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Amsterdam: Schule ohne Angst - Hier bleibt kein Kind sitzen


Lehrerin Claudia Prins bespricht den Tag mit den Schülern ihrer Gruppe. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL
Lehrerin Claudia Prins bespricht den Tag mit den Schülern ihrer Gruppe. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL Foto: Focus, Petra Apfel/FOL

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23.10.2018

Die Bildungsmisere in Deutschland und die Frage: Warum funktioniert das Schulsystem in den Niederlanden so viel besser als bei uns? Was können wir von den Holländern lernen? FOCUS Online-Reporterin Petra Apfel hat sich in Amsterdam eine Grundschule angesehen, in der es keine Jahrgangsstufen gibt – und in der kein Kind zum Versager abgestempelt wird.


„Schauen Sie sich die Laterna Magica an“, hatte Ilona de Ruijter vom Bildungsministerium in Amsterdam geraten. Kann man da sehen, warum Hollands Schüler zu den besten und glücklichsten Schülern der Welt gehören?

Amsterdams Vorzeigeschule liegt auf einer Insel. Eine künstliche Aufschüttung für ein Stadtviertel vom Reißbrett zwischen Altstadt und Meer: Ijburg. 20 Minuten braucht die Tram 26 von der Centraal Station zur „Basisschool“, vorbei an streng komponierten Blöcken aus Wohn- und Geschäftshäusern. Vor allem junge Familien sind seit 2002 in diese neue Stadt für bis zu 45.000 Menschen gezogen. Zu sehen ist an diesem regnerischen Morgen kurz vor acht kaum jemand.

Hinter dem dürren Gras des eher tristen Van Gogh-Parks erstreckt sich ein dunkler Riesenquader mit ein paar bunten Paneelen und dem apfelgrünen Plakat „Laterna Magica“. Hier also sollen 750 Grundschüler zwischen vier und zwölf Jahren nach einem innovativen Lehransatz zu selbstbewussten, glücklichen und klugen Schülern werden.


Von außen ist die "Laterna Magica" düster - drinnen tobt das Schülerleben. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL Foto: Focus, Petra Apfel/FOL


„Klassenziel nicht erreicht“ – das gibt es hier nicht


„Natürliches Lernen“ nennt sich das Konzept der „Laterna Magica“. Es lässt zu, dass sich Schüler in ihrem individuellen Tempo entwickeln und rückt dabei ihre Talente ins Zentrum – vor allem durch eigenständig erarbeitete Projekte. Ein wichtiger Baustein der Methode ist, dass Schüler unterschiedlichen Alters zusammen lernen, und dabei jedes Kind nach einem auf ihn zugeschnittenen Entwicklungsplan betreut wird.

Es gibt Tests und Zeugnisse an der „Laterna Magica“, aber bei Prüfungen durchfallen und sitzenbleiben, das ist in diesem Schulkonzept nicht vorgesehen. „Manchmal sind Kinder schon mit elf Jahren bereit für die Sekundarstufe, manchmal bleibt eines ein Jahr länger hier. Das handhaben wir flexibel“, erzählt Claudia Prins bei einem Kaffee vor Schulbeginn, der wie überall in den Niederlanden erst um 8.30 Uhr ist.

Units, Stammgruppen und „Projekte“


Claudia Prins ist eine von vier Lehrern der Unit 7, einer Einheit aus Acht- bis Zwölfjährigen. Sie erklärt mir das zunächst etwas verwirrende System: Die „Units“ sind in Stammgruppen eingeteilt. Jeder Lehrer der Unit 7 ist für eine Stammgruppe von rund 25 Mädchen und Jungen verantwortlich. Den Tag verbringen die Schüler in verschiedenen Unterrichtsstunden. Nur morgens, in der Mittagspause und kurz vor Schulende kommt die Stammgruppe zusammen. Und zwar in offenen Räumen mit ziemlich zusammengewürfeltem Mobiliar.


Erstaunlich: Nach dem Unterricht finden alle Schüler ihren Rucksack und die Jacke wieder. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL Foto: Focus, Petra Apfel/FOL


Erst schmökern, dann ran ans Laptop


Units, Stammgruppen, wechselnde Projektgruppen - was für Außenstehende nach Chaos klingt, folgt in der „Laterna Magica“ einer eingespielten Choreographie des Schulalltags. Erste Überraschung: Um 8.30 verteilen sich die Kinder der „Stamgroep Claudia“ im Raum und vertiefen sich für eine halbe Stunde schweigend in ein Buch. „Das ist unser Ritual, um morgens im Schulalltag anzukommen“, erklärt mir die Lehrerin.

