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Gestern Eintracht, heute: Reiner Hollmann, der 304-fache Löwe

Teil 22 unserer Serie über ehemalige Fußballhelden von Eintracht Braunschweig.

von Henrik Stadnischenko


Goldene Zeiten: Bayerns Wolfgang Kraus gegen die Löwen Günter Keute (re.) und Reiner Hollmann.
Goldene Zeiten: Bayerns Wolfgang Kraus gegen die Löwen Günter Keute (re.) und Reiner Hollmann. Foto: imago/WEREK

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20.04.2020

Braunschweig. In der Liste der Rekordspieler von Eintracht Braunschweig gibt es nur sieben Spieler, die mehr als 300 Spiele für den Verein absolviert haben. Wer in diesen elitären Kreis aufgenommen wurde kann sich als wahre Eintracht-Legende zählen. Gegenüber regionalsport.de blickt mit Reiner Hollmann eine dieser Eintracht-Legenden auf die Zeit bei der Braunschweiger Eintracht zurück.

Als wir den mittlerweile 70-Jährigen um ein Interview bitten, zögert er keine Sekunde, denn mit „seinem Verein“, wie er sagt, verbindet er nur positive Erinnerungen. Die erfolgreichen Siebziger waren seine Zeit: Insgesamt 304 Mal läuft Reiner Hollmann im blau-gelben Trikot auf.

Von glorreichen Zeiten träumt man im Jahr 1973 zunächst vergebens. Der Bundesligaabstieg steckt noch in den Knochen und so entscheidet sich der BTSV eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen, um den sofortigen Wiederaufstieg zu realisieren. Der bisherige Kader um Bernd Franke, Dietmar Erler und Franz Merkhoffer wird mit Neuzugängen wie Wolfgang Dremmler und Bernd Gersdorff sowie dem damals 23-Jährigen Reiner Hollmann verstärkt.

Trotz einer überragenden Saison mit einer Tordifferenz von 125:23 muss bis zum letzten Spieltag um den Aufstieg in die Bundesliga gezittert werden. „Mit dem 1.FC Nürnberg und Wattenscheid 09 waren in der Liga zwei absolute Topmannschaften unsere Konkurrenz. Wir hatten unser Spiel bereits am Samstag, Nürnberg ihre Partie am Sonntag und musste gewinnen. Zwischen unserem üblichen Sonntags-Saunagang kam die Nachricht Nürnberg spielt nur Remis und wir steigen auf. An dem Abend konnte sich aber keiner vorstellen, wie erfolgreich wir in den nächsten Jahren werden sollten“, blickt Hollmann auf die Spielzeit 1973/1974 zurück.

Im Laufe unseres Gesprächs fallen immer wieder zwei Schlüsselbegriffe, die für den damaligen Erfolg verantwortlich waren: Zusammenhalt und Trainer. Mit Letzterem ist Branko Zebec gemeint, der 1974 zum Bundesligaufsteiger nach Braunschweig wechselte. „Für die damalige Zeit war Branko Zebec außergewöhnlich. Er besaß im taktischen und spielerischen Bereich eine Weitsicht, die war unglaublich. Ohne ihn wären wir nicht so erfolgreich gewesen“, ist sich der 70-Jährige sicher.

Und wie war Zebec im Bereich Menschenführung? Hollmann muss schmunzeln. „Heute würde Zebec zwei Trainingseinheiten absolvieren und die gesamte Mannschaft würde sich gegen ihn aussprechen. Damals hätte sich keiner getraut, nur ansatzweise zu wagen, dem Trainer zu sagen es wird zu hart trainiert. Bei ihm wusste man nie, was den nächsten Tag im Training passiert. Wir konnten siegen und trotzdem ließ er uns durch den Wald laufen. Felix Magath hatte mich vor dem Wechsel von Zebec zum HSV gefragt, wie er denn so als Trainer sei. Ich antwortete ihm ehrlich. Ein halbes Jahr später trafen wir uns wieder und Felix sagte nur: 'Reiner, du hast stark untertrieben' “, erzählt der Ex-Löwe schmunzelnd, der nach seiner aktiven Karriere eine erfolgreiche Trainerlaufbahn einschlug.

Als Co-Trainer wurde er mit dem 1.FC Kaiserslautern deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. Als Cheftrainer feierte er mit Galatasaray Istanbul die türkische Meisterschaft und schmiss Manchester United mit seinem Team aus der Champions League. Dabei legte er großen Wert auf die Kommunikation mit seinen Spielern.


