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„Was ich kenne, werde ich auch schützen“ - Kinder sollen Artenvielfalt kennenlernen

Kinder würden schnell Neugier für Tiere und Pflanzen entwickeln, wenn sie ihnen anschaulich gemacht werden.

Nicht alle Kinder können sofort einen Star erkennen. Symbolbild.
Nicht alle Kinder können sofort einen Star erkennen. Symbolbild. Foto: Pixabay

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01.07.2020

Region. Der Rückgang an Artenkenntnis gilt als eine der großen gesellschaftlichen Zeitbomben unserer Tage. „Was ich kenne, werde ich auch schützen.“ Diese Weisheit, die seit Jahrzehnten die Notwendigkeit von Umweltbildung, heute Bildung für nachhaltige Entwicklung, belegt, gewinnt immer stärker an Bedeutung. Der NABU plädiert daher dafür, dass bereits Kinder an die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten herangefürht werden, wie der NABU in einer Pressemitteilung berichtet.


„Es mag auf den ersten Blick völlig unerheblich sein, ob ein junger Mensch eine Amsel, einen Star oder eine Blaumeise kennt. Ist es aber nicht“, sagt NABU-Naturpädagogin Heike Neunaber, die seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlich eine Kindergruppe des NABU betreut. „Denn je weniger Kenntnis von Arten bei Menschen vorliegt, desto weniger ist ihnen auch über deren Lebensweise, ihre Lebensräume und Vernetzungen dieser mit anderen Lebensräumen bekannt. Und so werden auch Bedrohungen von Natur gar nicht oder nur rudimentär wahrgenommen. Und, was mindestens gleich schlimm, auch gesellschaftlich verheerend ist: Wer keinen Bezug zu Natur hat, wird auch keine Empathie dafür empfinden, sondern emotional gegenüber anderen Lebewesen abstumpfen!“

Die Naturpädagogin plädiere daher für das „Naturentdecken im naturnahen Garten“ – und setze es mit ihrer NABU-Kindergruppe seit Jahrzehnten erfolgreich um, unter anderem in einem Gartengelände, das von den Kindern mitgestaltet werde: „Kinder sollten im Garten die Jahreszeiten ebenso erleben können wie die Vielfalt der Natur, die sie sozusagen selbst in den Garten einladen und fördern können“, sagt Neunaber: „Ideal ist es, wenn sie auch im Herbst und Winter draußen sind, spüren, wie unterschiedlich das Wetter sein kann und genau beobachten können wie sich Jahreszeitlichkeit darstellt.“

Kindliche Neugier



Dies sei leicht umzusetzen, denn Kinder würden schnell Neugier für Tiere und Pflanzen entwickeln, wenn sie ihnen anschaulich gemacht werden. „Das beginnt mit der gezielten Vogelbeobachtung im Garten, auch der Beschäftigung mit Vogelstimmen. Dann kommt nämlich schnell die Frage auf, warum manche Vogelarten ganzjährig im Garten beobachtet werden können, andere jedoch erst im April oder Mai auftauchen – daraus ergibt sich dann beispielsweise das Thema Vogelzug“, so die Naturpädagogin.

Sehr erfolgreich sei es auch, wenn mit Kindern Nistkästen gebaut werden, mögen sie auch noch so windschief sein. „Wenn ein Kind eigenhändig einen Blaumeisenkasten zusammengebastelt hat, dieser in einem Baum angebracht wurde und das Kind dann erleben kann, wie die Meisen hineinfliegen, Nistmaterial eintragen, ihren Nachwuchs füttern und wie die Jungvögel heranwachsen, bis diese ausfliegen und im Garten herumhüpfen, dann wird dieses Kind das niemals vergessen.“ Vor allem aber wird es zu beobachten lernen: „Was füttern sie? Insekten? Ja, in großer Zahl! Und sie werden sich fragen, was Insekten sind. Was gehört dazu? Auch Spinnen, Würmer, Asseln? Dann ist die Neugier geweckt“, weiß Heike Neunaber aus ihrem reichen Erfahrungsschatz aus der Umweltbildung für Kinder zu berichten. Mit dem Bau weiterer Nisthilfen könne zudem das Wissen darüber vermittelt werden, wie unterschiedlich die Lebensweisen verschiedener Vogelarten seien. Gut geeignet für das Erlernen von Zusammenhängen in der Natur seien beispielsweise auch der Bau von Igelburgen oder Insektenhotels. Auch die Winterfütterung von Vögeln würden sich wunderbar eignen, um Kinder aktiv mit einzubeziehen.

