Sie sind hier: Region >

Tyler Haskins: „Es den Jungs zu sagen, war wirklich hart!“



Wolfsburg

Tyler Haskins: „Es den Jungs zu sagen, war wirklich hart!“

von Jens Bartels


Tyler Haskins am 17. September 2010 im Spiel gegen die Hamburg Freezers. Foto: imago/Hübner
Tyler Haskins am 17. September 2010 im Spiel gegen die Hamburg Freezers. Foto: imago/Hübner

Artikel teilen per:

Wolfsburg. Es war eine erschütternde Nachricht, welche die Grizzlys Wolfsburg am Montag bekannt gaben. Der langjährige Kapitän Tyler Haskins musste seine Karriere aufgrund diverser Kopfverletzungen vorzeitig beenden. Am Dienstag sprach Haskins erstmals öffentlich über sein Karriereende, die Zeit in Wolfsburg und über die Zukunft.



Tyler Haskins über…


…sein aktuelles Befinden:Es geht mir soweit gut. Ich habe aber noch immer Kopfschmerzen und eine verschwommene Sicht, wenn ich Kopf und Augen bewege. Es wird eine Zeit dauern, bis das verschwindet.Wenn du spielst und so eine Verletzung hast, wachst du jeden Tag auf und fragst dich, ob du noch Symptome hast, wie du dich fühlst.


…die Gehirnerschütterung und das drohende Karriereende:Diese Gehirnerschütterung war anders als die, die ich davor hatte – ich hatte mehr Kopfschmerzen. Zuvor habe ich normalerweise keine bekommen, aber bei dieser hatte ich gleich ziemlich üble und bin um 2 oder 3 Uhr nachts davon aufgewacht. Ich habe meiner Frau etwas gesagt und sie hat geantwortet „Ich weiß, das hast du vor einer halben Stunde gesagt“, und ich konnte mich nicht daran erinnern. Das war der Punkt, an dem ich mir sicher war, dass ich aufhören musste. Das war, als ich aus Pittsburgh wiedergekommen war. Nachdem ich dort mit dem Arzt gesprochen hatte, kam meine Mutter zum Abendessen. Sie lebt nur drei Stunden entfernt und wir haben den ganzen Abend im Restaurant geredet.

Ich wollte aber keine großen Entscheidungen fällen, bevor ich zurück war und mit Liz (Haskins Frau) gesprochen habe. Ich habe nun zwei Kinder. Es gibt wichtige Dinge im Leben, die einen zu dem Schluss kommen lassen, dass man seine Gesundheit nicht nochmal aufs Spiel setzen will. Ich will meine Familie und mein Leben genießen, auch in höherem Alter. Ich bin jemand, der Zeit braucht, um über so etwas nachzudenken. Wir haben eine Woche lang jeden Tag darüber gesprochen – und wenn sie nicht wäre, wüsste ich nicht, wo ich wäre. Sie ist ein wichtiger Teil, nicht nur in dieser Sache, sondern in meiner ganzen Karriere.

…den Moment, als er es dem Team mitteilen musste:Es ist nicht so wie man sich das vorgestellt hat, wennes zu Ende geht. Ich wusste, seit ich aus Pittsburgh zurückgekommen war Bescheid und ich habe mit Charly (Fliegauf) und Pavel (Gross) darüber gesprochen. Wir wollten es für uns behalten, damit es während derPlayoffs fürdie Jungs keine Ablenkung darstellt. Es waren nur noch drei Spiele übrig und da ist so etwas das Letzte, was ein Team braucht. Die Ärzte in Pittsburgh haben mir empfohlen, weiter auf dem Eis zu sein, um den Prozess voran zu bringen, dass sichmein Nervensystem wieder normalisiert. Es war hart zurückzukommen und zu wissen, dass es vorbei ist. Für meine Frau war es schwer, mir jeden Tag zuzuhören und mich aufzubauen. Sie hat dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt, dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Einen Monat lang konnte ich mit niemandem darüber reden – nur ein wenig mit meiner Familie, aber hauptsächlich mit meiner Frau.



Es den Jungs nach dem letzten Spiel in Berlin zu sagen, war wirklich sehr hart. Ich wollte, dass sie es von mir hören und nicht von jemand anderem. Ich wusste, dass das schwierig werden würde. Mit einigen der Jungs habe ich fast jeden Tag der letzten acht Jahre verbrach und sie sind ein Grund, warum ich hier bin. Und auch ihnen Danke zu sagen, war sehr schwierig. Als es am Montagbekanntgegeben wurde, dachte ich eigentlich nicht, dass es so schlimm werden würde, aber meine Frau und ich haben zusammengesessen und auf alles zurückgeblickt – das brachte eine Welle der Emotionen zurück.