Ein legendäres Team! Foto: privat


"Auf dem Platz hat jeder für den anderen geackert!"


Die fehlende menschliche Komponente wurde hingegen immer wieder Branko Zebec vorgeworfen. Vielleicht deswegen war auch der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft so stark. „Die Stimmung war grandios. Wir haben gemeinsam viel unternommen. Zu der Zeit gab es zwischen den Spielern auch kein Neid. Jeder Spieler hatte verstanden, nur als Team können wir erfolgreich sein. Auf dem Platz hat jeder für den anderen geackert“, so Hollmann.

Immer wieder kamen die Gerüchte auf, dass die erfolgreichen Zeiten auch auf die hohen Gehälter zurückzuführen waren, die man in Braunschweig verdienen konnte. Hollmann räumt mit diesen Gerüchten auf: „Die Topstars haben 200.000 DM bei der Eintracht verdient, wohlgemerkt brutto. Von heutigen Bonuszahlungen, wie Auto und Wohnung, waren wir damals weit entfernt. Die Miete haben wir selbst bezahlt und wollten wir Prozente beim Autokauf rausschlagen, hat man uns nur müde angelächelt. Wir konnten vom Fußball gut leben, aber Millionäre waren wir wahrlich nicht“, erzählt der Ex-Löwe.


Sternstunde: Heimspiel gegen Dynamo Kiew. Foto: privat


"Die heutigen Spieler haben doch gar keine Freiheit mehr."


Demensprechend könnte man annehmen, dass Hollmann in der heutigen Zeit gerne Fußballprofi wäre? „Nur die Gehälter würden mich reizen. Die heutigen Spieler haben doch gar keine Freiheit mehr. Wenn wir damals ein Bier in der Kneipe getrunken haben, hat sich im schlimmsten Falle der Journalist der Bild oder der Braunschweiger Zeitung dazugesetzt und uns erklärt, wie wir zu spielen haben. Der heutige Profi ist komplett gläsern und wird auf Schritt und Tritt verfolgt. Deshalb bin ich schon froh in den Siebzigern und Achtzigern Fußball gespielt zu haben“, verdeutlicht der Ex-Löwe.

Würde Hollmann so weit gehen und sagen, die Siebzigerjahre waren die erfolgreichste Dekade in der Eintracht-Historie? „Die Meisterschaft 67 thront über allem. Wenn man die ausklammert, kann man sagen, wir haben den Verein geprägt. Für die damaligen Verhältnisse haben wir erfolgreichen Fußball gespielt. Als Sinnbild für die Zeit würde ich unser Spiel gegen Dynamo Kiew ansehen. Die Bilder von Kindern auf den Zäunen und den Fluchtlichtmasten sind mir noch heute sehr präsent. Kiew war die Mannschaft überhaupt in Europa, wahrscheinlich eine Übermannschaft. Dennoch haben wir es, dank der mannschaftlichen Geschlossenheit und dem Taktikfuchs Branko Zebec, geschafft gegen diese Truppe zu bestehen. Danach waren wir keine Provinzmannschaft mehr, sondern in der Elite des Fußballs angekommen.“, betont der ehemalige Abwehrspieler.


Auch mit 70 Lenzen noch topfit: Reiner Hollmann. Foto: privat


Kein Vorbeikommen am Kaiser und Katsche Schwarzenbeck


Obwohl Hollmann zu seiner aktiven Zeit zu den besten Liberos in Deutschland gehörte blieb ihm der Weg in die Nationalmannschaft verwehrt. Doch von Enttäuschung keine Spur: „Ich war schon gut und brauchte mich auch nicht verstecken, aber auf meiner Position haben Franz Beckenbauer und Georg Schwarzenbeck gespielt. Das war nochmal eine ganz andere Hausnummer. Selbst Klaus Fichtel von Schalke 04, der ein fantastischer Spieler war, hatte gegen die beiden keine Chance. Ich hätte damals schon zu den Bayern wechseln und einen von den beiden verdrängen müssen, um eine realistische Chance in der Nationalmannschaft zu bekommen“, sagt der 70-Jährige.

"Wegen so einem Scheißtor von Werder Bremen war die komplette Saison gelaufen."


