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Radioaktivität: Deutschlands erste Bürgermessstelle in Wolfenbüttel eröffnet



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Radioaktivität zum Anfassen: Erste Bürgermessstelle eröffnet

Die Bürger der Region können Dinge selbst auf Radioaktivität prüfen und werden dabei wissenschaftlich begleitet.

von Martin Laumeyer


Dr. Wolfgang Schulz von der Leibniz Universität Hannover im Labor der Bürgermessstelle.
Dr. Wolfgang Schulz von der Leibniz Universität Hannover im Labor der Bürgermessstelle. Foto: Martin Laumeyer

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Region. In Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel wurde heute Mittag die Bürgermessstelle für Umweltradioaktivität in der Gemeinde Elm-Asse vorgestellt. Die Bürgermessstelle, die im Rahmen des Projektes TRANSENS (Transdisziplinäre Forschung zur Entsorgung hoch radioaktiver Abfälle in Deutschland) integriert ist, soll den Bürgern Gelegenheit geben, Radioaktivität in ihrer Umgebung selbst zu messen. Kritik an dem Vorhaben weisen die Projektverantwortlichen ab.



Im Schatten der Apfelbäume, begleitet vom Stieglitzgesang und der herbstlichen Mittagssonne, mitten im ländlichen Raume, ist heute in Remlingen die deutschlandweit erste Bürgermessstelle für Umweltradioaktivität eröffnet worden. Die Messstelle befindet sich im Keller des ehemaligen Kindergartens, in dem heute auch das Bürgerbüro vorzufinden ist. Dass das Messgerät dort im Keller steht, habe einen praktischen Grund: Es wiege zirka eine Tonne, was für die Decke auf Dauer nicht von Vorteil sei.

Während des heutigen Pressetermins gaben die Projektverantwortlichen nun einen Einblick in den Messraum und berichteten über Hintergründe und Ziele des Projekts. Die mit einem modernen Gamma-Spektrometer ausgestattete Messstelle soll interessierten Bürgern vor Ort die Möglichkeit eröffnen, Radioaktivität in ihrer Umwelt unter wissenschaftlicher Anleitung weitgehend selbst zu messen. "Wir wollen nicht die hundertste Messstelle sein, die Proben entgegennimmt und nach drei Wochen einen unverständlichen Report zurückgibt, sondern wir möchten die Bürger in die Lage versetzen, das selbst zu lernen und selbst zu tun", sagt Dr. Clemens Walther von der Leibniz Universität Hannover (LUH). So werden die Ergebnisse einer Probe mit dem jeweiligen Bürger besprochen und eingeordnet. "Unsere Zielgruppe ist alle. Wir schließen niemanden aus", erläutert Dr. Walther weiter.



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Dabei sei das Messgerät genauer und könne zwischen natürlicher und künstlicher Radioaktivität unterscheiden, was bei einem handelsüblichen Geigerzähler nicht möglich sei. Das Gerät sei aber auf Gammastrahlung ausgerichtet, wodurch andere Formen der Radioaktivität kaum bis gar nicht messbar seien.

"Gucken nach den radioaktiven Töchtern"




"Ein Messlabor an der Asse als Beruhigungspille für die Bevölkerung?", das fragen sich daher Aktivisten der Asse Watch und vom AufpASSEn e.V. in einer Pressemitteilung. Die anderen Formen von Radioaktivität, seien bei der Asse II auch von Bedeutung, um die Belastung der Umwelt zu ermitteln. Gammastrahlung sei ein Energiequantum, das beim unmittelbaren Kontakt mit Körpern ionisierende Wirkung habe. Beta-Strahler hingegen seien radioaktive Partikel, die vom Körper aufgenommen würden und unter Abgabe von Elektronen zerfielen. Dieser radioaktive Beta-Zerfall schädige daher die DNA, beeinflusse die Zellteilung und führe sogar zu Mutationen bei Körper- und Geschlechtszellen.

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Laut den Aktivisten ignoriere das Bundesamt für Strahlenschutz schon seit Jahren die Forderung, Baumscheiben aus der Asse und die beiden nahe der Schachtanlage gelegenen Teiche auf eingelagertes Tritium und C-14 zu untersuchen. Nun eine Bürgermessstelle aufzubauen erscheine, angesichts der Komplexität der eigentlich erforderlichen Messungen, völlig unangemessen.

Deswegen fragt sich Andreas Riekeberg von Asse Watch: "Warum wird in Remlingen eine Gamma-Spektrometrie-Messstelle eingerichtet, wo doch bei Asse II die radioaktiven Beta-Strahler Kohlenstoff-14 (C-14) und Tritium (radioaktiver Wasserstoff) und der Alphastrahler Radon-222 die wesentlichen Radionuklide aus der Fortluft sind?". Das habe mehrere Gründe, so Dr. Walther. Für das Messen von Kohlenstoff-14 sowie von Tritium seien große, umfängliche und teure Anlagen erforderlich. Im Institut für Radioökologie und Strahlenschutz an der LUH seien aber solche Messungen möglich. Der Kohlenstoff-14 könne durch menschlichen Einfluss vorkommen, sei aber auch in natürlicher Weise und in einer gleichbleibenden Konzentration in der Umwelt vorhanden. Daher müsse man in der Untersuchung zwischen diesen beiden Ursprüngen unterscheiden.

