Wolfenbüttel. Es ist eine Verbindung, die auf blindem Vertrauen basiert. Wenn Habicht "Alfons" auf der Faust von Mario landet, ist das für ihn jedes Mal die Erfüllung eines Kindheitstraums. Doch dieser Traum trägt seit November schmerzhafte Narben. Ein Unbekannter schoss mit einem Luftgewehr auf den Greifvogel und verletzte ihn schwer. Nun bittet der Falkner die Bevölkerung um Mithilfe.
Um den Vorfall aufzuklären und den Verantwortlichen zu finden, hat Mario bereits einen Aufruf in den sozialen Medien gestartet. Er hofft, dass sich Zeugen melden, die an jenem Tag im November im Bereich Groß Biewende etwas Verdächtiges beobachtet oder gehört haben. „Ich möchte wissen, wer meinem Vogel das angetan hat“, betont er.
Ein Kindheitstraum wird Wirklichkeit
Dass Mario einmal Falkner werden würde, wusste er schon früh. Als Junge habe er ein Video gesehen, in dem ein Habicht zu wissenschaftlichen Zwecken ausgebildet wurde, um sein Jagdverhalten zu demonstrieren. „Da wusste ich: Das ist meins“, erinnert er sich im Gespräch mit regionalHeute.de. Die Falknerei ist eine der ältesten Jagdarten der Menschheit und Teil des UNESCO-Kulturerbes. Sie beruht auf der zwanglosen Kooperation des Menschen mit einem wilden Greifvogel.
Was folgte, waren Jahre der Vorbereitung. Zuerst machte er den Jägerkurs der Jägerschaft Wolfenbüttel, um den Jagdschein zu erlangen. Anschließend folgte der Falknerschein bei der Landesjägerschaft Niedersachsen. Der Falknerkurs setzt voraus, dass man sich im Vorfeld über lange Zeit intensiv mit der Materie beschäftigt hat. Besuche bei der Beizjagd, Praktika in Falknereien oder Zoos, unzählige Stunden Theorie und Praxis. „Man kann den Kurs zwar mit viel Fleiß bestehen, aber ohne wirkliche Leidenschaft funktioniert Falknerei nicht“, sagt Mario offen.
Er sparte, investierte Zeit und Herzblut – und erfüllte sich schließlich seinen Traum. 2023 kam Alfons zu ihm. Seitdem trainieren die beiden regelmäßig in der Natur. Bis ein Vogel zuverlässig jagdlich einsetzbar ist, vergehen mehrere Monate intensiver Arbeit – Geduld, Konsequenz und vor allem Vertrauen sind dabei entscheidend, berichtet Mario weiter.
Dieses einzigartige, gemeinsame Naturerlebnis wurde am 13. November 2025 abrupt beendet. Was als gewohnter Jagdausflug begann, endete in einer dramatischen Suchaktion und einer schweren Verletzung für Alfons.
Die Suche nach Alfons
Eigentlich sollte es ein ganz normaler Ausflug an einem Nachmittag sein. Mario Hispalis war mit Alfons gegenüber der Mülldeponie Bornum auf der Bößumer Seite unterwegs. Ein Jagdflug, wie sie ihn schon hunderte Male gemeinsam absolviert hatten. Doch diesmal kehrte Alfons nicht wie gewohnt zurück. Er verlor im Gebüsch seinen GPS-Sender – eine Suche gegen die Zeit und die einsetzende Dunkelheit begann.
„Bis spät in die Nacht suchten wir den Habicht, die Polizei wurde wegen möglicher Sichtungen informiert. Am nächsten Morgen beteiligten sich mehrere Falkner aus der Region an der Suche. Da Habichte sich in der Regel nicht weit vom Ausgangsort des Trainings entfernen, konzentrierten wir uns zunächst auf einen Radius von zwei Kilometern um die Mülldeponie. Das Personal der Anlage erlaubte uns die Suche auf dem Gelände, jedoch ohne Erfolg“, berichtet der Falkner.
Alfons ist schwer verletzt
Nach der Suche an der Mülldeponie wurde der Suchkreis erweitert. In Groß Biewende angekommen, meldete eine Anwohnerin in der Kalmer Straße die erste Sichtung. Alfons hätte über ihrer Voliere auf einem abgestorbenen Baum gesessen. Sofort begab sich Mario zum nahegelegenen Sportplatz, um Alfons mit dem Federspiel zu rufen. Innerhalb weniger Sekunden flog der Habicht herbei – doch die Erleichterung über seine Rückkehr hielt nur kurz an. Auf der Faust des Falkners konnte sich der Vogel kaum halten; sein rechtes Bein taumelte stark.
Die Erstversorgung beim Tierarzt und die anschließende Behandlung in der Tierärztlichen Hochschule Hannover brachten die traurige Gewissheit: Alfons war durch das Projektil eines Luftgewehrs sehr stark verletzt worden. Aufgrund der Fundumstände sei davon auszugehen, dass der Tatort im südlichen Bereich von Groß Biewende liegt. „Der Täter nahm eindeutig in Kauf, dass der Habicht durch seine Schussverletzung jämmerlich eingehen würde“, so Mario weiter.
Trotz des Schocks über die Schussverletzung ist es Mario Hispalis ein Herzensanliegen, eine Sache unmissverständlich klarzustellen. Sein Aufruf richtet sich nicht gegen die Jäger vor Ort. Im Gegenteil. „Ich möchte auf keinen Fall, dass hier ein falscher Verdacht gegen die Jägerschaft entsteht – Jäger benutzen keine Luftgewehre“, betont er im Gespräch mit regionalHeute.de mit Nachdruck.
Ein langer, ungewisser Weg der Genesung
Für Alfons ist der Heilungsprozess noch lang und der Erfolg alles andere als sicher. Er verbringt seine Tage momentan in einer speziellen Kammer, wo er Ruhe findet und intensiv gepflegt wird. Die körperlichen Wunden heilen langsam, doch der Vorfall hat Spuren hinterlassen. Der einst so stolze und fokussierte Habicht sei schreckhafter geworden, das mühsam aufgebaute Vertrauen zwischen Mensch und Tier wurde durch den Vorfall erschüttert. Ob und wann er wieder frei fliegen kann, bleibt abzuwarten.
Wer am 13. November 2025 gegen 14:30 Uhr verdächtige Beobachtungen gemacht hat oder Hinweise geben kann, wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden.


