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Maximale Bürgernähe - Wie Japan das Polizeisystem revolutioniert



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Maximale Bürgernähe - Wie Japan das Polizeisystem revolutioniert


Polizisten vor einem Koban in Tokio. Foto: Malte Arnsperger/FOCUS Online
Polizisten vor einem Koban in Tokio. Foto: Malte Arnsperger/FOCUS Online Foto: Malte Arnsperger/FOCUS Online

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Im Hinblick auf Kriminalität gilt Japan als eines der sichersten Länder der Welt. Ein wichtiger Baustein in der japanischen Sicherheitsarchitektur: Kleine Polizeiposten, deren Beamte in engem Kontakt mit den Bürgern und deren Problemen stehen. Überall im Land, auch im kleinsten Dorf. FOCUS-Online-Reporter Malte Arnsperger hat sich ein paar davon angeschaut, um zu sehen, was wir Deutschen von Japanern in puncto Sicherheit lernen können.



von FOCUS-Online-Autor Malte Arnsperger

Eine ältere Dame steht vor dem Polizeiposten von Junya Kojima, sie hält sich an ihrer schwarzblauen Stofftasche fest. Fragend blickt die grauhaarige Frau den jungen Polizisten an. Froh, dass in dieser eher ruhigen Nachbarschaft von Tokio endlich jemand seine Dienste braucht, tritt Kojima an sie heran, unterhält sich angestrengt mit ihr. Sein älterer Kollege Shiro Arai kommt hinzu. Nach kurzer Diskussion auf dem Gehweg vor dem „Koban“, der Polizeibox, wird der Sachverhalt klar: Eine Nachbarin hat der Frau ein vor Monaten ausgeliehenes Buch nicht zurückgegeben. Kojima schnappt sich sein weißes Fahrrad und tritt mit der Frau den Weg zu ihrer Wohnung an. Es ist ein Anliegen, welches keine Verzögerung erlaubt.



Hat die Polizei in der Weltstadt Tokio (rund zehn Millionen Einwohner) nichts Dringenderes zu tun, als ein möglicherweise unterschlagenes Buch zu suchen?

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Dieser Fall illustriert den Kern japanischer Polizeistrategie: maximale Bürgernähe. Das Symbol und die funktionale Basis dieses Systems sind die überall im Land verteilten Polizeiboxen, die Kobans (in urbanen Gebieten) oder Chuzaijyos (in ländlichen Regionen). Sie stehen für das Bestreben der japanischen Behörden, den Menschen ein wohliges Gefühl von Sicherheit zu geben.


Info-Box: Das japanische Polizei-System



Das Problem:

Obwohl die Kriminalitätsrate seit Jahren sinkt, fühlt sich laut einer Civey-Umfrage für FOCUS Online jeder Dritte in Deutschland nicht sicher. Die Politik sucht nach Antworten auf diese Ängste.

Eine dieser Antworten: mehr Polizei, die Regierung will 15.000 neue Stellen in Bund und Ländern schaffen. Die Sicherheits-Behörden setzen auch auf den Ausbau der Vor-Ort -Präsenz. So eröffnete die Berliner Polizei unlängst einen Posten auf dem Alexanderplatz.

Was macht Japan:

Seit dem 19. Jahrhundert existieren in Japan die Polizeiwachen, insgesamt 6260 Kobans und 6329 Chuzaijyos überall im Land verteilt. Eine Polizeiwache pro 10.000 Einwohner. In Deutschland gibt es laut des Boorberg-Fachverlages, der die Dienststellen länderübergreifend in einem Werk auflistet, rund 2950. Das ist eine pro 26.000 Einwohner.

Die Polizisten der Chuzaijyos wohnen mit der Familie in der Dienststelle. Die Kobans werden im Schichtsystem besetzt. In den kleineren Kobans schieben meist nur ein, manchmal zwei Beamte Wache, andere sind mit bis zu einem Dutzend Polizisten besetzt. Sie sind Ansprechpartner für Alltagsprobleme, etwa für Wegbeschreibungen, nehmen aber auch Anzeigen auf.

Ein wichtiges Element sind regelmäßige Patrouillen und Hausbesuche. Die Polizisten verteilen dabei auch Formulare, auf denen die Anwohner persönliche Details wie Name, Zahl der Personen im Haushalt, den Beruf, oder Notfall-Kontakte angeben können.


Dieser wesentlich engere physische und emotionale Kontakt zu den Bürgern ist ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Menschen in Japan sicherer fühlen als die Menschen in den meisten anderen Ländern.