Danach bespricht sie mit der Gruppe den Tag, „damit jeder weiß, was heute anliegt“. Und dann schwärmt ihre Stammgruppe aus, um an „Projekten“ zu arbeiten – selbstständig und in Zweier- bis Vierergruppen. Kinder aus anderen Stammgruppen kommen dazu, ein Teil verschwindet in ruhige Ecken oder schließt sich Projekten der anderen Unit-7-Lehrer an. Die meisten haben eines der schuleigenes iPads unter dem Arm.

Die Schüler sollen erst mal machen, der Lehrer hilft dann schon


Claudia Prins erklärt mir das Konzept der Projektarbeit: „Wir geben ein übergeordnetes Thema vor, aus dem sich jeder Schüler oder eine Arbeitsgruppe einen Aspekt herausgreift und recherchiert. Nach drei, vier Wochen müssen alle ihr fertiges Projekt vorstellen. Auf dem Weg dorthin geben wir nur Anregungen und Hilfestellungen.“ Und so wandert die Lehrerin mit den kurzen blonden Haaren und dem strahlenden Lächeln zwischen den Arbeitsgrüppchen herum, stellt hier eine Frage, gibt dort einen Tipp, fordert, wenn nötig, mit scharfer Stimme mehr Ruhe und Konzentration.

Zur Schule gehört auch der Hühnerstall


Das Projekt von Pjotr ist heute erst einmal die Besucherin aus Deutschland. Der Zwölfjährige spricht besonders gut Englisch („Habe ich mir schon vor der Schule durch Filme kucken selbst beigebracht“) und darf daher öfter ausländische Gäste durch die Schule führen. Der Junge nimmt seinen Job ernst und es geht kreuz und quer durch seine Schule, die vor kurzem ihr zehnjähriges Bestehen feierte: Schülerkunst im Treppenhaus, die Turnhalle, Spielplatz im grünem Hinterhof, Hühner- und Kaninchenstall, Gemüsegarten und eine Lernküche, wo Kinder gerade Hunderte Obstspieße fabrizieren: Die Direktorin Annette van Valkengoed hat heute Geburtstag, später wird gefeiert.


Schwein Meggy gehört zum Inventar der "Laterna Magica" und bekommt in der Pause Besuch. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL Foto: Focus, Petra Apfel/FOL


Jeder Schüler pflegt sein „Portfolio" - eine Mappe besonderer Leistungen


Nach der Tour führt Pjotr voller Stolz sein Portfolio vor – auch eine Besonderheit der „Laterna Magica“. In dem Ordner, den jeder Schüler von Anfang an mit seinen Projekten, Beurteilungen und Zeugnissen füllt und der die persönliche Entwicklung dokumentiert, stecken alle kreativen Ideen des Jungen (für Comicfiguren, für ein Musical, ein Rap-Video). Nach dem Sommer geht er auf die weiterführende Schule zwei Straßen weiter. Erst hatte er nur eine Empfehlung für die Mittelschule („Ich lerne schnell, aber ich habe ein schlechtes Gedächtnis“), aber dann reichte sein „Cito“ doch für die Realschule.

Der Test vom Zentralinstitut für Testentwicklung (Cito) am Ende der Grundschule ist gesetzlich vorgeschrieben und eine der wenigen staatlichen Bedingungen, die jede Schule erfüllen muss. Der Abschluss-Test, der vom Zentralinstitut auch ausgewertet wird, ist aber keine Prüfung. Ein Schüler kann dabei nicht durchfallen.

Die Lehrer sind bei dem Schulkonzept der „Laterna Magica“ besonders gefordert. Alle sechs Wochen aktualisieren sie den Entwicklungsplan jedes Kindes in ihrer Stammgruppe und legen neue Ziele fest. Und dreimal im Jahr diskutieren sie den Leistungsstand der Mädchen und Jungen mit deren Eltern – anhand des so bedeutsamen Portfolios.

Der „Cito“-Test entscheidet, wie es nach der Grundschule weitergeht


Lehrereinschätzung plus Cito-Test geben die Richtung für die Sekundarstufe vor: „vmbo“, das entspricht etwa der Mittelschule bei uns, „havo“ der Realschule, und „vwo“ dem Gymnasium. Die Schulzeit dauert dann noch einmal vier bis sechs Jahre. Spezialisierung und Durchlässigkeit der Schultypen ist viel ausgeprägter als in Deutschland. Spätzünder können hier leichter auf einer höheren Ebene weitermachen als bei uns.

