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Wie entstand Peine? Archäologe liefert Bericht über Ausgrabungen

Es gebe laut Thomas Budde konkrete Funde, die eine Stadtgründung der Stadt Peine belegen würden.

Die zweittiefste Grube ist offenbar als Zisterne zu deuten. Die Holzeinfassung war nach 13. Jahrhunderten vergangen.
Die zweittiefste Grube ist offenbar als Zisterne zu deuten. Die Holzeinfassung war nach 13. Jahrhunderten vergangen. Foto: Thomas Budde

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17.06.2020

Peine. Seit Anfang Februar werden baubegleitende Ausgrabungen auf dem ehemaligen Kleingartengelände zwischen Nachtigallenweg und Fuhsering, durchgeführt. Der Verfasser wurde vom Auftraggeber DFK-Bau aus Kaltenkirchen (Schleswig-Holstein) zunächst mit Sondagen beauftragt, die zur Klärung der archäologischen Funderwartung dienen sollten. Als sich in den acht angelegten Suchschnitten frühgeschichtliche bis hochmittelalterliche Siedlungsfunde zeigten, wurde schnell klar, dass die gesamten Bauarbeiten archäologisch begleitet werden müssen. Archäologe Thomas Budde beschreibt den Stand der Ausgrabungen in einem Bericht, der uns vorliegt. Demnach gebe es konkrete historische Hinweise auf die frühe Stadtgründung Peines.


Seit kurzem sind mittlerweile alle größeren Bauflächen wie die Baustraße, Kranstandort und vor allem die drei Standorte der künftigen Wohnkomplexe großflächig untersucht und mit Helfern vollständig ausgegraben worden. Es handelt sich insgesamt um zirka 2500 Quadratmeter archäologisch erfasster Fläche. Weitere Erdarbeiten wie etwa die Anlegung einer Fernwärmeleitung folgen später noch, aber die meisten Außenarbeiten sind erledigt. Nach witterungsbedingten Problemen im Februar, als dauerhafte Regenschauer sogar die Baggerarbeiten erschwerten, entstand ein Zeitdruck. Seitdem der Kranstandort fertiggestellt war, zeitgleich die erste Wohnbaufläche im Nordwesten und die obere Baufläche zum ehemaligen Mälzereigelände Heine hin nur eine Woche Arbeit beanspruchte, konnten die Bauarbeiten jedoch rechtzeitig Fahrt aufnehmen. Die letzte verbliebene Baufläche im Südwesten stellte sich noch einmal aufwändig dar und bildete den Höhepunkt der erfolgreichen Grabungen. Seit dem 18. Mai kann auch dort frei gebaut werden.

Die Entdeckungen sind von großer Bedeutung für die Siedlungsgeschichte unserer Region, vor allem aber für die Peiner Stadtgeschichte. Sie knüpfen ideal an die Ergebnisse der zahlreichen Stadtkerngrabungen der letzten beiden Jahrzehnte an. Diese machten zunehmend deutlich, dass unter dem in 1, 30 bis über 2 Meter Tiefe überall unter der Altstadt vorhandenen Stadtgründungshorizont so gut wie keine älteren Funde aus dem Mittelalter auftreten. Der älteste konkrete Nachweis ist nach wie vor durch die beiden dendrochronologisch exakt auf 1218 datierten stadtgründungszeitlichen Holzbrunnen der Echternstraßengrabung von 2004 gegeben. Aufgrund einer einzigen Urkunde, die der Historiker Bernd-Ulrich Hucker auf den Zeitraum 1217/18 eingrenzen konnte, wissen wir jedoch, dass es vorher ein Dorf Peine („vetus villa Peyne“) gegeben haben muss.

"Altes Dorf liegt an der Worth"


Verschiedene Grabungen südlich der Altstadt veranlassten den Verfasser im Laufe der Zeit zu der Hypothese, dass das Dorf Peine nicht unter der erkennbar planmäßig angelegten Stadt, sondern in dem für frühe Ansiedlungen viel günstigeren Südhangbereich der „Worth“ südwestlich des Friedrich-Ebert-Platzes zu suchen sei (veröffentlicht in: Archäologie in Niedersachsen Bd. 21, 2018). Nachdem schon 2008 beim Bau der City-Galerie erste ältere Streufunde aufgetreten waren, wurde in jüngerer Zeit (2018 und 2019) ein aufwändig gepflasterter Steinweg aus der Stadtgründungszeit in 1,70 Meter Tiefe unter der Bahnhofstraße entdeckt, der dorthin nach Süden führte. Noch deutlicher waren konkrete Siedlungsbefunde und -funde aus dem 13. bis 14. Jahrhundert in zwei Leitungsgräben unter dem südlichen Bürgersteig der Theodor-Heuss-Straße (2014 und 2019). Damit war klar, dass die alte, längst vergessene Theorie des Kartenforschers Friedrich Brandes von 1964, dass das alte Dorf Peine in der Worth suchen sei, durchaus zutreffen könnte und noch archäologisch nachzuweisen ist.

Das frühere Kleingartengelände am Nachtigallenweg liegt zwar an der Peripherie dieses Verdachtsgebietes, etwas nach Nordwesten abgesetzt, doch waren die Grabungen ein „Volltreffer“. Gefunden wurden Hausgrundrisse von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Siedlungsgruben verschiedener Funktion, Herdstellen, Gräben, ein Brunnen und eine Zisterne. Die Datierung der Funde reicht von der späten Völkerwanderungszeit bis zum hohen Mittelalter (6. bis 12. Jahrhundert). Die Frage der Siedlungskontinuität über fünf Jahrhunderte ist aber noch zu klären. Nur vereinzelt ist auch das späte Mittelalter (13./14. Jahrhundert) noch vertreten. Zahlreiche Funde von Eisenschlacken und Ofenresten deuten auf eine zentrale Bedeutung der Eisengewinnung, auf die sich die frühen Peiner bereits spezialisiert haben müssen. Die Grabungsergebnisse sollen in einem weiteren Bericht genauer erläutert werden. Denn bisher wurde gegraben, aber noch nicht aufgearbeitet.

"Weitreichende Siedlungsgeschichte"


Die resultierenden siedlungsgeschichtlichen Aussagen sind sehr weitreichend. Insbesondere ist deutlich geworden, dass die zur Peiner Burg gehörige Siedlung nicht unmittelbar anschloss, sondern zunächst zirka 0,7 Kilometer südlich gelegen hat. Die Siedlung muss älter sein als die im 12. Jahrhundert erstmals bezeugte Burg, weil so früh noch nicht mit Burgenbau zu rechnen ist. Die dazwischen liegende schmale Landzunge, auf der die Stadt Peine im frühen 13. Jahrhundert angelegt worden ist, muss weitgehend unbesiedelt gewesen sein, sicher aber nicht ungenutzt. Die verschiedenen Vermutungen bezüglich einer Entstehung der Stadt Peine aus einer Vorgängersiedlung im Stadtbereich gehören nun allesamt der Vergangenheit an.


Winziger abgegriffener Silberpfenning mit steigendem Löwen, Wappentier des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. Spätmittelalterlich (13./14. Jh.) und somit zu den jüngsten Grabungsfunden zählend. Foto: Thomas Budde




Früh- bis hochmittelalterliche ringförmige eiserne Gürtelschnalle in unrestauriertem Grabungszustand. Unten deutet sich eine Verzierung an. Foto: Thomas Budde


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