Ein eigenes Beet



„Sehr gut bewährt hat sich auch, Kindern ein eigenes kleines Beet im Garten zu geben, in das sie selbst aussäen und pflanzen, aber auch ernten können“, sagt die NABU-Ehrenamtliche. „Dann bekommen Kinder, auch schon im Vorschulalter, bereits Verantwortung, allerdings zunächst unter Aufsicht, auch, damit sie nicht etwa das Saatgut versehentlich essen. Wenn dann die ersten Radieschen, Möhren und Erbsen aus dem Boden kommen und auch noch lecker schmecken, werden Kinder schnell einen Bezug zur Erde, zum Säen, Wachsen und Ernten aufbauen, und damit auch zum Wetter und den Jahreszeiten“, macht Heike Neunaber deutlich. „Dann werden diese Kinder auch nicht in dem Unwissen aufwachsen, dass der Sellerie in der Tiefkühltruhe wächst oder die Möhren vom Osterhasen kommen“, schmunzelt sie. „Wir mögen das für Binsenweisheiten halten, aber wenn viele Menschen über dreißig verschiedene Automarken aufzählen können, aber keine drei Vogelarten, wird schnell deutlich, dass im Bereich Umweltbildung hoher Nachholbedarf herrscht.“

Heike Neunaber empfiehlt Eltern und Großeltern zudem, „Naschecken“ im Garten einzurichten, in denen Kinder Beeren und Früchte genießen können – und ihnen damit auch giftige Pflanzen vorzustellen. Ein absolutes „Highlight“ im Garten, das gemeinsam errichtet werden könne, sei ein „Kürbiszelt“: Wie ein Indianerzelt aus langen Ästen und Stangen, die fest schräg in den Boden gerammt werden, werde dieses an den Seiten mit Kürbispflanzen besetzt, die daran heraufranken. Im Herbst würden dann viele bunte Kürbisse herabhängen, die zum Verzehr ausgehöhlt werden können und auch zu allerlei Basteleien zu gebrauchen seien.

Labor des Naturentdeckens



„Für ältere Kinder habe es sich zudem bewährt“, so die Naturpädagogin, „einen kleinen Maurereimer im Boden einzulassen, Wasser und sehr wenig, möglichst nährstoffarme Erde einzufüllen und im Fachhandel – nicht aus der freien Natur! – Wasserpflanzen zu beschaffen, die je nach Wassertiefe gesetzt werden können.“ Sehr schnell wird sich darin tierisches Leben einstellen, ohne dass es weiteren Zutuns bedarf! Mit den Pflanzen werden etwa Wasserschnecken den Weg in den Eimer oder Kübel finden, es werden viele fliegende Insekten eintreffen und diese sowie Vögel den Eimer als willkommene Quelle zum Trinken nutzen. „So mancher Gefiederte wird darin vielleicht auch ein Bad nehmen“, zeigt Heike Neunaber die Vielfalt auf. „Aus Sicherheitsgründen sollten solche Eimer oder Kübel aber nie frei zugänglich für Kleinkinder aufgestellt oder in den Boden eingelassen werden!“ Die Beobachtung der Kleintiere im Wasser können dann zum Beispiel mit einer Becherlupe vorgenommen werden.

Je vielfältiger ein Garten sei und je mehr darin „Natur eingeladen“ werden könne, desto größer sei die Chance, dass Kinder diesen als „Labor des Naturentdeckens“ nutzen könnten – und damit Zugang zur Natur finden, „um diesen eines Tages auch weiteren Generationen weitergeben zu können“, betont Naturpädagogin Heike Neunaber.


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