…den Rückblick auf Wolfsburg:Es war eine gute Zeit, und wir hatten viel Spaß. Als ich hier angekommen bin war ich einfach froh, hier zu sein. Ich hatte Glück, hier den Try-Out- Vertrag zu bekommen und den Sprung ins Team zu schaffen, denn ich hatte sonst nur ein einziges Angebot zuhause, in der East Coast Hockey League, ein Level unter dem ich die drei Jahre zuvor gespielt habe.

Meine Frau und ich haben nachts darüber gesprochen, was wir hier alles erlebt haben – die Zeit hat wirklich Spaß gemacht. Als wir angekommen sind, war sie noch nicht mal meine Verlobte, sondern einfach meine Freundin, und jetzt sind wir im Sommer fünf Jahre verheiratet. Es ist ziemlich verrückt, sie hat mich hier fast noch als Kind ankommen sehen, jetzt haben wir selbst zwei Kinder. Wir haben eine Menge erlebt und haben gute Erinnerungen an Wolfsburg. Unsere Kinder sind hier geboren, die Stadtwird immer Teil unseres Lebens sein.

Es gab Zeiten, in denen ich gute Angebote von anderen Mannschaften bekommen habe. Ich habe mich hier aber immer zuhause gefühlt, konnte der Identität der Organisation immer viel abgewinnen. Das war das Entscheidende für mich. Als Familie muss man sich wohl fühlen, um einen Ort zu mögen, und wir haben uns hier vom ersten Tag an wohl gefühlt. Ich habe mich einfach in die Identität des hart arbeitenden Teams verliebt, mit der Art, wie wir hier gespielt haben. Die Jungs waren auch ein wichtiger Faktor – wenn man keinen Spaß daran hat, jeden Tag in die Halle zu kommen, warum ist man dann hier?

Natürlich wäre es schön gewesen, den Titel hier herzuholen. Aber ich denke, die anderen guten Erinnerungen übertreffen diesen einen unerfüllten Punkt – was wir geschafft haben mit all den verschieden Teams und Hindernissen. Wir hatten hier einige gute Mannschaften, auf dem Eis und in der Kabine. Spieler sind von anderen Standortenhergekommen und haben gesagt, dass es woanders nicht so ist. Das ist es, worauf ich am meisten Stolz bin. Wir haben hier eine Kultur aufgebaut, schon bevor ich hierher gekommen bin. Es waren gute Leute wie Ulmer, Milley und Sloane hier, die mich aufgenommen haben. Sie haben das aufgebaut und weitergegeben. Es gibt jüngere, gute Leute, die das fortführen können, wie Fauser, Björn, Furchi oder Höhi. Darum bin ich mir sicher, dass hier alles in Ordnung sein wird. Es gibt eine Menge Leute, denen das wichtig ist, und die braucht man.

…seine Kapitänsrolle:Es war ein Privileg und eine Ehre, Kapitän zu werden. Das war ich in den Juniors schon mal, aber bei den Profis ist es anders. Ich habe versucht, mich nicht anders zu verhalten, als ich es getan hätte, wenn ich nicht Kapitän gewesen wäre. Wir sind als eine bestimmte Art Team bekannt, und darauf bin ich stolz. Ich schätze es, nicht das meiste Geld zu haben, aber hart zu arbeiten, nicht nur beim Eishockey, sondern auch im Leben – immer alles zu geben. Das versuche ich zu verkörpern und auch meinen Kindern beizubringen. Ich habe es auch in meinem Brief geschrieben: Wolfsburg ist eine Stadt, die die Arbeitermentalität verkörpert – daran glaube ich. Pavel und Charly bringen das ins Team, und ich hoffe, dass es so weitergeht. Es gibt viele Jungs, die daran glauben und es hat Spaß gemacht, Teil davon zu sein.

…sportliche Highlights:Die besten Erinnerungen an Wolfsburg sind einige unserer Playoff-Siege. Die Serien gegen Nürnberg haben eine Menge Spaß gemacht. Wir hatten einige gute Zweikämpfe mit den Ice Tigers. Jeden Tag in die Halle zu kommen und Blödsinn mit den Jungs zu machen war etwas, das sich nie angefühlt hat, als würdest du zur Arbeit kommen. Du hast vier, fünf Stunden mit deinen Kumpels verbracht – das wird das sein, was ich am meisten vermissen werde. Zu lachen, Witze zu machen, diese Dinge.




Das letzte Finale zu verlieren war hart. Beim ersten in Berlin war ich noch jung, da dachte ich schon an das nächste Jahr. Aber wenn man älter wird, lernt man die Dinge mehr zu schätzen. Das Jahr, in dem es nicht rund lief (2013 oder 2014?), war hart – aber daran denke ich nicht so sehr wie an die guten Zeiten.




