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Verurteilt und zurückgebaut - Was wurde aus Salzgitters illegalem Flugplatz?



Salzgitter

Verurteilt und zurückgebaut - Was wurde aus Salzgitters illegalem Flugplatz?

Im vergangenen Jahr führte eine Hubschrauberlandung in Engelnstedt zu mehreren Klagen - auch gegen einen ansässigen Fliesenlegermeister. Am Ende half dem Salzgitteraner Immobilieneigentümer nur der Schlüssel zum Rathaus.

von Marvin König


Bis diese gepflasterte Fläche auf dem Gelände von Fliesenlegermeister Sascha Krause endlich kein Flugplatz mehr war, musste viel geschehen. (Archivbild)
Bis diese gepflasterte Fläche auf dem Gelände von Fliesenlegermeister Sascha Krause endlich kein Flugplatz mehr war, musste viel geschehen. (Archivbild) Foto: Rudolf Karliczek

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Salzgitter. Neun Monate ist es her, dass die Landung eines Hubschraubers auf einer Fläche im Gewerbegebiet Engelnstedt für einen Polizeieinsatz sorgte. Was Fliesenlegermeister Sascha Krause für einen Notfall hielt, wurde für ihn selbst zum Kraftakt. Der Vorwurf: Er würde einen illegalen Flugplatz betreiben. Wie Nachfragen von regionalHeute.de ergaben, habe es sich bei der Landung des Piloten mitnichten um einen Notfall gehandelt. Immobilienbesitzer Krause musste wegen dieser Landung gleich zweimal vor Gericht - und griff bei der Klärung auch zu eher unkonventionellen Mitteln.



Der 28-jährige Pilot der Robinson R44 rief Krause auf dem Handy an und bat um eine Landeerlaubnis auf seinem Grundstück. Krause ging von einem Notfall aus und bejahte. Die eintreffende Polizei informierte Grundstückseigentümer und Pilot, dass die Landung illegal gewesen sei - Krause hatte plötzlich zwei Verfahren am Hals. Eines wegen des Betriebes eines illegalen Flugplatzes bei der Luftfahrtbehörde und ein weiteres vom Ordnungsamt der Stadt Salzgitter, da der Flugplatz nicht Bestandteil der Baugenehmigung sei.

Pilot zahlte Geldstrafe


Piloten benötigen für die Landung außerhalb regulärer Flugplätze eine sogenannte "Außenlandegenehmigung". Wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig auf Anfrage erklärt, habe diese bei dem Piloten des Hubschraubers, der am 17. Juli auf dem Gelände der ehemaligen Zahnklinik in Engelnstedt landete, nicht vorgelegen. "Der Beschuldigte hatte sich zuvor gegenüber der Staatsanwaltschaft dahingehend eingelassen, dass er aufgrund eines Hustenanfalls eine sogenannte Sicherheitsaußenlandung habe machen müssen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft handelt es sich dabei aber um eine Schutzbehauptung", erklärt Staatsanwaltschaftssprecher Christian Wolters und fährt fort: "Unmittelbar vor Ort hatte der beschuldigte Pilot sowohl der Polizei als auch anderen Zeugen gegenüber angegeben, dass es sich um eine 'normale' Landung gehandelt habe, der keine gesundheitlichen Gründe zugrunde lagen. Mutmaßlich wollte der Beschuldigte einen Geschäftstermin bei einem benachbarten Autohaus wahrnehmen." Tatsächlich ist eine solche Landung ohne Erlaubnis der Luftfahrtbehörde mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bewehrt. Das Verfahren gegen den Piloten sei jedoch gegen Zahlung einer Geldauflage von 800 Euro eingestellt worden.

