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Oberbürgermeister schlägt Sally Perel als Ehrenbürger vor

Sally Perel habe sich durch sein ideelles Engagement in Form seiner langjährigen Aufklärungstätigkeit um die Stadt Braunschweig in besonderem Maße verdient gemacht.

Sally Perel
Sally Perel Foto: Volkswagen Aktiengesellschaft

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29.06.2020

Braunschweig. Salomon – genannt Sally - Perel soll aufgrund seiner besonderen Verdienste um die Stadt Braunschweig das Ehrenbürgerrecht erhalten. Das schlägt Oberbürgermeister Ulrich Markurth dem Rat zur Beschlussfassung vor, wie die Stadt Braunschweig in einer Pressemitteilung berichtet.


"Dank seines unermüdlichen Engagements gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wirkt Sally Perel als Botschafter für Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung", hebt Oberbürgermeister Markurth hervor. "Aufgrund seines Wirkens leistet er 75 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus als einer der letzten Zeitzeugen einen herausragenden Beitrag für eine verantwortungsbewusste Erinnerungskultur. Seine persönlichen Erfahrungen und sein Wissen – auch über Braunschweigs Vergangenheit – spielen eine wichtige Rolle, um zu verstehen, dass Frieden, Freiheit und die Würde des Menschen unerlässlich für unsere Demokratie sind."

Obwohl die Verleihung der Ehrenbürgerwürde niemals eine Wiedergutmachung sein könne, so sei sie doch ein Zeichen der Versöhnung. Markurth: "Sie setzt ein Zeichen, das Mut macht, sich gegen Antisemitismus und Rechtspopulismus in der Gesellschaft zu behaupten. Der Stadt Braunschweig ist es ein Anliegen, das Selbstverständnis, dass jüdisches Leben und die jüdische Kultur einen festen Platz in Braunschweig haben, durch diese Auszeichnung zu unterstreichen. Sally Perel hat sich durch sein ideelles Engagement in Form seiner langjährigen Aufklärungstätigkeit um die Stadt Braunschweig in besonderem Maße verdient gemacht. Wie er selbst äußert, spielt sie in seinem Leben eine schicksalhafte Rolle, so dass er ihr stets verbunden bleibt."

Leben und Wirken Sally Perels


Salomon Perel ist einer der letzten Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben und darüber berichten können. Er wurde 1925 in Peine als Sohn eines Rabbiners geboren. Um sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entziehen, habe die Familie Mitte der 30er Jahre nach Łódź in Polen übergesiedelt. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde auch Łódź von deutschen Truppen besetzt. Um ihm das Überleben zu ermöglichen, hätten seine Eltern den damals 14-jährigen Sally gemeinsam mit seinem Bruder Isaak nach Osten in den von der Sowjetunion annektierten Teil Polens geschickt. 1941 sei er dort der Erschießung durch deutsche Truppen nur entgangen, weil er behauptete, sogenannter "Volksdeutscher" zu sein. In der Folge habe er unter dem Namen Josef "Jupp" Perjell einige Zeit der Wehrmacht als Dolmetscher gedient. 1943 wurde er als Minderjähriger von der Front abgezogen und kam zur Berufsausbildung nach Braunschweig. Die Ausbildung zum Werkzeugmacher absolvierte er im "Vorwerk" von Volkswagen. Er habe während dieser Zeit im Lehrlingswohnheim an der Gifhorner Straße gewohnt.

Die Ausbildung im Vorwerk sei dabei weit über eine normale Berufsausbildung hinausgegangen. Ziel war es, einen "neuen deutschen Facharbeiter" im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu erziehen. Es sei Sally Perel gelungen, der auch Mitglied der Hitlerjugend werden musste, in diesem von der NS-Ideologie durchdrungenen Umfeld auf bewundernswerte Weise seine jüdische Identität zu verbergen und so den Holocaust zu überleben. Zugleich sei seine dramatische Lebensgeschichte auf diese Weise untrennbar mit Braunschweig verbunden.

1948 verließ Sally Perel, dessen Familie zahlreiche Opfer im Holocaust zu beklagen hatte, Deutschland, um in den gerade gegründeten Staat Israel auszuwandern und das Land mit aufzubauen. Erst vierzig Jahre nach Ende der Shoa verarbeitete Sally Perel das Erlebte in einer Autobiografie (Ich war Hitlerjunge Salomon; deutsche Erstausgabe 1992). Zwei Jahre zuvor entstand in Zusammenarbeit der Regisseurin Agnieszka Holland mit Salomon Perel die Verfilmung zu seiner Geschichte. Damit habe sein international beachtetes öffentliches Wirken gegen Antisemitismus und Rassismus, für Respekt und Toleranz begonnen. Es sei bis heute sein Anliegen, die Erfahrungen und Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus insbesondere an junge Menschen weiterzugeben und auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die durch das Erstarken völkisch-nationalistischer Kräfte drohen. Dieses Wirken habe in der Stadt Braunschweig und in der Region mittlerweile seit Jahrzehnten einen festen Bezugspunkt und sei zu einem wesentlichen Element der Erinnerungskultur von Stadt und Region geworden.

Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet


1999 wurde Sally Perel mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit 2013 verleihen Betriebsrat und Management des Volkswagen Werks Braunschweig den Sally-Perel-Preis und würden damit Initiativen junger Menschen aus unserer Stadt und der Region fördern, die sich für Respekt und Toleranz sowie gegen Rassismus und Gewalt einsetzen. Schirmherr des Preises ist Oberbürgermeister Ulrich Markurth. Bis heute komme Sally Perel immer wieder zu Lesereisen, aber auch im Zusammenhang mit dem nach ihm benannten Preis nach Braunschweig.

Um das Wirken von Sally Perel zu würdigen, habe die Stadt die Integrierte Gesamtschule Volkmarode zum Schuljahr 2018/2019 in "Sally-Perel-Gesamtschule" umbenannt. Seit Veröffentlichung seines Buches habe er tausenden Braunschweiger Jugendlichen sein Leben und Überleben nahegebracht und so gegen das Vergessen gearbeitet. Sally Perel übernehme bis heute Schirmherrschaften, wie beispielsweise für die 850 Kilometer lange Radgedenkfahrt der "brunswick wheelers" nach Auschwitz zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers.

"Gerade in diesem Jahr - 75 Jahre nach Kriegsende - kommt der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Sally Perel besondere Bedeutung zu", betont Ulrich Markurth. "Es ist ein Symbol des Gedenkens und soll die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes wachhalten." Dies umso mehr, da der Freistaat Braunschweig durch die Regierungsbeteiligung der NSDAP seit 1930 früh den Ruf einer nationalsozialistischen Hochburg besaß – im Gegensatz zur Stadt Braunschweig unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Ernst Böhme.

Mit dem Vorschlag des OB befasst sich der Verwaltungsausschuss am 7. Juli. Die Entscheidung trifft der Rat in öffentlicher Sitzung am 14. Juli.


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