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Rokohl holt den Titel – das Urteil hinterlässt Fragen


Gezeichnet: Patrick Rokohl musste hart arbeiten. Foto: Vollmer
Gezeichnet: Patrick Rokohl musste hart arbeiten. Foto: Vollmer

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26.11.2016

Wolfenbüttel. Er hat es geschafft. Patrick Rokohl hat sich bei seinem Heimspiel in der Lindenhalle den deutschen Meistertitel geholt. Der Boxkampf gegen Toni Camin hinterließ allerdings geteilte Meinungen beim Publikum. Von Jonas Dräger


Rokohl siegt deutlich – nicht bei jedem!



97:94, 97:94 und 97:93. Die Kampfrichter waren sich ihrer Sache sicher. Sie sahen Patrick Rokohl deutlich mit 4-5 Runden vorne. Im Publikum löste das Urteil teilweise Fassungslosigkeit aus, vereinzelte Buh-Rufe waren zu vernehmen. Den Rokohl-Fans war das selbstverständlich egal. Sie freuten sich über den Sieg und feierten ihren Schützling frenetisch.

Zuvor mussten sich die rund 1000 Zuschauer allerdings einiges gefallen lassen. Acht Kämpfe galt es zu ertragen, bei denen mindestens ein Boxer keinerlei Interesse an einer sportlichen Auseinandersetzung hatte. Spätestens in Runde Drei waren die Duelle beendet. Leidtragende waren die beiden Lokalmatadoren Misto Abdulaev und Harun Sipahi. Abdulaev zeigte in seinem ersten Profikampf eine gute Leistung, deckte seinen Gegner immer wieder mit Serien ein. Der Ringrichter beendete das ungleiche Aufeinandertreffen in der dritten Runde. Die Fans freuten sich sichtlich über das gute Debüt.


Harun Sipahis Gegner streckte die Waffen. Foto:


Kurios wurde es während der Pause. Der Ringsprecher verkündete den Ausfall von drei Kämpfen. Die Sportler waren nicht in der Halle und auch telefonisch nicht erreichbar. Wenig später kamen sie doch noch an, absolvierten im Eildurchgang den Prozess auf der Waage, die Untersuchung vom Ringarzt und leider auch den Kampf. Harun Sipahis Gegner fiel in der ersten Minute des Kampfes nach einem leichten Treffer zu Boden und weigerte sich wieder aufzustehen. „Ich hab mir so viel mehr vorgenommen, mich zurückgehalten. Das war schon echt traurig – eine Lachnummer“, ärgerte sich Sipahi, der den Zuschauern ein großes Comeback präsentieren wollte. Direkt nach der Veranstaltung kündigte er aber an, wieder in den Ring steigen zu wollen. „Es hat nach sieben Jahren Pause wieder richtig Spass gemacht im Ring zu stehen. Ein geiles Gefühl.“

Auf den Jubel über den Erfolg des zweiten Lokalmatadors folgte Ernüchterung. Vier weitere Fights dauerten keine drei Minuten. Einige Sportler waren scheinbar nur angereist, um die Gage abzuholen. Das wurde mit entsprechenden Pfiffen der Zuschauer dokumentiert. Werbung für den Boxsport war die Veranstaltung wahrlich nicht. Sogar der Ringsprecher entschuldigte sich vor dem Hauptkampf für das Auftreten zahlreicher Akteure.


Entschädigte für einiges: Der Hauptkampf zwischen Patrick Rokohl und Toni Camin. Fotos: Vollmer Foto: Vollmer


Hauptkampf entschädigt für einiges



Mit großer Spannung erwarteten die Fans dann den Auftritt von Patrick Rokohl. Der letzte Kampf des Abends sollte nochmal alle entschädigen. Doch der gebürtige Braunschweiger hatte in den ersten Runden erhebliche Probleme die Distanz zu wahren. Toni Camin, mit 1,69 cm deutlich kleiner als Rokohl (1,86 cm), griff beherzt an und landete einige Treffer. Patrick Rokohl antwortete immer wieder mit schweren Händen, schlug aber auch einige Luftlöcher. Ein Cut über dem Auge behinderte den Patriot zusätzlich.

Die anfänglich euphorischen Fans wurden minütlich leiser. Es wurde gezittert bis zur letzten Runde. Da holte Rokohl die letzten Kraftreserven aus sich raus, kämpfte beherzt, so wie von den Fans erhofft und sicherte sich die Runde. Im Publikum rechneten nun alle mit einer hauchdünnen Entscheidung. Nicht wenige sahen Toni Camin vorne. Das Urteil der Kampfrichter wirkte da wie ein schlechter Scherz. „Ich habe ein anderes Urteil erwartet, auch ein anderes Urteil gesehen. Von daher bin ich enttäuscht“, analysierte Camin. „Ich hätte ihn wohl K.O. schlagen müssen, ansonsten kann man hier wohl nicht gewinnen“, ärgerte sich der Unterlegene.

Patrick Rokohl sah das Urteil ein wenig anders: „Ich war die ersten Runden zu verkrampft, war nicht locker“, gab der neue deutsche Meister ehrlich zu. „So ab der 7-8 Runde habe ich dann wieder die zweite Luft bekommen, war dann in der letzten Runde wieder voll da und war mir danach auch sicher, dass ich das Ding habe“, analysierte er. Und auch beim Urteil blieb Rokohl sportlich fair: „Ich hätte gedacht, dass ich mit 1-2 Runden gewonnen habe. Das es jetzt so deutlich war ok. Für mich ist einfach wichtig, dass ich gewonnen habe und somit auch ein perfektes Jahr hinter mir habe“.

Der Titel beschert dem glücklichen Boxchamp nun neue Möglichkeiten für das Jahr 2017. Sollte er auch die kommenden Kämpfe siegreich gestalten, könnte ein Kampf um die Weltmeisterschaft winken. Vorher hat der neue deutsche Meister allerdings einen Urlaub und Entspannung eingeplant.


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