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Kommentar: Theater für Kulturbanausen - Einfach geil!



Kommentar: Theater für Kulturbanausen - Einfach geil!

von Marc Angerstein


Foto: Agentur




Wir veröffentlichen anlässlich der heutigen offiziellen Eröffnungsveranstaltung des Lessingtheaters (WolfenbüttelHeute.de berichtete) einen Kommentar von Marc Angerstein:

Darf ein Journalist in einem Kommentar zur Eröffnung des Wolfenbütteler Lessingtheaters eigentlich das Wort "geil" benutzen? Dieses Wort, dass bis vor wenigen Jahren noch nicht einmal im Duden stand, weil es als anrüchig galt. Dieses Wort im Zusammenhang mit einem kulturhistorischen Gebäude, dass heute vor geladenen Gästen, Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft feierlich wiedereröffnet wurde? Vor Kultur-Interessierten, die bei einem solchen Wort wahrscheinlich abfällig bis peinlich pikiert weggeschaut hätten?  Ich sage ja, darf er.



Und ich tue es auch: Die heutige offizielle Eröffnungsveranstaltung war geil! Sie war locker, sehr gut organisiert und sie traf den Geist und den Geschmack der Wolfenbütteler High-Society. Es waren heute nicht die piefigen, verstaubten Theater-Abonnenten im technisch aufgemöbelten hochmodernen Theater versammelt und genau deshalb schlug das Premieren-Programm auch ein und begeisterte den elitären Kreis.


Die aus dem WDR-Fernsehen bekannte Moderatorin Christine Westermann moderierte souverän, mit etwas unsicherer Stimme, aber dafür mit inhaltlicher Tiefe und Wortwitz. Kurzweilige Reden der Politiker, die sich als Kulturbanausen outeten, was selbst Florian Rehm und Westermann dazu bewog, sich ebenfalls als Kulturbanausen zu bezeichnen - wundervoll! Da wird ein fast 20-Millionen-Bau von Kulturbanausen für Kulturbanausen initiiert, organisiert, saniert. Das ist modernes Theater.


Theater in Wolfenbüttel ab dem 25. Mai 2013 bedeutet modernes Theater. Theater für hoffentlich viele Kulturbanausen und Interessierte, alle versammelt unter dem Dach ohne Kronleuchter. Hoffentlich hat die gefühlte Begeisterung Bestand und hoffentlich ergeben sich zahlreiche Synergie-Effekte in Bezug auf die räumliche Nähe zum Staatstheater Braunschweig. Heute hat das modernste Theater der Region in der heimlichen Kulturhauptstadt Niedersachsens seine Tore geöffnet - da muss mehr in die Bude, als das Nordharzer Theater-Ensemble.



Das Gebäude ist sehr schön geworden, es strahlt Gemütlichkeit, fast schon Behaglichkeit aus. Es vereint moderne Architektur mit dem gebotenem Respekt vor dem Denkmalschutz. Vergessen ist die sechs Jahre alte politische Forderung, das Theater mit Beton zu verfüllen und einfach nur so stehen zu lassen. Heute wurde eine kulturelle Perle wiedereröffnet, hoffentlich wissen die Wolfenbütteler, die heute nicht geladen waren, das auch zu schätzen.


Bürgermeister Thomas Pink und Ex-Landrat Jörg Röhmann fanden angemessene Worte des Dankes, an alle, die zur Sanierung beigetragen haben. Denen können wir nicht genug danken, denn andernorts werden Theater geschlossen, nicht feierlich eröffnet.


Ich wünsche dem Theater künftig so ein -  auch von der Alterstruktur gemischtes - Publikum wie heute. Der bekannte und charmante Musiker und Entertainer Götz Alsmann entführte sein Publikum mit Ausschnitten aus seinem Tourneeprogramm nach Paris und die Wahl dieses Programmpunktes war mehr als gelungen. Von ganz jung bis ganz alt - Alsmann begeisterte mit seiner Profi-Band, überzeugte musikalisch, dramaturgisch und intellektuell. Und sein Programm war voller Überraschungen. Besser hätte man das Eröffnungsprogramm dieses Theaters nicht besetzen können. Zielgruppentypologisch optimal, für jede Generation. Für "Zimmer frei"-Freaks und Wagner-Fans. Nichts Piefiges, nichts Staubiges, nichts Steifes. Er würde wieder kommen, an ihm würde es nicht liegen, sagte er ins Mikrofon. Ich hoffe, Theaterleiterin Alexandra Hupp hat es gehört...



Marc Angerstein ist Chefredakteur von WolfenbüttelHeute.de, Journalist und Moderator. Er wohnt in Wolfenbüttel-Fümmelse. Weitere Informationen zu Marc Angerstein hier.


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