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Wo drückt der Schuh, Jürgenohl?

von Alec Pein


Felix Matthes (links) stellt die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchungen vor. Foto: Alec Pein
Felix Matthes (links) stellt die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchungen vor. Foto: Alec Pein

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22.03.2016




Goslar. Unter dem Motto "Auf geht's Jürgenohl" fand am Montagabend die zweite Informationsveranstaltung für Bürgerinnen und Bürger statt zum . Die aktuellen Erkenntnisse, ausgearbeitet und vorgestellt von den beauftragten Bremer Büros FORUM/plan-werkStadt und der BauBeCon Sanierungsträger GmbH, sollten vor allem "soziale- und städtebauliche Missstände" verdeutlichen, um den Förderantrag zu stützen. Die abschließende Erkenntnis aus beispielhaften Kostenrechnungen: Insgesamt soll das von Bund, Land und Stadt zu tragende Investitionsvolumen etwa 9,1 Millionen Euro betragen.

Für die Stadt Goslar würden dabei geschätzte Kosten von 3,5 Millionen Euro entstehen, die auf zehn Jahre mit 350.000 Euro pro Jahr aus dem Haushalt finanziert werden müssten. Den Rest der Summe tragen bei Erfolg des Antrags Land und Bund. Insgesamt könne man dann von einem Investitionsvolumen von "30, 40, oder 50 Millionen" sprechen, so Oberbürgermeister Oliver Junk. Heißt: Sofern der Antrag, der bis zum 1. Juni abgegeben werden soll, eine Zusage erhält, könnten mit einem Teil der Mittel private Investoren bezuschusst  und so weitere Investitionen in den Stadtteil Jürgenohl generiert werden.

Missstände in Jürgenohl


Um überhaupt in das Förderprogramm aufgenommen zu werden, müssten die "sozialen Missstände" des entsprechenden Gebietes dargestellt werden, erklärte Torben Pöplow von der BauBeCon Sanierungs GmbH den rund 30 Interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Gemeindehaus Jürgenohl. Konkrete Lösungen sollen innerhalb der nächsten Bürgerbeteiligungen und im Laufe der weiteren Planungen gefunden werden. Frühestens im Herbst 2017 sei mit den ersten Baumaßnahmen zu rechnen. Vorerst habe man deshalb Daten ausgewertet und geprüft "wo in Jürgenohl der Schuh drückt", so Felix Matthes (FORUM/plan-werkStadt). Wie aus der Präsentation hervorging drückt der Schuh wohl vor allem in den Bereichen Barrierefreiheit, geografische Lage, Verkehr und Funktionalität. Die angrenzende Bundesstraße oder die Grauhöfer Landwehr, stellen schwierige geografische Barrieren dar, die das Gebiet isolieren, erklärte Felix Matthes. Auffällig seien zudem die vielen parkenden Autos, eine "Müllcontainer-Kultur", die an vielen Stellen einen "schmuddeligen" Eindruck macht oder zugewachsene Sport- und Spielplätze. Durch die Bauart der Wohnanlagen seien auch viele Freiflächen innerhalb der Anlagen sehr isoliert.

Unzureichende Barrierefreiheit


Die Barrierefreiheit sei unzureichend - in Wohnanlagen sowie im Straßenverkehr. Ein großer Teil der Fördermittel ist deswegen auch für Zuschüsse an private Baumaßnahmen vorgesehen, sodass Eigentümer etwa beim Bau von Fahrstühlen unterstützt werden können, die vor allem in den großen Wohnanlagen fehlen. Im Straßenverkehr seien es dagegen häufig zu schmale Gehwege oder nicht abgesenkte Bordsteine, die den Ansprüchen eines barrierefreien öffentlichen Raumes nicht gerecht werden.

Verkehrsstrukturen


Im Straßenverkehr seien die einen Fahrbahnen zu breit, die anderen zu Stoßzeiten zu stark befahren und die Radwege unattraktiv geführt. Laut Felix Matthes ebenfalls als Missstand zu werten: Die "starke Präsenz des ruhenden Verkehrs", also geparkten Fahrzeugen, im Bereich des Fördergebietes. Die vielen Garagen würden zudem "Angstbereiche" für Verkehrsteilnehmer darstellen, sodass man an dieser Stelle darüber nachdenken könnte, ob diese Art von Parkmöglichkeiten noch Zeitgemäß seien.

Wohnungswirtschaft


Etwa 75 Prozent der Wohnungen, die die Baugenossenschaft Wiederaufbau im potenziellen Sanierungsgebiet hat, seien Zwei- bis Dreizimmerwohnungen, erklärt Matthes weiter. Ein weiterer Anlass also in Zuschüsse für private Eigentümer zu investieren, denn neben Fahrstühlen würden in Jürgenohl auch größere Wohnungen benötigt werden. Den Zahlen der Goslarer Wohnstättengesellschaft (GWG) und der Baugenossenschaft Wiederaufbau sei zudem zu entnehmen, dass es sich bei Jürgenohl um einen "Stadtteil im Wandel" sowie um einen Stadtteil mit überdurchschnittlichen Anteil an Bewohnern mit Migrationsgeschichte handele: Über die Hälfte der Bewohner sei ab 2010 eingezogen, ein Viertel zwischen 2000 und 2009 und das übrige Viertel früher. Insgesamt wohnen in Jürgenohl 6.888 Menschen. Davon seien 9,1 Prozent über 80 Jahre alt und mit 17,1 Prozent ein überdurchschnittlicher Anteil Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Verteilung Letzterer im potenziellen Sanierungsgebiet wurde während der Präsentation detailliert dargestellt. So kamen die Beauftragten der Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der Großteil der Migranten im Zentrum Jürgenohls lebe. Weniger sind es im Bereich Kramerswinkel, sodass man davon ausgehen könne, dass dort vermehrt deutschstämmige Familien leben. Warum gezielt nach Nationalitäten ausgewertet wurde erklärte Felix Matthes auf Nachfrage von RegionalHeute.de: Je höher der Migrationsanteil bei den Bewohnern ist, desto höher seien auch die Leistungen die im Bereich Integration erbracht werden müssten, was wiederum die Chancen im Verfahren um die Fördermittel verbessere, so Matthes.


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