„Guten Tag Fans, ich bin der Neue!“

Ex-Löwe Dieter Zembski berichtet, wie es wirklich war als Fußball-Profi.

von Dieter Zembski


30. August 1975: Am 5. Spieltag ausgerechnet gegen Bremen. Jaro Deppe, Danilo Popivoda, Dieter Zembski, Hartmut Kronschal, Hans Jürgen Hellfritz, Ludwig Bründl, Uwe Hain und Trainer Branco Zebec sehen ein 4:3-Torfestival.
30. August 1975: Am 5. Spieltag ausgerechnet gegen Bremen. Jaro Deppe, Danilo Popivoda, Dieter Zembski, Hartmut Kronschal, Hans Jürgen Hellfritz, Ludwig Bründl, Uwe Hain und Trainer Branco Zebec sehen ein 4:3-Torfestival. | Foto: imago

Braunschweig. So stellte ich mich launig vor, als ich im Juni 1975 zum ersten Training bei der Braunschweiger Eintracht erschien, um meinen neuen Job als Fußballprofi in der Löwenstadt anzutreten. Sieben Jahre hatte ich davor für Werder Bremen gespielt und kannte das Stadion an der Hamburger Straße durch die Bundesliga-Begegnungen bereits sehr gut.

Unabhängig vom Alter (ich war damals 28,5 Jahre alt) und mit der Erfahrung von 179 Bundesligaspielen war ich nervös und versuchte dieses durch forsches Auftreten zu überspielen. Wie würde die Mannschaft mich aufnehmen – speziell die Spieler, die auf der Position spielten, für die ich eingekauft wurde? Was wird mich von Seiten der Braunschweiger Fans erwarten, für die ich sieben Jahre der Gegner war? Mit einem gehörigen Abstand zu dieser Zeit – ich spreche hier von immerhin 39 Jahren – werde ich nie vergessen, wie angenehm und einfach es mir gemacht wurde!

Nach den ersten Kontakten mit den Spielern in der Kabine ging es raus ins Stadion – Fototermin mit den Medien vor Saisonbeginn. Und die ersten Kontakte mit den ganz treuen Fans, die sich die 'Saisoneröffnung' nicht haben nehmen lassen. Die Zuwendung, die netten Gesten und das aufmunternde Wort, gepaart mit der Erwartung an eine erfolgreiche Saison, sorgten dafür, dass ich mich von der ersten Minute zuhause gefühlt habe. Als Bremer! Dafür werde ich den Braunschweigern immer dankbar sein.

Es war ganz einfach eine andere Zeit. Um diese Floskel komme auch ich nicht herum! Alles war überschaubarer, transparenter, offener. Der Umgang der Spieler mit den Fans war so normal, wie es sich die heutigen Profis sicherlich nicht vorstellen können. Als Spieler kannten wir keine Berührungsängste, pflegten stets die Nähe zu den Fans und wurden von diesen in der Hinsicht auch nie enttäuscht.

Sie waren es, die uns unterstützten, halfen und uns das Erlebnis Fußball vor Tausenden ermöglichten. Also war es an uns, etwas zurückzugeben! Zum einen auf, zum anderen neben dem Platz. Wir kannten keine Kopfhörer auf dem Weg vom Bus in die Kabine, die Signal geben sollen: an alle, lasst mich jetzt in Ruhe, sprecht mich nicht an! Falls wir welche aufhatten (die gab es tatsächlich damals auch schon) nahmen wir sie ab und nahmen uns die Zeit, mit den Fans zu reden.

Eine kleine, wunderschöne Fan-Geschichte zum Abschluss: Dienstagabends, Abschlusstraining im Stadion vor einem Mittwochsspiel der Bundesliga. Ich komme frisch geduscht aus der Kabine auf dem Weg zum wartenden Bus – Ziel: unser Hotel im Reitlingstal im Elm. Zwei Fans stehen vor der Kabine, ein kleines Bündel auf dem Arm. Ich: "Was ist das denn?" Antwort: "Herr Zembski, eine kleine Katze, die wir gefunden haben." Ich: "Ist die süß, nehmt die mal mit nach Hause." Die Fans: "Das können wir nicht, wir haben einen Hund" Ich: "Okay, her damit, ich nehme sie!" Gesagt, getan. Zemmi mit kleiner, neuer Katze in den Bus!

Das Beste war unser Trainer Branko Zebec! Er sieht das, lächelt und sorgt im Hotel Reitlingstal für ein weiches Plätzchen und genügend Futter! Meine Frau kam am nächsten Morgen, um 'Röschen' – so hatte ich sie getauft – abzuholen. Übrigens: Röschen wurde 17 Jahre alt und war immer untrennbar verbunden mit dem Stadion und seinen mehr als guten Fans … die es bis heute in Braunschweig gibt!
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Diese Kolumne von Ex-Löwe Dieter Zembski erschien im Fußballmagazin abseits° Ausgabe 12.

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