Alarm im Alter: Jeder sechste Rentner in Niedersachsen ist arm


Nach aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2024 gelten in Niedersachsen 18,3 Prozent der über 65-Jährigen als armutsgefährdet, mehr als jeder Sechste.

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Region. Gearbeitet bis zur Rente, gespart bis zum Frieren. 18,3 Prozent der über 65-Jährigen in Niedersachsen gelten als armutsgefährdet. Warum viele trotz Anspruch keine Unterstützung bekommen. 





Der Winter ist der härteste Richter. Wenn die Temperaturen in unserer Region sinken, wird sichtbar, was vorher verborgen blieb. In vielen Wohnungen bleibt die Heizung kalt. Nicht aus Sparsamkeit, sondern aus Angst vor der nächsten Rechnung. Statt Obst gibt es Toast, statt Schmerztabletten Geduld. Altersarmut riecht nicht nach Skandal, sie riecht nach Verzicht.

Sparen am Notwendigsten


Landesverbandsvorsitzender Friedrich Stubbe.
Landesverbandsvorsitzender Friedrich Stubbe. Foto: Peter Himsel


Nach aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2024 gelten in Niedersachsen 18,3 Prozent der über 65-Jährigen als armutsgefährdet, mehr als jeder Sechste. Die Quote ist gestiegen. Hinter ihr stehen keine Sonderfälle, sondern Biografien der Mitte: Verkäuferinnen, Lagerarbeiter, Pflegekräfte. Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet haben und nun feststellen, dass ihre Lebensleistung nicht mehr reicht, um warm zu bleiben.



Friedrich Stubbe, Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK Niedersachsen-Bremen e.V., spricht von einer alarmierenden Entwicklung. Explodierende Energiepreise und steigende Mieten träfen jene, die keine Ausweichmöglichkeiten mehr haben. Wer alt ist, kann nicht mehr nachverhandeln, nicht mehr umschulen, nicht mehr aufholen. „Rentnerinnen und Rentner haben kaum eine Möglichkeit, ihre finanzielle Lage zu verändern und sparen daher am Notwendigsten: Sie verzichten auf gesunde Lebensmittel, wichtige Medikamente oder das Heizen und das geht zu Lasten ihrer Gesundheit.“

Ein Bundesland mit dünner Rente


Niedersachsen steht nicht am Rand der Republik, aber am Rand der Rententabelle. Nach 45 Versicherungsjahren erhalten Männer hier im Schnitt 1.783 Euro im Monat, so wenig wie sonst nirgendwo im Westen. Frauen kommen auf durchschnittlich 1.417 Euro. Was statistisch klingt, entscheidet praktisch darüber, ob jemand die Heizung aufdreht oder lieber den Pullover anzieht, ob er Freunde trifft oder allein bleibt.

Bundesweit beziehen inzwischen rund 739.000 Menschen Grundsicherung im Alter. Die Zahl wächst. Doch sie zeigt nur, wer den Mut oder die Kraft hatte, einen Antrag zu stellen. Die Mehrheit bleibt unsichtbar. Friedrich Stubbe benennt das Ausmaß: „Fachleute gehen davon aus, dass 70 Prozent der anspruchsberechtigten Menschen die Grundsicherung im Alter nicht beantragen – obwohl sie ihnen zustehen würde.“

Die Scham derer, die alles richtig gemacht haben


Warum verzichten Menschen auf Geld, das ihnen rechtlich zusteht. Die Antwort ist nicht rechnerisch, sondern moralisch. Viele der heutigen Rentnerinnen und Rentner sind mit der Idee groß geworden, für sich selbst zu sorgen. Arbeit bedeutete Würde, Unabhängigkeit bedeutete Anstand. Wer Hilfe braucht, fühlt sich wie jemand, der versagt hat.

Unwissenheit spielt eine Rolle, Angst vor Rückforderungen ebenfalls. Doch entscheidend ist das Gefühl, sich erklären zu müssen. Wer ein Leben lang Beiträge gezahlt hat, will nicht auf dem Amt offenlegen, warum die eigene Rente nicht reicht. Also wird gespart, bis es weh tut. Nicht am Luxus, sondern am Körper. Essen wird billiger, Medikamente werden gestreckt, der Arztbesuch wird verschoben.

So entsteht eine Armut ohne Bühne. Keine Transparente, keine Schlagzeilen. Stattdessen leere Kühlschränke und volle Sorgen. Wer sich den Kaffee im Café nicht mehr leisten kann, verliert auch die Begegnung. Wer nicht mehr mitkommt, bleibt zurück. Altersarmut frisst sich nicht nur ins Portemonnaie, sondern in Beziehungen, Gesundheit und Selbstwert.

Ein System, das beschämt


Für Friedrich Stubbe liegt das Problem nicht nur in der Höhe der Leistungen, sondern im Bauplan des Systems. Die Grundsicherung im Alter orientiere sich an einem Modell, das für Arbeitslose gedacht war, nicht für Menschen nach einem Arbeitsleben. „Der VdK fordert eine grundlegende Umgestaltung der Grundsicherung im Alter. Das bisherige Konzept einer Art Arbeitslosengeld für Ältere wird in keinem Maße den Lebensumständen und Bedürfnissen dieser Bevölkerungsgruppe gerecht.“

Wer Grundsicherung will, muss Bedürftigkeit beweisen. Kontoauszüge, Mietverträge, Versicherungen. Rückwirkend gibt es kein Geld. Wer zu spät kommt, verliert Monate. Gerade der Übergang vom Beruf in den Ruhestand wird so zur finanziellen Bruchkante. Ein verspäteter Bescheid genügt, und die Lücke bleibt.

Hilfe ohne Gesichtsverlust


Der VdK fordert deshalb einen Kurswechsel. Leistungen sollen nicht mehr beantragt, sondern automatisch geprüft werden. Die Daten liegen längst vor. Rentenhöhe, Versicherungszeiten, Wohnkosten. „Aufgrund des hohen Prozentsatzes von verdeckt Armen braucht es dringend eine automatische und stigmatisierungsfreie Prüfung und Auszahlung der Leistungsansprüche.“

Die Idee ist einfach und politisch unbequem. Wer Anspruch hat, bekommt Geld. Ohne Antrag, ohne Wartezeit, ohne das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Ab Rentenbeginn. Würde - würde zur Verwaltungspraxis.

Die Entscheidung zwischen Suppe und Heizung


Noch spielt sich Altersarmut meist hinter Wohnungstüren ab. Sie ist kein Straßenbild, sondern ein Küchenproblem. Doch die Zahlen steigen, und mit ihnen die Gefahr, dass ein ganzer Lebensabschnitt zur Dauerkrise wird. Niedersachsen ist kein Ausreißer, sondern ein Frühwarnsignal.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob Altersarmut existiert. Sie lautet, wie viel Unsichtbarkeit ein Sozialstaat sich leisten will. Ein Rentensystem, das Menschen in die Scham treibt, verliert seinen Sinn. Die Rente soll Sicherheit sein. Für viele ist sie heute eine Rechenaufgabe mit falschem Ergebnis.

Und für manche beginnt der Ruhestand nicht mit Freiheit, sondern mit einer täglichen Entscheidung. Wird heute gegessen oder geheizt.

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