whatshotTopStory

Von der Ölheizung zur Sonnenheizung

von Thorsten Raedlein



Artikel teilen per:

01.04.2014


Seinstedt. Statt einer Biogasanlage für die Wärmegewinnung zu bauen, soll in Seinstedt in Zukunft die Sonne direkt für die nötige Wärme sorgen. Im Sommer soll die Wärme mit Solarkollektoren eingefangen und in großen Wasserspeichern für den Winter deponiert werden. Dieses Konzept – 100 Prozent Sonnenenergie für Heizung und Warmwasser – ist in Deutschland und Europa einmalig. Am Montag war der Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft, Bauen und Klimaschutz im Ort zu Gast, um sich über das Projekt zu informieren.





Seinstedt will seinem Ruf als Bioenergiedorf gerecht werden. Foto:



Die öffentliche Auseinandersetzung zum Thema Energiewende ist größtenteils auf die Erzeugung und Verteilung von elektrischer Energie fokussiert. Wärmeenergie kommt dabei zumeist nicht vor. Kaum Beachtung findet der Sachverhalt, dass elektrische Energie nur einen Anteil von etwa 20 Prozent am Endenergieverbrauch hat, der Anteil von Wärme für Raumheizung und Warmwasserbereitung hingegen mit nahezu 40 Prozent doppelt so hoch liegt.

"Die Energiewende kann nur gelingen, wenn auch dem Bereich Wärme die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. Wesentlich ist in diesem Bereich die Minimierung von Wärmeverlusten durch Verbesserung des Wärmeschutzes", betont Gunter Brandt von der Gesellschaft für Umweltfreundliche Technologie. Er unterstützt die Seinstedter bei der Projektplanung. Direkte Sonnenenergie wird gegenwärtig nur nahezu zeitsynchron zum Verlauf der Solareinstrahlung genutzt. Dies gilt insbesondere für Fotovoltaik zur Stromerzeugung. Energiespeicherung findet bisher nur bei netzfernen Anwendungen oder mobilen Anwendungen statt. Inzwischen wird der Einsatz von Speicherbatterien forciert, allerdings nur für den Tag-Nachtausgleich. Bei Solarthermieanlagen sind Wärmespeicher zwar unabdingbar und daher Gang und Gebe, aber auch hier erfolgt die Energiespeicherung zumeist maximal für den Zeitraum von einer Woche. Ähnliches gilt für Windenergie, für die es in der Regel derzeit keine Speicherung im nennenswerten Umfang gibt.



Nur bei Bioenergie könnte aufgrund der Tatsache, dass es sich bereits um gespeicherte Sonnenenergie handelt, eine bedarfssynchrone Verwendung erfolgen. Biomasse wird direkt verfeuert (klassisch) oder mittels BHKWs nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung verstromt. Bei der Verstromung von Biomasse anfallende Abwärme ist die Ressourcen schonende Wärmequelle für die bereits existierenden Bioenergiedörfer. Aufgrund der begrenzten Anbauflächen und der in der öffentlichen Auseinandersetzung zunehmend beschworenen Flächenkonkurrenz ist der Anteil der Bioenergie für die dörfliche und kommunale Versorgung nicht mehr unbegrenzt ausbaufähig. Einen Ausweg aus dem Flächen-Dilemma bietet eine Wärmeversorgung auf der Basis der direkten Sonnenenergienutzung. Denn bei der direkten Umwandlung von Solarstrahlung in Wärme liegt die Effizienz oder Ausbeute bis zu 50 mal höher im Vergleich zu Bioenergie über den Nutzungspfad Pflanzenwachstum – Biomasse–Verwertung.


Das größte Hindernis stellt jedoch das Problem der Energieverschiebung von der Erntezeit für die Energie im Sommer zur Nutzungszeit im Winter dar. Die einfachste und außerdem effektive Lösung für dieses Problem stellt derzeit die Wärmespeicherung in großen Heißwasserspeichern dar. Bislang haben jedoch hohe Baukosten und vergleichsweise niedrige Kosten für fossile Energieträger einen Durchbruch dieser Technologie verhindert. Seit dem Bau Boom von Biogasanlagen, bei denen in der Regel Großbehälter als Fermenter eingesetzt werden, sind die Preise für derartige Behälterbauwerke stark gefallen. Die benötigten Speicher dürften etwa 2,2 Millionen Euro kosten – 40 bis 45 Prozent der Gesamtkosten des Projektes.

Die Akzeptanz der Bevölkerung ist hoch, die Mehrheit will mitmachen. Die Anschlussbereitschaft für 65 von 105 Gebäuden mit einem Wärmebedarf von 1600 MWh/a liegt vor. Das Dorf ist ausreichend kompakt, um eine Nahwärmenetz zur Verteilung der Solarwärme wirtschaftlich und verlustarm betreiben zu können. Seinstedt verfügt über einen nicht bewirtschafteten Südhang, der sich für die Aufstellung der solarthermischen Anlagenkomponenten mit einer Apertur von rund 6300 Quadratmetern bestens eignet. Westlich des Hanges liegt eine kleine aufgelassene Siedlungsmülldeponie. Der dort vorhandene Platz reicht für die Aufstellung von zwei Großwärmespeicherspeichern mit jeweils 32 Metern Durchmesser, 20 Metern Höhe, und 13400 Kubikmetern Volumen und insgesamt 1000 bis 1200 MWh Wärmekapazität aus.




zur Startseite