…seine Zeit als Eishockeyspieler allgemein:Ich konnte Eishockey als meinen Beruf haben – das ist ziemlich cool, nicht viele Leute haben die Möglichkeit dazu. Wir haben eine Menge guter Leute kennen gelernt und es sind viele gute Leute in der Organisation.Ich bin immer ein Eishockeyspieler gewesen, dein Leben ist darauf ausgerichtet. Im Sommer trainierst du für die Saison, du freust dich immer darauf, zu spielen. Diese Zeit des Jahres ist komisch: Normalerweise würdest du die Saison Revue passieren lassen und dir überlegen, woran du im Sommer arbeiten musst, um für die nächste Saison bereit zu sein. Es ist komisch. Ich denke nicht, dass ich es schon richtig realisiert habe.Ich weiß, dass es das war, aber ich bin mir sicher, dass es mich im August nochmal treffen wird, wenn ich nicht zurückkommen werde und mich nicht vorbereiten werde, auch mental.

…die Zukunft:Ich weiß noch nicht, was die Zukunft bringen wird. Ich will mich mit Charly und Pavel zusammensetzen und habe auch mit anderen Leuten aus dem Business gesprochen, und auch mit einem Freund zuhause, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln, was andere Ex-Profisnach ihrer Karriere gemacht haben. Pavel hat mir in dieser Situation sehr geholfen. Bei ihm war es ähnlich, musste wegen seiner Leiste früh aufhören. Er hat mir eine Menge positiver Dinge sagen können, darüber, sich damit abzufinden, dass es vorbei ist. So traurig es für mich ist, aber das Leben geht weiter. Man muss die Dinge in Relation sehen, die Sonne wird morgen wieder aufgehen, und sie wird übermorgen wieder aufgehen. Es sind gute Leute hier, nun ist es an der Zeit, dass sie die Fackel übernehmen. Eishockey ist mein Leben, und ich würde gern dabei bleiben.

Wie das aussieht, weiß ich nicht, aber ich fühle mich beim Spiel wohl, und es macht mir Spaß. Ich weiß nicht, ob ich Trainer werden könnte, aber ich würde es nicht ausschließen. Coaches arbeiten so hart und haben sich so sehr ihren Teams verschrieben. Viele machen den Schritt vom Spieler zum Trainer, und ich denke, dass ich Spaß daran hätte, genau wie als Spieler zu versuchen, mich jeden Tag zu verbessern. Eswürde mir Spaß machen, um ein Team herum zu sein, ein Ziel zu haben. Vielleicht mit einer Gruppe Teenagern, weil man sie gut beeinflussen kann, ihnen helfen kann. Wir werden sehen, was die nächsten Monate bringen.

Weihnachten bei meiner Familie und der meiner Frau (in den USA) zu sein, das wird schön sein. Die Möglichkeit hast du nicht, wenn du aufwächst und Hockey spielst, weil du immer unterwegs bist. Ich glaube, ich war einmal über Weihnachten zuhause, das war sehr selten. Mit zwei Kindern ist das wichtig. Es wird schön sein zu sehen, wie sie neue Beziehungen zu den Familien entwickeln. Das ist wahrscheinlich das, worauf ich mich am meisten freue.

…bei den Grizzlys?Ich habe noch nicht mit Charly darüber gesprochen, zurückzukommen und für die Organisation zu arbeiten. Keine Frage, ich würde den Grizzlys gerne helfen. Ich habe ihnen viel zu verdanken, es war eine tolle Zeit in den letzten acht Jahren. Ich will, dass die Grizzlysein Topteam der Liga sind – wie dasaussehen kann, dass ich dabei helfe, darüber müssen wir noch sprechen. Die Leidenschaft habe ich nicht verloren.

Ich kann den Grizzlys nicht genug danken, dass sie zu mir gehalten haben. Ich hätte 2010 nach zwei Wochen wieder zuhause sein können, wer weiß, wie es dann gekommen wäre. Sie haben in guten und schlechten Zeiten zu mir gehalten, wir hatten immer gegenseitig aneinander geglaubt – das gibt es heutzutage nicht mehr oft.

…den Abschied aus Wolfsburg:Ich werde wohl noch einen Monat hierbleiben, ich habe noch einige Dinge zu erledigen. Samstag werde ich das letzte Mal mit den Jungs zusammen sein, das wird hart. Ich denke, da werden die Erinnerungen wieder hochkommen. Das letzte Mal, dass ich als Spieler in dieser Position sein werde.

Es ist etwas ganz Besonderes, dass meine Nummer nicht mehr vergeben wird. Darüber denkt man nicht nach. Ich war hier, als Normies Nummer zurückgezogen wurde. Da habe ich das erste Mal gesehen, wie besonders das für jemanden ist. Ich kann es nicht wirklich beschreiben – es ist ein Ehre.


zur Startseite