Die unbekannte Laterne



Diese Laterne direkt neben der Zahnklinik wurde gekürzt und mit Warnstreifen und einem Rotlicht versehen.
Diese Laterne direkt neben der Zahnklinik wurde gekürzt und mit Warnstreifen und einem Rotlicht versehen. Foto: Rudolf Karliczek



Bleibt nun noch die rätselhafte Existenz des auffälligen Landeplatzes mitten im Gewerbegebiet. Weder die Luftaufsichtsbehörde, noch die Stadt Salzgitter wollen je etwas davon gewusst haben - auch der Vorbesitzer beteuert, es habe dort nie ein Flugbetrieb stattgefunden. Dabei wurde auf öffentlicher Straße extra eine Laterne präpariert und mit einem roten Warnlicht versehen, wie es auf Flugplätzen üblich ist. Die Stadt wollte davon im letzten Jahr nichts wissen. Auf neuerliche Nachfrage heißt es: "Das besagte Blinklicht auf einer Laterne ist seit über zehn Jahren defekt und außer Funktion. Es kann nicht nachvollzogen werden, zu welchem Zweck und durch wen die Installation angeordnet wurde."

Flugplatzstrafen für Sozialhilfeempfänger


Am 15. Januar teilte Krause der Stadt Salzgitter mit, dass die Markierung "H" auf der Fläche unkenntlich gemacht und die Flugplatzbeleuchtung entfernt wurden. "Löhnen" musste der Fliesenlegermeister trotzdem, wie er im Gespräch mit regionalHeute.de erzählt. Beim Gerichtsverfahren gegen die Flugaufsichtsbehörde drohte ihm ein Bußgeld von 5.000 Euro wegen des Betreibens eines illegalen Flugplatzes. Vonseiten der Stadt stand eine Strafe in Höhe von 2.500 Euro und der Rückbau der gesamten Fläche im Raum. Beim Prozess in Hannover hätte selbst der Richter den Fall nicht glauben können. "Es gibt einen Mindestsatz von 500 bis 600 Euro, für Sozialhilfeempfänger. Da hab ich gesagt, wieviele Sozialhilfeempfänger kennen Sie denn, die einen Flugplatz haben?", scherzt Krause. Wegen der vorliegenden Umstände musste Krause dann in diesem Fall "nur" 100 Euro zahlen und wurde rechtskräftig verurteilt. Blieb noch das Verfahren gegen die Stadt Salzgitter.

Klärung mittels Schlüssel zum Rathaus


Die Stadt Salzgitter blieb trotz aller Widersprüche hart. "Wegen Corona" sei laut Krause auch quasi niemand für ein persönliches Gespräch erreichbar gewesen. Wie es das Schicksal so wollte, hatte sein Betrieb jedoch im vergangenen Jahr den Auftrag, alle Etagen des Rathauses neu zu fliesen: "Ich hatte dann so einen Transponder, um ins Rathaus reinzukommen. Ich bin dann zu den Verantwortlichen durch gestürmt und dann haben die sich meiner Sache angenommen." Gehört habe er dann beispielsweise, dass man ein Zeichen setzen müsse, "dass die Stadt durchgreift", damit nicht alles zugebaut wird. 80 Prozent Bebauung sind zulässig, 20 Prozent müssen Grünflächen sein. Krause besitzt im Gewerbegebiet mehrere Grundstücke, die nach Durchsicht über ein einschlägiges Kartentool im Internet alle einen üppigeren Grünanteil aufweisen als die umliegenden Grundstücke. Nach einigem hin und her sei eine Einigung gelungen - Der Platz darf bleiben, wenn auch jetzt als Parkplatz deklariert. Auch die Strafe sei vom Tisch - blieben nur noch Verwaltungs- und Anwaltskosten in Höhe von etwa 450 Euro. Nur das "H" musste übermalt und die Lampen abgebaut werden. Und so kam es. Krause habe immer wieder mit der Stadt zu kämpfen, wie er abschließend erzählt. "Gestern kam irgendein Gebührenbescheid von 2013, das ist längst verjährt. Aber wegen Corona kann man natürlich niemanden erreichen..."


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