Leerstehende Kaufhäuser – Braunschweig und Wolfsburg zeigen neue Wege

Die Städte dienen als Vorbilder für das ganze Land: Oft geht es dabei weg vom Handel und hin zu Kultur und Bildung.

von


Im ehemaligen Karstadt am Gewandhaus soll das "Haus der Musik" entstehen.
Im ehemaligen Karstadt am Gewandhaus soll das "Haus der Musik" entstehen. | Foto: Matthias Kettling

Braunschweig/Wolfsburg. Leerstände in den Innenstädten – das gibt es auch in unserer Region reihenweise. Besonders sichtbar werden diese, wenn es die „großen“ Brocken betrifft – Kaufhäuser wie das Karstadt-Gebäude am Gewandhaus in Braunschweig oder das ehemalige Horten/Galeria-Gebäude am Bohlweg, aber auch das Hertie-Warenhaus in der Porschestraße in Wolfsburg stellen Städte vor besondere Herausforderungen. Leben in diese Brachen zu bringen, das ist das große Ziel. Nur wie kann es gelingen?



Jetzt hat die niedersächsische Staatskanzlei sich in ihrer Veranstaltungsreihe stadt/land/fokus am heutigen Donnerstag mit genau solchen Leerständen – ehemaligen Kaufhäusern – beschäftigt. Dabei dienten zwei Praxisbeispiele aus Städten unserer Region als Vorbilder für das gesamte Bundesland. Beide Beispiele zeigten: Der Weg führt dabei weg vom Handel und hin zu Kultur und Bildung.

Haus der Musik soll starke Frequenzen erzeugen


Eins dieser Beispiele ist das ehemalige Karstadt-Gebäude am Gewandhaus und der städtische Plan, daraus das „Haus der Musik“ werden zu lassen. Vor den Veranstaltungsteilnehmern aus dem ganzen Land referierte dazu der Braunschweiger Stadtbaurat und Wirtschaftsdezernent, Gerold Leppa.

Er überzeugte das Publikum mit dem städtischen Zentren-Konzept für frequenzstarke Nutzungen. „Wir wollen die Frequenz in der Innenstadt hochhalten“, sagte Leppa und betonte, dass es auch darum gehe den „sozialen Ort“ in der Fußgängerzone am Leben zu erhalten. Daher sei der Braunschweiger Weg: „Wo wir als Stadt Investitionen steuern können, stellen wir uns die Frage, wie wir sie in die Innenstadt lenken können“, so Leppa. „Wir haben daher als Stadt entschieden, Bildung und Kultur in die Innenstadt zu verlagern.“

Eins der Vorzeigeprojekte dabei sei eben das geplante „Haus der Musik“. „Das ist kein Einzelprojekt, sondern folgt einer Strategie“, betonte Leppa, der auch das besondere Raumkonzept vorstellte. In der fünfgeschossigen Nutzung ist dabei ganz oben der große Konzertsaal über zwei Geschosse vorgesehen, wo unter anderem Symphonieorchester Konzerte geben können, weiter unten soll die Musikschule entstehen. „Diese miteinander zu verweben, Profis und Amateure in einem Haus zusammenzubringen“, das sei laut Leppa eine Besonderheit der Nutzung.

Dass das gesamte Vorhaben auch von Friedrich Knapp bis zu dessen Tod gefördert wurde, betonte Leppa ebenfalls. Der Braunschweiger Modeunternehmer Knapp hatte unter anderem eine Stiftung initiiert, die das Projekt tragen und als Bauherrin fungieren soll. Leppa stellte jetzt in Aussicht: „Wir sind zuversichtlich, dass wir dieses Jahr die Stiftungsgründung abschließen können.“

So hat die Stadt immerhin schon eine Lösung auf den Weg gebracht. Für das ehemalige Horten-Gebäude laufen dagegen noch Überlegungen für eine Nachnutzung. Beim letzten verbliebenen aktiven Kaufhaus der Stadt – dem Karstadt in der Schuhstraße – steht derweil der Kampf um den Verbleib weiterhin an.

Markthalle wird zum digitalen Ort


Auch die Stadt Wolfsburg trug bei der Veranstaltung eins ihrer Vorzeigebeispiele vor. Jens Hofschröer, städtischer Dezernent für Wirtschaft und Digitales, stellte die Weiterentwicklung des ehemaligen Hertie-Kaufhauses zum jetzigen „Raum für digitale Ideen“ vor.

Die Markthalle in Wolfsburg ist inzwischen ein Zukunfts- und Bildungsort (Archivbild).
Die Markthalle in Wolfsburg ist inzwischen ein Zukunfts- und Bildungsort (Archivbild). Foto: Magdalena Sydow



Das Hertie-Warenhaus in der Porschestraße war einst mit 11.000 Quadratmetern Verkaufsfläche am Nordkopf vertreten und damals der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt. Auf den dortigen Leerstand ab 2003 musste eine Reaktion folgen. Ähnlich wie Leppa betonte Hofschröer „Wir mussten als Stadt Wolfsburg handlungsfähig sein und bei der Entwicklung uns selbst in den Fahrersitz begeben“, erklärte er. Das nahm seinen Anfang mit einem Teilabriss des Kaufhauses 2008.

Die Stadt schafft dort in der Markthalle nach einigen anderen Nutzungen jetzt einen „Zukunfts- und Bildungsort“. Unter anderem mit Co-Working-Bereich, Film- und Audiostudio sowie einer Programmierschule in direkter Nähe zur Ostfalia-Hochschule habe die Stadt dort einen neuen Frequenzanker geschaffen. „Dort herrscht jetzt Leben an dem Ort mit einem neuen Publikum“, so Hofschröer. Dieses sei digital unterwegs. Die Gründerszene sei vertreten und stets auch viele junge Leute.

Die wissenschaftlichen Referenten bei der Veranstaltung bestätigten die Ausgangspunkte für die kommunalen Aktivitäten. So zeigte Nina Hangebruch von der TU Dortmund einige bundesweite Umnutzungen von Warenhäusern, die im Zuge der Galeria-Insolvenzen leerstanden. Gastronomie, Wohnen, Hotels, aber auch Einzelhandel – seien dort häufige Nutzungen. Kommunen würden zudem inzwischen deutlich schneller diese Gebäude kaufen. Strategische Gründe sprechen demnach immer häufiger dafür, um die Entwicklung in den Innenstädten zu steuern – "im Fahrersitz" zu sein, wie der Wolfsburger Hofschröer es formuliert hatte.

Auch Thomas Binsfeld referierte. Er hat lange Zeit für die Landmarken AG ehemalige Warenhäuser weiterentwickelt. Eins seiner Vorzeige-Projekte sei das "Haus der Neugier" in Aachen, ein ehemaliges Horten-Gebäude, das nach zwölfjähriger Projektphase 2029 fertiggestellt werden soll. Unter anderem werden dort die Stadtbibliothek und die Volkshochschule einziehen. Also: Auch dort gibt es ähnliche Lösungen wie in Braunschweig und Wolfsburg.