Dr. Clemens Walther und Dr. Wolfgang Schulz bei der Pressekonferenz zur Bürgermessstelle in Remlingen.
Dr. Clemens Walther und Dr. Wolfgang Schulz bei der Pressekonferenz zur Bürgermessstelle in Remlingen. Foto: Martin Laumeyer


Der Alphastrahler Radon-222 sei hingegen getrennt von den anderen Stoffen zu betrachten. Das radioaktive Edelgas komme in der Natur in sehr hohen Konzentrationen vor, sodass es 50 Prozent der natürlichen Strahlung ausmache, die wir Deutschen abbekommen. "Wenn wir das hier messen würden, würden wir entsprechend immer etwas finden. Und dann wäre die große Kunst zu sagen, woher das kommt. Der Beitrag der Asse wäre dahingehend wahrscheinlich gar nicht messbar. Wenn ich mich vor dem Abluftkamin der Asse stelle, werde ich eventuell etwas finden. Besonders wenn der Rückholprozess anfängt, könnte es durchaus sein, dass die Radonemissionen dort steigen. Als radioaktives Edelgas ist die Verteilung dort für den Menschen sehr günstig, weil es relativ schnell und stark verdünnt wird. Wir gucken vielleicht nach den radioaktiven Töchtern, also den Folgeprodukten aus dem Zerfall von Radon-222, denn sollten davon in erhöhtem Maße welche auftreten, würden wir davon etwas mitbekommen", erklärt Dr. Walther weiter.

Ein Ablenkungsmanöver?



Sie äußert Kritik an der Bürgermessstelle, da nur Gammastrahlung gemessen werde: Heike Wiegel vom AufpASSEn e.V. mit Messdaten vergangener Jahre aus der Asse.
Sie äußert Kritik an der Bürgermessstelle, da nur Gammastrahlung gemessen werde: Heike Wiegel vom AufpASSEn e.V. mit Messdaten vergangener Jahre aus der Asse. Foto: Martin Laumeyer


Heike Wiegel, Vorstandsmitglied von AufpASSEn e.V., sieht das Messlabor ebenfalls kritisch: "Wir halten eine Gamma-Spektrometrie bei Asse II in der geplanten Form für ein Ablenkungsmanöver. Es dient eher der Verharmlosung als der Aufklärung der tatsächlichen radioaktiven Belastung in der Umgebung von Asse II". Im Gespräch mit regionalHeute.de verwies Wiegel, vor dem Hintergrund der nicht gemessenen Stoffe, auf Messdaten der Landesregierung, die in der Asse vorgenommen wurden. Dr. Walther hält hier entgegen, dass weder eine Verharmlosung, noch ein Ablenkungsmanöver stattfinde und verweist auf die Internetseite der Messstelle, auf der alle Informationen und auch Messdaten zu finden seien. Ferner sei die Messstelle unabhängig, allerdings nicht zertifiziert. Das bedeute, dass im Falle von überhöhten Werten, was seitens der Messstelle nicht erwartet werde, andere Institutionen zum Nachmessen eingeschaltet würden. Wiegel findet das Projekt dennoch interessant, fordert aber, dass auf das verwiesen werde, was eben nicht gemessen wird: "Es muss immer offen und ehrlich gesagt werden, was nicht gemessen wird. Damit der Bürger auch weis, dass das was gemessen wird, ein kleiner Teil ist".

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Die Messstelle wird während der Projektlaufzeit bis 2024 von Mitarbeitern des Instituts für Radioökologie und Strahlenschutz der LUH begleitet. Danach werde geschaut, wie es weiter gehe. Die Gerätschaften sollen jedoch nach 2024 den Bürgern überlassen werden, gerade mit Blick auf den Beginn der Rückholung 2030. "Man muss lange vorher Erfahrungen mit dem Thema sammeln und wissen, was natürliche und was keine natürliche Strahlung ist", erklärt Dr. Walther. Von der Idee, dass das Projekt ab 2025 den Bürgern überlassen werden solle, ist Wiegel nicht überzeugt: "Ich finde, es gehört immer eine fachliche Begleitung dazu". Da die Messstelle nicht zertifiziert ist, fragt sich Wiegel zudem: "Wie weit sind die Werte dann ernstzunehmen?".

Messdaten staatlicher Institutionen aus vergangenen Jahren: Auf diese verweisen Kritiker des Projektes.
Messdaten staatlicher Institutionen aus vergangenen Jahren: Auf diese verweisen Kritiker des Projektes. Foto: Martin Laumeyer


Im Forschungsverbund TRANSENS wird erstmalig in Deutschland transdisziplinäre Forschung zur nuklearen Entsorgung in größerem Maßstab betrieben. TRANSENS ist ein Verbundvorhaben, in dem 16 Institute beziehungsweise Fachgebiete von neun deutschen und zwei Schweizer Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, darunter auch die TU Braunschweig und die TU Clausthal-Zellerfeld. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages und im Niedersächsischen Vorab der Volkswagenstiftung vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) von 2019 bis 2024 gefördert. Erste Messstellen dieser Art gab es bereits in den USA, vor allem in Nevada, da dort in der Vergangenheit Atomwaffentests durchgeführt wurden.


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