Erfolg und Misserfolg liegen im Fußball nahbeieinander und deshalb stellt sich die Frage, welche „Niederlage“ war für Reiner Hollmann schlimmer, die verpasste Meisterschaft 1977 oder der Bundesligabstieg 1980? „Ganz klar die Meisterschaft. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, wegen so einem Scheißtor von Werder Bremen war die komplette Saison gelaufen. Daran hatten wir einige Wochen zu knabbern. Einen Abstieg kann man wieder kitten, aber die Chance auf eine Meisterschaft in der Bundesliga kriegt man vielleicht nur einmal im Leben“, so Hollmann ganz deutlich, dessen Team in der Saison 1976/1977 mit einem Punkt Rückstand auf den Meister Borussia Mönchengladbach Tabellendritter wurde.


Zum Thema Paul Breitner: Es gibt Profis, die sehen in so einem Spieler die Möglichkeit an ihm und mit ihm zu wachsen. Foto: privat


"Breitners Verpflichtung hat zu den ersten Rissen geführt."


Deutliche Worte hat der Ex-Profi auch zum Thema Paul Breitner. Schließlich gehörte er zu den Fürsprechern vom Weltstar: „Es gibt Profis, die sehen in so einem Spieler die Möglichkeit an ihm und mit ihm zu wachsen. Vor allem die Chance auf Titel. Und dann gibt es Spieler, die vom Neid zerfressen sind. Ich hätte auch gerne Günter Netzer oder Wolfgang Overath in Braunschweig gesehen. Diese Spieler hätten auch ruhig das zigfache verdienen können, weil es Unterschiedsspieler waren. Leider haben das einige im Team nicht verstanden. Die Verpflichtung von Breitner hat zu den ersten Rissen in der Mannschaftsstruktur geführt. Nach und nach gingen die besten Spieler, es kam kein adäquater Ersatz und die Folge war der Abstieg“, so Reiner Hollmann über den Bundesligaabstieg 1980.

Ein Jahr später kam es zwar zur Rückkehr in das deutsche Oberhaus, doch an die Erfolge der Siebzigerjahre konnte die Eintracht nicht mehr anknüpfen. Nach 11 Jahren verabschiedete sich Hollmann 1984 von der Braunschweiger Eintracht und ließ seine Karriere bei Rot-Weiß Lüdenscheid ausklingen. Rückblickend gibt es eine Entscheidung, die ihn heute immer noch ärgert, wenngleich er nie aktiv Einfluss ausüben konnte.

„Zu meiner Anfangszeit wollte Volkswagen als Sponsor einsteigen. Das Unternehmen hatte einen klaren Plan aufgezeigt, zwar sollte das Stadion abgerissen werden, dafür aber ein neues mit doppelt so viel Platz in der Weststadt gebaut werden. Zudem hätten wir Trainingsbedingungen bekommen, die vielleicht Bayern München, Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach besaßen. Man muss sich vorstellen, im Winter mussten wir Schneeschippen bevor wir auf den Platz konnten - in dem Bereich war Braunschweig Provinz. Die Vereinsverantwortlichen hatten damals zu viel Angst und es hieß nur: 'Dann brechen die familiären Strukturen weg und die Fans kommen nicht mehr. Wir können doch auch so im kleinen Maßstab erfolgreich sein'. Keiner weiß wie die Geschichte mit Volkswagen ausgegangen wäre, aber ich bin überzeugt, mit Volkswagen im Rücken würde man bestimmt nicht im Mittelmaß der dritten Liga stehen...“, sagt Reiner Hollmann zum Abschluss.


Frühstück im Hotel, eingefangen 1977 vom Fotografen Hartmut Neubauer. Foto: Hartmut Neubauer


Teil 21: Milos Kolakovic


Teil 20: Peter Kaack Teil 1


Teil 20: Peter Kaack Teil 2


Teil 19: Bernd Buchheister


Teil 18: Fabian Bröcker


Teil 17: Thomas Pfannkuch


Teil 16: Sven Boy


Teil 15: Bernd Eigner


Teil 14: Valentin Nastase


Teil 13: Uwe Zimmermann


Teil 12: Thorsten Kohn


Teil 11: Kingsley Onuegbu


Teil 10: Leo Maric


Teil 9: Daniel Teixeira


Teil 8: Marjan Petkovic


Teil 7: Dirk Weetendorf


Teil 6: Frank Edmond


Teil 5: Ahmet Kuru


Teil 4: Dennis Brinkmann


Teil 3: Jan Tauer


Teil 2: Marco Grimm


Teil 1: Michél Dinzey



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