"Können vom Koban aus schnell vor Ort sein"



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Ein japanischer Polizist in einem Koban in Tokio. Foto: Malte Arnsperger/FOCUS Online

Daran hat Junya Kojima seinen Anteil. Der schmächtige 24-Jährige ist seit zwei Jahren Polizist im nördlichen Tokioter Stadtteil Asakusa. Stets tut er Dienst in einem der neun Kobans seines Viertels. Der „Higashi-Asakusa“-Koban besteht wie die meisten kleinen Standard-Wachen aus einem kaum 15 Quadratmeter großen Raum: ein Tisch, ein Schrank, zwei Stühle. Das reicht. Wie bei allen Kobans leuchten zwei rote Lichter und ein goldener Polizeistern über der Eingangs-Schiebetür.

Die Gegend um den „Higashi-Asakusa“-Koban ist eine von oft nur zweistöckigen dicht aneinander gedrängten Wohn-Häusern geprägte Nachbarschaft, ein Restaurant hier und da, ein kleiner Supermarkt gegenüber. Verkehrsunfälle, Fundsachen, mal eine Kneipenprügelei und Hilfe für Rentner beherrschen einen üblichen Tag von Kojima. „Es ist ein großer Vorteil, dass wir vom Koban aus so schnell vor Ort sein können“, sagt der Polizist. Als er sieht, dass es eine ältere Dame mit Krückstock kaum rechtzeitig vor dem Rot-Signal über die Kreuzung schafft, läuft er zu ihr und begleitet sie über die Straße.

Die 85-jährige Kumiko Shimizu ist nach dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren vom Land in die Stadt gezogen. In ihrem Dorf gab es zwar einen Chuzaijyo, die Berührungspunkte hätten sich aber in Grenzen gehalten, sagt die ganz in schwarz gekleidete Frau. Das ist jetzt anders: „Ich kann den Koban von meiner Wohnung aus sehen, und es ist für mich als alleinstehende Frau sehr beruhigend, dass ich jederzeit hingehen kann, wenn ich ein Problem habe.“

Der aktive Kontakt zur Nachbarschaft ist ein wesentliches Element des Polizeibox-Systems. Darunter fallen einerseits regelmäßige Patrouillen, meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad, in ländlichen Gebieten auch mit dem Auto. Andererseits sind die Beamten angehalten, einmal im Jahr bei jedem Haushalt in ihrem Distrikt anzuklopfen und einen Fragebogen auszufüllen. Jeder Polizist bekommt zu diesem Zweck Haushalte zugeteilt, bei Junya Kojima sind es 350.

Auch wenn Polizisten wie Junya Kojima schwören, dass „mehr als 90 Prozent“ der Bewohner den Fragebogen „gerne“ ausfüllen und Bürger wie die Rentnerin Kumiko Shimizu versichern, dass sie kein Problem damit haben, ihre Daten preiszugeben: Sowohl die Art der Patrouillen als auch die Hausbesuche sind selbst in Japan nicht unumstritten. Und für datensensiblere und vor allem autoritätskritischere Gesellschaften wie die deutsche erinnert ein solches Überwachungssystem doch sehr an dunkle Methoden der Nazis oder der Stasi. Zumal die Polizeiboxen auch dem Zweck dienen sollen, dass Bürger Auffälligkeiten sofort melden können. Aber was ist „auffällig“, was ist „verdächtig“? Die Hemmschwelle, jemanden voreilig oder böswillig anzuschwärzen, sinkt durch das Polizeibox-System.

Der japanische Soziologe Yoshio Sugimoto bezeichnet dieses System als „freundlichen Autoritarismus“. Der Bürger werde zwar nicht gezwungen, aber man erwarte von ihm, bei diesem „staatlichen System der Datensammlung im Namen der Sicherheit mitzumachen“.

"Fühle mich manchmal schon auf unangenehme Weise beobachtet"



Die Deutsch-Japanerin Sandra Häfelin, die seit 1998 in Tokio lebt und mehrere Bücher über die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Ländern geschrieben hat, sagt zwar: „Das Koban-System trägt dazu bei, dass ich mich sicherer fühle als in Deutschland.“ Aber gleichzeitig räumt die Autorin und Bloggerin ein: „Ich fühle mich manchmal schon auf unangenehme Weise beobachtet, nicht-japanische Bekannte wurden schon öfter nachts einfach angehalten.“ Häfelin hat Zweifel, ob die Mehrheit der Deutschen es akzeptieren würden, dass ihnen die Polizei so auf den Füßen steht.

Zweifel hat auch Joachim Kersten, aber er sieht durchaus das Potential, Elemente aus Japan zu kopieren. Vor allem würden die Koban-Polizisten in Japan ein großes Vertrauen in den Rechtsstaat schaffen.


Info-Box: Was kann Deutschland von Japan lernen?



