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Ankunft im Jugendgästehaus: Von Syrien nach Wolfenbüttel



Wolfenbüttel

Ankunft im Jugendgästehaus: Von Syrien nach Wolfenbüttel

von Jan Borner


Nabil, Fida und ihre Kinder kurz nach ihrer Ankunft in ihrem Zimmer im Jugendgästehaus (Die Namen der Personen wurden geändert). Fotos: Jan Borner/Privat
Nabil, Fida und ihre Kinder kurz nach ihrer Ankunft in ihrem Zimmer im Jugendgästehaus (Die Namen der Personen wurden geändert). Fotos: Jan Borner/Privat Foto: Jan Borner

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Wolfenbüttel. "Als wir ankamen und ich die Leute lächeln gesehen habe, habe ich mich plötzlich wohl gefühlt." Das sagte mir Fida, eine syrische Mutter, die mit ihrem Ehemann und ihren drei kleinen Kindern am Montag am Jugendgästehaus in Wolfenbüttel ankam. Nach ihrer Ankunft erzählte mir die Familie von ihrer Reise, wobei das Wort "Reise" ohne Frage eine hemmungslose Beschönigung für das ist, was die fünf in den letzten Wochen erlebt haben. Vor dem Lächeln lagen Wochen voller Strapazen und das nicht nur auf der Balkanroute, sondern auch hier in Deutschland.

Vor etwa einem Monat hat die fünfköpfige Familie ihre Heimat in Syrien verlassen. Mit einem Schlauchboot, so erzählte Fida, haben sie von der Türkei aus nach Griechenland übergesetzt, um von dort mit Bussen, Zügen und zu Fuß schließlich bis nach Deutschland zu kommen. Deutschland behandele Flüchtlinge gut, hatte sie gehört. Deswegen stand für sie fest, wo sie mit ihrer Familie Zuflucht finden wollte. Als unsere Dolmetscherin für einen Moment das Zimmer verließ, wollte Fida mich etwas fragen, das ich nicht ganz verstehen konnte. Sie deutete auf ihre Kinder und wiederholte die Wörter "Germany", "kids", "good?" Erst als unsere Übersetzerin sich wieder einschaltete, habe ich verstanden, worum es ihr ging und auch, warum es ihr wichtig war, bis nach Deutschland zu kommen. Sie fragte, ob ihre Kinder bald richtig deutsch lernen würden, ob sie eine gute Bildung bekommen könnten und es Ihnen gut gehen werde.


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Unterwegs hielt die Familie manche Orte auf ihrer Handy-Kamera fest. Foto: Privat


Griechenland


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Ein Platz, an dem die Familie genächtigt hat. Foto: Privat




Mehrere Wochen war die Familie unterwegs und wie so oft waren dabei auch Schleuser involviert, die den Menschen auf ihrer Reise zwar den Weg deuten, dafür aber auch versuchen, ihnen so viel wie möglich von dem zu nehmen, was sie noch haben. Als sie in der Türkei auf das Schlauchboot gestiegen waren, seien ihnen einige Wertsachen weggenommen worden. Wiederbekommen hätten sie die Sachen allerdings nicht. Stattdessen gab es eine gefährliche Überfahrt, bei der es nicht genügend Schwimmwesten für alle gab und bei der der Motor mitten im Meer für gut eine Stunde einfach ausgegangen sei. Der wohl schwierigste Teil ihrer Flucht, so die Familie, sei allerdings erst in Griechenland auf sie gekommen. Sieben Tage haben sie in dem Land verbracht - die ersten drei Tage ohne Essen. Zunächst habe die Familie unter einem Baum geschlafen, bis sie in einem Lager mit Zelten untergebracht worden seien. Eine ehrenamtliche Helferin habe ihnen dann auch etwas zu Essen gekauft. Die Nächte seien allerdings bitterkalt gewesen, Decken oder Matratzen habe es nicht gegeben, die Zelte seien komplett leer gewesen.

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Foto: Privat



Als ich Fida fragte, wie sie die Flucht mit ihren kleinen Kindern geschafft haben, sagte sie mir, dass ihr Mann ihren jüngsten Sohn auf den Schultern getragen habe, wenn sie zu Fuß unterwegs waren. Ihre beiden Töchter hätten den Weg schon alleine geschafft, nur die Kleinere der beiden habe sie manchmal getragen, wenn sie nicht mehr konnte. Als Fida erzählte, stand Alima, ihre älteste Tochter, mit am Tisch. Man merkte, dass sie etwas sagen wollte, als ihr Name fiel. Als es dann einen Moment ruhig war, sagte sie "Es war richtig dreckig" und versuchte mit ihren Armen zu verdeutlichen, wie viel Müll es gab. Gemeint war ein Platz, an dem sie in Griechenland geschlafen hatten. Dann sagte sie, dass es dort Leute mit Gewehren gab, die ihr und den anderen Kindern gesagt hätten, sie dürften nicht spielen und sollten sich wieder hinsetzen. Als unsere Dolmetscherin mir das übersetzte, sah ich, wie ihr langsam die Tränen kamen. Sie stockte kurz und bat um Entschuldigung. Alima schaute überrascht ihre Mutter an. Sie wollte niemanden zum Weinen bringen und wusste erst nicht, was sie tun sollte. Dann lief sie los ins Badezimmer, riss ein paar Blätter Toilettenpapier ab und brachte sie unserer Dolmetscherin, damit sie sich die Tränen wegwischen konnte.

Braunschweig


Über Mazedonien, Serbien und Ungarn kam die Familie nach Wien. Von hier aus sei es mit dem Zug weiter nach Deutschland gegangen bis zur Landesaufnahmebehörde in Kralenriede. "Braunschweig war nach Griechenland das schwierigste", sagte Fida. In der überfüllten Landesaufnahmebehörde habe es für die Familie weder Betten noch Matratzen gegeben. In der Kantine hätten sie einen Platz bekommen, wo sie auf den Fliesen schlafen konnten. Ihre drei Kinder hätten dafür Schlafsäcke bekommen, sie selbst deckten sich lediglich mit ihrer Kleidung zu. "Es hat gestunken", sagte Alima zwischendurch. Morgens früh, wenn die ersten Gruppen zum Frühstücken kamen, seien sie geweckt worden und haben ihren Platz verlassen müssen. Nur zwischendurch, wenn sie selbst mit dem Essen dran waren, hätten sie wieder hinein gedurft, bis sie sich dann spät abends zum Schlafen wieder auf die Fliesen legen durften. Andere Syrer, mit denen sie sich hätten unterhalten können, hätten sie nicht kennen gelernt, erklärte Fida.

Dass sie nun in Wolfenbüttel sind, sei ein großer Zufall, betonte Fida. Sie erzählte, dass sie einen Bus gesehen habe, von dem sie gehört habe, dass dort Syrer einstiegen. Als sie hinging um nachzufragen, sei sie und ihre Familie mit eingestiegen, bloß ein paar Stunden vor unserem Gespräch.

Als wir schließlich aufstanden, um uns zu verabschieden, sagte Fida, dass es ihr Leid tue. In Syrien, sei es Brauch, Gästen etwas anzubieten, aber sie hätten noch nichts zu Essen oder zu Trinken in ihrem neuen Zimmer. Ich wusste nicht ganz, was ich darauf sagen sollte.

Anmerkung der Redaktion: Die Namen der Personen wurden geändert.


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