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Neue Erkenntnisse über Baalberger Frauengrab wurden vorgestellt



Wolfenbüttel

Neue Erkenntnisse über Baalberger Frauengrab wurden vorgestellt


Dr. Geschwinde zeigt die Größe der Gefäße, Foto: Privat
Dr. Geschwinde zeigt die Größe der Gefäße, Foto: Privat Foto: Privat

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Schladen. In Bezug auf den 4. Winterabend im Heiathaus alte Mühle erreichte unsere Redaktion eine Pressemitteiung von Dorothee Schacht, der ersten Vorsitzenden des Förderkreises Heimathaus Alte Mühle Schladen, die an dieser Stelle unkommentiert und ungekürzt veröffentlicht wird:




Beim 4. Winterabend im Heimathaus Alte Mühle in Schladen berichtete der Bezirksarchäologe Dr. Michael Geschwinde über das 2010 gefundene Grab auf der Werla bei Schladen. Dazu war mit über fünfzig Besuchern das Heimathaus fast überfüllt.

Dr. Geschwinde zeigte sich begeistert über Schladen und Umgebung, wo alle jungsteinzeitliche Kulturen bis hin zur Eisenzeit um Christi Geburt ihre Spuren durch ihre intensive Besiedelung hinterlassen haben. Auch gibt es hier die größte Dichte von Erdwerken in Deutschland. Das Erdwerk auf dem Liethfeld nördlich von Werla konnte auf 3700 J. vor Christus datiert werden.
Als Dr. Geschwinde mit Studenten der Technische Universität Braunschweig bei einer Lehrgrabung auf der Werla ein Grubenhaus ausgrub, amüsierte er sich, als zwei Studentinnen am Rande des Zeltes vorsichtig mit Pinsel und Puderquaste arbeiteten. Umso erstaunter war er, als sie eine halbe Stunde später einige große Scherben freigelegt hatten. Das Überraschendste war, dass dieses keine Scherben aus dem 10. Jahrhundert des Grubenhauses waren, sondern eindeutig viel älter.



Nach weiterer Grabung konnten die Studentinnen mit Hilfen ihrer Kommilitonen auch mehrere große Gefäße aus der Baalberger und ein Gefäß aus der Michelsberger Kultur bergen. Die Sensation ist die Menge der Gefäße, die gleichzeitig der westlichste Nachweis dieser Kultur ist, die hauptsächlich im mitteldeutschen Raum im zB. im Saalebecken angesiedelt war. Die Michelsberger Kultur breitet sich dagegen von Frankreich bis zur „Werla“ aus, wo in einem Schmelztiegel mehrere Kulturen aufeinander trafen. Die Gefäße waren wohl in einer Holzkiste niedergelegt worden, was aus der Lage zu schließen war. Daneben fanden sie auch noch einen niedergelegten Mahlstein und in der Nähe einen Backofen, was auf direkte Besiedelung hindeutete.
Als alle Scherben und Gefäße geborgen worden waren, wollten alle die Grabung mit dem Putzen der Fläche abschließen. Doch plötzlich tauchte ein menschlicher Zehenknochen auf. Nun war die Aufregung groß! Bei der weiteren Freilegung kamen zwei gebrochene Schienbeinknochen und nach und nach ein Frauenskelett zu Tage, die auch noch ein Kind in den Armen hielt.
Im Kopfbereich fanden sie dann noch teils verkohle Knochen , die nach der Auswertung von einem Mann und einem weiteren Kind stammten. Auch ein Teil eines Hirschgeweihes war darunter. Die Studenten hatten also ein komplettes Grab mit vier Bestattungen gefunden! Das war ein Grund zum Feiern.
Nun ging es an die Untersuchung und Auswertung. 1 Jahr war einen Mitarbeiterin mit dem Riesenpuzzle der Scherben beschäftigt und 2 Jahre dauerten dann die Restaurierung der ca. 24 Gefäße. Von kleinen schlichten bis hin zu großen Amphoren waren alle nur für diese Bestattung hergestellt und nicht für den täglichen Gebrauch gedacht, denn zum einen konnten keine Lebensmittel oder ölhaltige Substanzen nachgewiesen werden, zum anderen wurden sie bei viel zu niedriger Temperatur gebrannt. Vermutlich wurden sie auf der Werla hergestellt, denn bei ca. 1 cm Dicke der Gefäße und der minderwertigen Qualität war ein weiter Transport nicht möglich.
Die Knochen geben auch noch viele Rätsel auf. Aber einige Erkenntnisse konnten schon gewonnen werden. Die Frau war ca. 150 cm groß und ca. 32 Jahre alt geworden. Das Kind war wahrscheinlich ein 4 jähriger Junge. Sie hatten in ihrem Leben wohl immer gut zu Essen. Das ist für das Neolithikum ein Alleinstellungsmerkmal, da alle bisherige Funde Anzeichen von Mangelernährung aufweisen. Das Tollste war: Sie waren Zeitgenossen des Erdwerkes.
Weitere Forschungen können vielleicht beweisen, dass es eine Familie war. Die Vermutungen von Dr. Geschwinde gehen noch weiter. Ist es nicht wahrscheinlich, dass es noch mehr Gräber gab? War dieses die zum Erdwerk gehörende Siedlung? Eine weitere Grabung steht ganz oben auf seiner Liste. Nach vielen Fragen der gespannten Zuhörern wurde noch bei Glühwein und Käsespießen dies Gedanken weiter gesponnen. Die Vorsitzende Dorothee Schacht bedankte sich herzlich mit einem Präsent für den tollen Vortrag und die neuen Erkenntnisse. Eine Wiederholung ist nicht ausgeschlossen.



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