Was kann Deutschland von Japan lernen:

Joachim Kersten sieht das Potential, Elemente aus Japan zu kopieren. Kersten ist Professor an der Deutschen Polizeihochschule, arbeitete über mehrere Jahre in Japan und forschte über das dortige Polizeisystem. „Es könnte sicher sinnvoll sein, etwa in größeren Städten, in der Nähe von vielbesuchten öffentlichen Plätzen, mehr Überwachung durch Videokameras wie in Japan oder kleinere Polizeiwachen zu etablieren.“

Ziel müsse es sein, Nichtbeachtung von gesellschaftlichen Normen und Gesetzen, etwa durch feiernde junge Männer oder durch Straßenrowdys, schneller und konsequenter zu sanktionieren. „Diese Leute müssen viel mehr das Gefühl haben, dass sie nicht völlig unbeobachtet sind und auch zur Rechenschaft gezogen werden können. Wenn man zulässt, wie es teilweise in Berlin der Fall ist, dass manche Straßen zum Rummelplatz für Rambos werden, verliert man das Vertrauen der Bürger. Dieses Vertrauen schaffen die Polizisten durch die Kobans in Japan.“

Polizei-Experte Kersten sieht auch bei der Arbeitsmethode die japanischen Polizisten als Vorbild für ihre deutschen Kollegen: „Die sehr fürsorgliche und professionelle Art der japanischen Polizei ist bemerkenswert und durchaus nachahmenswert. In Deutschland werden Polizeibeamte oft als nicht so bürgernah wahrgenommen. Die Distanz ist viel größer.“

Was gilt es zu beachten:

Das japanische Gesellschaftssystem ist eng mit der Polizeiarbeit verbunden: So sieht der Konfuzianismus die Unterordnung unter den Staat und die selbstlose Selbsteinbringung vor. Die japanische Gesellschaft ist auf die Einhaltung von gemeinsamen Werten und Regeln getrimmt, abweichendes Verhalten ist wenig akzeptiert und wird moralisch sanktioniert.

Zudem hatte die Polizei in Japan historisch viel mehr Befugnisse und Aufgaben, Anfang des 20. Jahrhunderts in der sogenannten Meji-Periode war sie etwa für die Feuerbekämpfung oder das Gesundheits-System zuständig, aber auch für politische Kontrolle.

Und: Zwar haben Länder wie Brasilien und Singapur auch eine Art von Polizei-Boxen eingeführt, aber entsprechende Versuche in den USA seien gescheitert, sagt Polizeiexperte Kersten: „Eine Polizeikultur ist nicht einfach von einem Land auf ein anderes übertragbar.“


Wie etwa Takeaki Ichikawa. Der 45-Jährige tut Dienst in einem für japanische Verhältnisse problematischen Teil von Tokio. Der „Nihonzutsumi“-Koban ist verantwortlich für Sanya, ein Viertel, in dem viele Sozialhilfeempfänger leben, Tagelöhner auf schlecht bezahlte Jobs warten und es nicht ungewöhnlich ist, wenn - wie an diesem Vormittag - ein völlig betrunkener Mann an der Polizeiwache vorbei torkelt. Schlägereien sind an der Tagesordnung. Takeaki Ichikawa und seine Kollegen empfangen die Bürger deshalb im Koban hinter einem Tresen, in der Ecke stehen mehrere Schutz- und Abwehrschilder aus Plexiglas.

Die Polizei setzt hier seit Jahren noch intensiver auf Patrouillen, einer der vier diensthabenden Beamten ist idealerweise auf der Straße unterwegs. Eine Strategie, die sich offenbar auszahlt. Ein älterer Anwohner, der mit dem Fahrrad in die Seitenstraße neben dem Koban einbiegt, sagt: „Ich habe das Gefühl, dass sich die Kriminalität auf der Straße um 90 Prozent reduziert hat.“

Größeres beiderseitiges Vertrauen



Die traditionell engere Beziehung zwischen Polizei und Bürgern funktioniert in Japan wie ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Viele Bürger sehen in der Polizei einen zwar autoritären, aber stets ansprechbaren Partner auf Augenhöhe. Die Polizei kann sich auch deshalb auf die grundsätzlich hohe Bereitschaft zur Mitarbeit der Bürger verlassen, was wiederum zu einer verbesserten Sicherheitslage und einem größeren beiderseitigen Vertrauen beiträgt.

Das erkennt auch Sandra Häfelin an: „Die Polizei hat in Japan ein anderes Image als in Deutschland. In Deutschland rollen Polizisten oft mit den Augen, wenn man nach dem Weg fragt. Hier ist das normal. Schon kleinen Kindern wird beigebracht: ‚Du kannst jederzeit zum Koban gehen und wenn du dort eine Fundsache abgibst, wirst du sogar gelobt.‘“

Und einer älteren Dame wird dabei geholfen, ihr Buch wiederzubekommen.


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