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Leben retten: "Warum denn nicht?"

von Sina Rühland


Foto: Sina Rühland

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21.02.2016


Braunschweig. Er lag dreieinhalb Stunden auf einer Liege – und schenkte mit seiner Stammzellenspende Leben. Der 28-jährige Braunschweiger Tilman Gampe hatte sich bereits mit 16 Jahren entschieden, sich in die Deutsche Knochenmarkspenderkartei (DKMS) aufnehmen zu lassen. Sieben Jahre später kam dann der Brief: "Sie werden gebraucht."

Als sich Tilman für die Aufnahme in die Knochenmarkspenderkartei entschieden hatte, war er noch nicht einmal volljährig. "In meinem Umfeld erkrankte ein kleines Mädchen. Wir wollten alle helfen und eine große Spenden-Aktion wurde ins Leben gerufen", erzählt er. Damals habe er sich noch gar keine Gedanken darüber gemacht, was Knochenmark spenden überhaupt bedeute. Gepasst hätten die wichtigen Komponenten nicht. Er kam nicht als Spender in Frage. Es vergingen einige Jahre, doch eines Tages erhielt Tilman einen Brief. Man fragte ihn, ob er noch bereit wäre, sich erneut testen zu lassen. "Ich war bereit und machte einen Termin bei meinem Hausarzt. Der nahm mir Blut ab und schickte es zur DKMS – tja, und zwei Wochen später habe ich dann Brief erhalten. Unsere Komponenten passten zu einander." Bis dahin wusste Tilman noch gar nichts über den Menschen, dem er später das Leben retten sollte.

Nachdem Tilman und der Empfänger nun augenscheinlich kompatibel waren, musste Tilman zu einer Untersuchung ins Krankenhaus. "Ich bin einen Tag lang durchgecheckt worden – ich war gesund und bereit zum Spenden." Insgesamt dreieinhalb Stunden dauerte das Verfahren. "Mir wurden zwei Zugänge gelegt, links und rechts am Arm. Dabei wurde mir an einem Arm das Blut abgenommen, die Stammzellen herausgefiltert und dann lief es in den anderen Arm wieder herein." Nach ein paar Stunden war alles vorbei. "Viele denken, Knochenmark spenden hat etwas mit dem Rückenmark zu tun – das ist aber nicht der Fall. Rückenmark und Knochenmark sind das gleiche. Es gibt unterschiedliche Arten der Spende. "


Tilman Gampe würde sich immer wieder für eine Spende entscheiden. Foto: Sina Rühland



Als Tilman fragte, ob er noch mal sehen könnte, wie das Knochenmark aussehe, war das nicht mehr möglich. Alles musste ganz schnell gehen. "Die Zellen waren bereits im Labor und sollten sich dann schnell mit dem Hubschrauber auf den Weg machen." Ziel war der nordamerikanische Staat Kanada. "Ich habe erst nach der Spende erfahren, dass meine Zellen nach Kanada gehen sollen. Bis dahin wusste ich nichts über den Patienten." Der Mensch, dem Tilman eine Chance auf Leben schenken sollte, war damals mitte fünfzig und männlich. So viel durfte er erfahren.

Das Kennenlernen


Es sollte zwei Jahre dauern, bis er den Namen des Mannes erfuhr, der mit seinen Stammzellen lebte. "Irgendwann erhielt ich einen Brief von der DKMS. Bis dahin war ich einfach nur glücklich, dass ich jemandem helfen konnte. Man fragte mich, ob ich wissen wolle, wer der Mann war. Ich wollte." Es war soweit. Der männliche Patient mitte fünfzig hatte einen Namen. Andrew Griffith. Da Tilman aber anfänglich nicht wusste, was genau er Andrew schreiben sollte, wartete erst einmal ab. "Was sind die richtigen Worte: 'Schön, dass Sie noch leben'?". Doch bevor sich Tilman entschieden hatte, kam ihm der Kanadier zuvor. "Er schrieb nur ein paar Sätze: Er sei am Leben und es ginge ihm gut. Er bedankte sich, dass er Weihnachten bei seiner Familie sein dürfe. Das Gefühl, das mich überkam als ich die Zeilen gelesen hatte, kann man kaum beschreiben", sagt Tilman.

Das alles hat sich in den Jahren 2011 und 2013 zugetragen. Tilman und Andrew halten noch immer den Kontakt. "Andrew hat mir erst kürzlich geschrieben, wie dankbar er mir ist. Dabei habe ich doch nur ein paar Stunden auf einer Liege gelegen." Tilman richtet seinen Appell an die Menschen: "Jeder Zeit kann es mich, einen Menschen aus meiner Familie und jemand anderen treffen – Blutkrebs ist eine tückische Krankheit. Man kann so leicht helfen und ein Leben retten – warum denn nicht?".

Spender werden


Nur ein Drittel der Patienten findet innerhalb der Familie einen geeigneten Spender. Der Großteil benötigt einen nicht verwandten Spender. Die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender außerhalb der eigenen Familie zu finden, liegt bei 1 : 20.000 bis 1 : mehreren Millionen. Unter Umständen findet sich auch unter mehreren Millionen niemand. Grundsätzlich kann sich jeder, der in Deutschland lebt, zwischen 17 und 55 Jahre alt und gesund ist, registrieren.

Am einfachsten kann man sich über die Homepage der Deutschen Knochenspenderdatei (DKMS) registrieren lassen. Nach zwei Wochen erhält man ein Registrierungs-Set. Darin befinden sich zwei Wattestäbchen, mit denen man Abstriche aus der Wangenschleimhaut entnehmen muss.Ein Labor analysiert dann die Gewebemerkmale. Die Daten werden gespeichert und stehen Patienten auf der ganzen Welt zur Verfügung. Dabei kommt es jedoch sehr selten überhaupt zu einer Stammzellenspende. Oftmals passen die nötigen Komponenten nicht. Wie genau die Stammzellenspende abläuft, lesen sie auf der Homepage der DKMS.


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