Wolfenbüttel

Wolfenbüttelerin hilft Obdachlosen am Ostkap


Dr.Carola Hantelmann, Fot: privat
Dr.Carola Hantelmann, Fot: privat

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10.05.2016


Wolfenbüttel/East London. Es ist ein schlichtes „Non-Profit-Franchise”, bei dem ein Bekleidungsgeschäft aus dem Nichts eröffnet, und Obdachlosen eine würdevolle Atmosphäre bietet, Kleidung und Schuhe gratis zu „kaufen”, wobei sie von ehrenamtlichen “Shop-Assistenten” beraten werden. Die Rede ist vom „The Street Store East London”, den die Wolfenbüttelerin Dr. Carola Hantelmann jetzt für einen Tag am Ostkap initiierte.


Der erste „Street Store“ wurde 2014 von der Saatchi Galerie in Kapstadt ins Leben gerufen, und seither auf der ganzen Welt kopiert. Jeder kann so einen Street-Store organisieren – die Schritte hierzu werden auf www.streetstore.org anschaulich erklärt. Man muss eine Verpflichtung unterschreiben, keinen Profit aus diesem Engagement zu schlagen. Das Gründerteam aus Kapstadt setzt dann eine Veranstaltungsseite bei Facebook auf und erwartet nach Abschluss einen kleinen Bericht und Fotos. „Nachdem ich das beeindruckende Video der Saatchi Galerie Kapstadt über das Konzept des Street Stores gesehen hatte, und hier vor Ort eine Freundin mit ins Boot holen konnte (sie leitet East Londons freie Klinik, das “Frere Hospital”), arbeitete ich mit der hiesigen Heilsarmee zusammen, um den ersten Street Store in East London zu organisieren. Die Heilsarmee war ein idealer Partner, da sie nicht nur direkten Zugang zu den meisten Obdachlosen in der Innenstadt von East London, sondern auch einen eigenen kleinen Bekleidungsladen hat, in dem die Dinge, die wir nicht anbieten, weiterhin für Obdachlose zur Verfügung stehen – zudem ist sie in Southernwood, einem der Brennpunkte East Londons beheimatet“, berichtet Carola Hantelmann.

600 "Kunden"


Mit einer kleinen Gruppe hat sie fast drei Monate lang alles vorbereitet und das Ergebnis übertraf am Ende ihre höchsten Erwartungen: „Ich konnte 70 Freiwillige rekrutieren. Freunde, Ärzte, Lehrer, Geschäftsinhaber öffneten ihre Häuser, Praxen, Schulen und Geschäfte für zum Teil bis zu sechs Wochen als Spenden-Orte”, so Hantelmann. Am Sonnabend vor der Street-Store-Eröffnung verbrachten dann alle den größten Teil des Tages damit, tausende von Kleidungsstücken und Schuhen nach Damen, Herren und Kinder sowie nach Größen zu sortieren. Alle waren begeistert, dass ausschließlich sehr gut erhaltene Kleidung gespendet wurde: „Alles war gewaschen, gebügelt, gefaltet und absolut in Ordnung.


he Street Store East London für Obdachlose am Ostkap, Foto: privat



East London hat noch nie eine so große Spendenaktion erlebt und das macht es umso bemerkenswerter, dass wirklich nur gute Stücke abgegeben wurden“, betont die Organisatorin. „Wir konnten den Obdachlosen Kleidung, Schuhe und Accessoires anbieten, und sie hatten Gelegenheit, vor großen Spiegeln und in Umkleideräumen an- und auszuprobieren“, unterstreicht die Wolfenbüttelerin. Über 600 Kunden – teilweise hatten sie bereits um 7 Uhr morgens vor dem Tor gewartet – kamen an diesem Tag, etwa die Hälfte von ihnen waren Obdachlose, die andere Hälfte zumeist Frauen mit Kindern.

Rührende Szenen


Einige rührende Szenen spielten sich ab. „Zum Beispiel bediente ich eine Großmutter und bot ihr an, ihrem Enkelkind etwas Essen zu geben und zu beschäftigen, damit sie sich in Ruhe umsehen kann – sie weinte erst einmal, weil sie das noch nie erlebt hatte. Ein älterer Herr war überwältigt, weil er sein Leben lang aus Mülltonnen seine Kleidung und sein Essen hatte holen müssen. Hier konnte er sich zum ersten Mal quasi neue Kleidung aussuchen“, erinnert sich Carola Hantelmann. Sie und ihre Mitstreiter hatten auch ein kleines Café mit Getränken und Gebäck eingerichtet, welches dankbar in Anspruch genommen wurde. Auf große Resonanz stießen auch die Angebote der anwesenden Partner wie „Masimanyane Women’s Support Centre“, das Frauen bei häuslicher Gewalt mit Rat und Tat zur Seite steht, „workforafrica“, das nicht nur Beratung anbot, wie Obdachlose wieder in Lohn und Brot kommen, sondern die Kunden und die Freiwilligen mit Wasser versorgte und nicht zuletzt „Frere Hospital“, das mit mehreren Ärzten und Krankenschwestern vor Ort zwei Behandlungsräume aufbaute und an diesem Tag über 180 Patienten behandelte. Abgesehen von großzügigen Geld-Spenden hat eine Firma, die nicht genannt werden möchte, zudem 2000 recycelbare Tüten geschenkt, auf die sie sogar „Thank you – call again!“ gedruckt hatte. „Wir waren daher bestens vorbereitet, die Kleidung dann auch ordentlich zu verpacken“, sagt Hantelmann.


The Street Store East London für Obdachlose am Ostkap, Foto: privat


"Große Hilfsbereitsschaft"


Aufgrund der Aktion konnten dank verschiedener Zeitungsartikel und Radiosendungen im Nachhinein zwei neue regelmäßige Spender für Nahrungsmittel für die Heilsarmee gefunden werden sowie ein pharmazeutischer Betrieb, der von nun an regelmäßig antibakterielle und hypoallergene Seife für die dortigen Duschen spenden wird. Eine Firmengruppe wird außerdem die Renovierung des 160 Jahre alten und baufälligen Gebäudes (welches ursprünglich von chinesischen Siedlern als Schule erbaut wurde) übernehmen. „Für mich als Deutsche, den „Street Store East London” am Zipfel Südafrikas zu organisieren, war auf jeden Fall eine sehr bewegende und wunderbare Erfahrung – egal, an welche Tür ich geklopft habe, überall gab es ausschließlich große Hilfsbereitschaft“, resümiert Hantelmann, „Am Ende trafen sich knapp 100 Leute, von denen sich kaum jemand kannte und wir gingen als Freunde auseinander. Vielleicht organisiere ich den „Street Store“ am Freedom Day 2017 erneut.“ Dr. Carola Hantelmann stammt aus Wolfenbüttel und lebt seit 2010 in East London, Ostkap-Provinz in Südafrika und arbeitet derzeit als Beraterin für Erneuerbare Energien der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit bei der Regierung des Ostkaps. Niedersachsen ist außerdem die Partnerprovinz des Ostkaps.


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