Während es bei Claudia Prins in einer Art Wissensquiz um Gedächtnis, analytisches Denken und die Zuordnung von Inhalten geht, ist die Gruppe ihrer Kollegin Bonita Sam-Sim mit Mode beschäftigt. Auf dem großen Flachbildschirm läuft die Chanel-Schau dieses Frühjahrs. Am Boden werden Schnittmuster vorbereitet, Stoffe sind an einer Puppe drapiert, ein paar Kinder zeichnen Entwürfe. „Es gibt dabei so viele Themen rund um Fashion: Design, Handwerk, Schönheitsideale, Luxus – Mode als Gesellschaftskunde sozusagen.“

Die Kinder sollen verstehen, wie ein Computer denkt


Bei Dennis Appeldoorn, dem Experten für Mathematik und Geographie, sind Pyramiden das Thema. Sie entstehen als Modell aus Bastelmaterial oder dreidimensional am Computer, und die Gruppe lernt dabei etwas über Geometrie, Architektur und Geschichte. Bei Vincent Brier hängen die Programmierer der Zukunft über den schuleigenen iPads. „Es geht um Logik. Die Kinder sollen nachvollziehen, wie ein Computer denkt.“

Und überall dazwischen, an kleinen Tischen, auf Bänken oder am Boden sitzen Kinder, die etwas völlig anderes machen, etwa am Computer Hauptstädte in eine Landkarte von Europa eintragen. Es sieht nach Durcheinander aus, aber alle sind beschäftigt, keiner tobt einfach herum oder starrt in sein Smartphone.

Smartphones sind verboten – die Schüler haben ja Laptops


Schüler-Handys sind während des Unterrichts sowieso verboten. Was an deutschen Schulen gerade wieder einmal ein großes Streitthema ist, handhaben die Lehrer hier ganz rigoros. „Wir sammeln sie morgens ein und geben sie bei Schulschluss wieder heraus“, sagt Claudia Prins. „Die Kinder machen damit doch nur Unsinn. Und zum Arbeiten haben sie hier ja alle die Schul-Laptops.“

Dem Sozialverhalten scheint das gut zu tun, Alle Schüler verhalten sich auffallend diszipliniert und rücksichtsvoll. Kein Geschrei oder Geschubse. Doch wenn der Gruppen-Coach den Unterricht um 14.30 für beendet erklärt – einen Gong gibt es hier nicht – stürmt der Schülernachwuchs von Ijburg mit Getöse ins Freie, so wie alle Schüler dieser Welt.

Von den Niederlanden lernen


10 Dinge, die an Hollands Schulen besser laufen als bei uns

Um fit für die Zukunft zu sein, muss Deutschland in Bildung investieren – darüber sind sich alle einig. Dafür könnte es sich bei anderen Ländern einiges abschauen. Unsere holländischen Nachbarn haben an den Grundschulen bereits Dinge umgesetzt, die auch viele deutsche Bildungsexperten als nötige Reformen einfordern.

  1. Die Grundschule beginnt früh, schon ab vier Jahren. Die Differenzierung erfolgt erst nach acht Jahren gemeinsamen Lernens mit zwölf.

  2. Eltern haben von Anfang an freie Schulwahl, unabhängig von der Adresse.

  3. Der Unterricht beginnt überall erst um 8.30 und endet um 14.30 oder 15.00 Uhr. Hausaufgaben gibt es nicht.

  4. Fast alle Schulen werden vom Staat finanziert, auch die der privaten Träger.

  5. Jeder Schule steht es frei, nach welcher Methode sie unterrichten will.

  6. Das Bildungsministerium gibt landesweit einheitliche Lernziele sowie die Tests vor, welche diese abrufen. Der wichtigste „Cito“-Test erfolgt am Ende der Grundschulzeit.

  7. Nicht allein die Lehrer entscheiden über die weitere Schullaufbahn, sondern deren Beurteilung plus der Cito-Test.

  8. Es gibt keine Lehrer-Beamten. Lehrkräfte bewerben sich, wo sie wollen. Schulen stellen ein, wen sie wollen.

  9. Schulpraxis gehört vom ersten Tag an zur Lehrerausbildung.

  10. Holland hat landesweit die perfekte Infrastruktur für digitales Lernen. Die Schulen sind überwiegend mit der nötigen Hard- und Software ausgestattet. Lehrer setzen sie auch ein.



14 Länder, 14 Reporter


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