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Braunschweig: Wie gefährlich war das Strahlungsleck an der PTB wirklich?



Braunschweig

Radioaktivität aus der PTB ausgetreten - Wie gefährlich war der Vorfall wirklich?

Gerade bei Vorfällen mit Strahlung sind die Zahlen häufig abstrakt und schwer einzuschätzen. regionalHeute.de hat nachgefragt, welches Risiko bei dem Vorfall am 15. April wirklich bestand.

von Marvin König


Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig koordinierte das Projekt. Foto: Werner Heise
Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig koordinierte das Projekt. Foto: Werner Heise Foto: Werner Heise

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Braunschweig. Am 15. April berichtete die Physikalisch-technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig über ein Strahlenschutzrechtlich meldepflichtiges Ereignis. Aus einer Messapparatur ist eine Menge von 26 Mikrogramm des radioaktiven Edelgases Krypton-85 über einen Schornstein in die Atmosphäre entwichen. Die Ursachen des Vorfalls steht noch nicht fest. Die freigesetzte Menge entspreche einer Aktivität von 257 Megabecquerel und wird aufgrund seiner langen Halbwertszeit von fast elf Jahren noch sehr lange Strahlung abgeben. Dennoch seien in der Umgebung laut PTB keine erhöhten Krypton-85-Werte messbar gewesen. Wie kann das sein? regionalHeute.de hat bei der PTB nachgefragt, was ein Vorfall dieser Größenordnung effektiv für Mensch und Umwelt bedeutet.



Ein meldepflichtiges Ereignis in kerntechnischen Anlagen ist - vereinfacht gesagt - jeder Vorgang bei dem ungeplant Strahlung entweicht oder der die Sicherheit einer mit radioaktiven Stoffen arbeitenden Einrichtung beeinträchtigt. Dabei ist die Menge der freigesetzten Strahlung nicht von Bedeutung. Die meisten Elemente haben radioaktive Isotope. Im Zusammenhang mit großen Reaktorunfällen spielen vor allem Jod-131 und Ceasium-137 eine große Rolle. Jod-131 kann sich in der Schilddrüse anreichern und zu Schilddrüsenkrebs führen, Caesium kann sich im Muskel- und Nervenzellen einlagern. Einmal aufgenommen, verbleiben die beiden Substanzen im Körper und können bis zu ihrem Zerfall erhebliche Schäden anrichten.

Während Caesium-137 und Jod-131 von allen Lebensformen dankbar in den Stoffwechsel aufgenommen werden, hat die Natur keinerlei Interesse an Krypton-85. Es nimmt weder am Stoffwechsel des Menschen teil, noch wird es in Pflanzen eingebaut und hat daher auch keine Auswirkungen auf Nahrungsmittel wie Pilze oder Gemüse. "Es wird nach seiner Freisetzung vom Wind davongetragen, schnell verdünnt und verbleibt in der Atmosphäre. Es wird nicht ausgewaschen und fällt auch nicht zu Boden", erklärt PTB-Sprecher Jens Simon.


Um 375 Megabequerel Krypton-85 auf einen Zerfall pro Sekunde pro Kubikmeter Luft (Ein Bequerel pro Kubikmeter) zu verdünnen, benötige man rechnerisch einen „Luftwürfel“ mit der Kantenlänge von 721 Meter. Zum Vergleich: In Bananen kommt das natürliche radioaktive Isotop Kalium-40 vor, das im Durchschnitt zirka zwölf Bequerel an Gamma und Betastrahlung abgibt. Der Konsum einer Banane führt demzufolge zu einer Strahlendosis von etwa 0,1 Mikrosievert (Ein Mikrosievert ist ein Tausendstel von einem Millisievert). Mit dem Essen von 80 Millionen Bananen könnte der Mensch eine tödliche Strahlendosis von 8 Sievert erreichen. "Die seit Jahren gemessene, im Wesentlichen durch die nuklearen Anwendungen des Menschen in die Atmosphäre eingebrachte Aktivität von Krypton-85 beträgt ca. 1,5 Bequerel pro Kubikmeter. Da Krypton-85 nicht an Stoffwechselprozessen teilnimmt, sorgt lediglich der radioaktive Zerfall für eine Abnahme der Krypton-85 Aktivität in der Atmosphäre. Nach 10,8 Jahren ist deshalb nur noch die Hälfte des freigesetzten Kryptons in der Atmosphäre vorhanden", erklärt Simon dazu. Da der "Luftwürfel" über der PTB logischerweise eine größere Kantenlänge hat als 721 Meter, ist es also nicht verwunderlich, dass das neu freigesetzte Krypton in der Umgebung nicht messbar war - schließlich sinkt es ja auch nicht zu Boden. Gerade in Bodennähe ist die Strahlenbelastung durch natürlich vorkommendes Radon deutlich höher - sie liegt bei etwa 50 Bequerel pro Kubikmeter und kann in Radonvorsorgegebieten wie im Landkreis Goslar in geschlossenen Räumen Konzentrationen von 300 Bequerel pro Kubikmeter und mehr erreichen.

Was wäre, wenn das Edelgas im Labor ausgetreten wäre


Das Krypton wurde bei seinem Austritt also quasi bis zur Unkennlichkeit in der Atmosphäre verdünnt. Aber was wäre, wenn die Substanz in das Labor geströmt wäre, statt über die Belüftung in die Atmosphäre? "Selbst wenn, rein hypothetisch betrachtet, das Krypton-85 Gas im Labor freigesetzt worden wäre - was, wie gesagt, nicht der Fall war - lässt sich feststellen, dass keine schädlichen Auswirkungen für die Mitarbeitenden im Labor die Folge gewesen wären", berichtet Simon und erklärt weiter: "Selbst in einem so unwirklichen Szenario, in dem ein Mensch für eine Stunde im Abgasstrom auf dem Dach des Laborgebäudes so in der Nähe des Schornsteins gestanden hätte, sodass ihn die Krypton-85-Wolke umspült hätte, wäre dieser Mensch lediglich mit einer effektiven Dosis von 0,016 mSv belastet worden." Die jährliche, sogenannte "zivilisatorische Strahlenexposition" liegt in Deutschland etwa bei 1,7 Millisievert pro Jahr, also dem 106-fachen dessen, was eine direkte Begegnung mit der "Krypton-Wolke" verursacht hätte.

Aufklärung des Vorfalls läuft


Die Ursache für den Austritt mithilfe eines externen Sachverständigen laufe unterdessen noch. Erst wenn diese abgeschlossen sei, lasse sich etwas über die genaue Ursache für den Austritt des Edelgases aus dem Labor sagen. Ob das Edelgas sukzessive oder auf einen Schlag ausgetreten ist, mache dabei übrigens kaum einen Unterschied: "Ein sukzessiver Austritt unterscheidet sich von einem kurzzeitigen kompletten Austritt des Krypton-85 dadurch, wie rasch die Verdünnung des Edelgases in der Atmosphäre erfolgt. Da das Edelgas vom Wind davongetragen und nicht ausgewaschen wird oder zu Boden fällt, ist kein großer Unterschied seiner Auswirkungen auf die Umgebung durch die Art der Freisetzung zu erwarten."


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