattdessen kam ein freudiges "Ja, klar" heraus. Es sollte also zum Wandern in die Alpen gehen. Mit diesem Kalendereintrag im Kopf, las ich also das gesamte Internet leer, um möglichst viel über diese imposante Gebirgskette zu erfahren. Der zweite Schritt, nach der relativ fachmännischen Erkundigung über die dortigen geologischen Gegebenheiten, sah also das exzessive Ausgeben nicht vorhandenen Geldes für Rucksack, Schuhe und Kleidung aus – wetterfest versteht sich. Nachdem ich mir gut fünf YouTube-Videos reingezogen hatte, in denen sympathisch aussehende, vollbärtige Damen und Herren erklärten, wie man maximal effizient einen Rucksack packt und schnürt, fühlte ich mich in Gänze für den Trip vorbereitet. Der Berg rief. Allerdings noch sehr laut.


Nach drei Staus, fünf Pinkelpausen – und dem offensichtlichen Neid auf die in Tuppadosen verpackten Eier des älteren Ehepaares neben uns an der Raststätte – kamen wir dem Berg schon näher. Noch 90 Minuten mit der Bahn und dann standen wir da. Ein Idyll wie aus dem bayrischen Heimatbuch gezaubert. Die erste Herausforderung bestand darin, zwei Kinderwagen und einen Koffer voller Windeln, Ersatzhosen und Spielzeug mit der Materialseilbahn auf den Weg zur Hütte zu schicken. Dieses Vorhaben setzte allerdings voraus, dass der Wirt zeitgleich auf dem Berg am anderen Ende der Seilbahn stand und den Schalter betätigte. In zwei Gruppen aufgeteilt marschierten wir los, während sich die anderen zur Seilbahn begaben. Nachdem die ersten Liter Schweiß geflossen waren, stellten wir fest, dass wir statt der leichteren blauen Route, die rote genommen hatten. Die wiederum war steil. Sehr steil. Während die Kinder im Grundschulalter schon so weit vor uns waren, dass sie uns ohne weiteres hätten auf dem Rückweg entgegen kommen können, bemühten sich die Erwachsenen darum, den Berg zu bezwingen. Mit mäßigem Erfolg.



Viereinhalb Stunden, zirka fünfzehn Pausen und zwei weinende Kleinkinder später kamen wir an der Hütte an. Die Aussicht war schier bombastisch. Wie klein der Mensch ist, wird oft erst klar, wenn man sich zwischen imposanten Naturerscheinungen bewegt. Diese Achtung der Umwelt erhielt jedoch schnell einen Abzug in der B-Note: Keine Dusche, kein warmes Wasser, dafür eine ökologische Toilette, was so viel heißt, wie Plumpsklo. Nur eben ohne Herzchen an der Tür.

Nach meinem ersten Wochenende in den Alpen kann ich nur so viel sagen – der Berg ruft nun leiser.


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