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Auf Spurensuche: Wie eine israelische Familie ihre Wurzeln in Wolfenbüttel findet



Auf Spurensuche: Wie eine israelische Familie ihre Wurzeln findet

1935 floh der heute 98-jährige Alfred Rülf vor den Nazis aus Wolfenbüttel. Als Juden wurde seine Familie vertrieben. Seine Nachfahren begeben sich nun auf die Suche nach ihren Wurzeln.

von Niklas Eppert


Rami und Ronit Rülf vor dem Wolfenbütteler Rathaus. Bürgermeister Thomas Pink hatte die Familie eingeladen.
Rami und Ronit Rülf vor dem Wolfenbütteler Rathaus. Bürgermeister Thomas Pink hatte die Familie eingeladen. Foto: Niklas Eppert

Wolfenbüttel. Als die jüdische Familie Rülf 1934 Wolfenbüttel verließ, stand das Dritte Reich noch am Anfang. Was dann geschah, ist bekannt: Rassegesetze, Verfolgung, Krieg und Holocaust. Der heute 98-jährige Alfred Rülf hatte sich nach dem Krieg vorgenommen nie wieder nach Deutschland zu kommen. Doch das änderte sich mit der Zeit. In der vergangenen Woche waren Alfreds Sohn Rami und dessen Frau Ronit auf Einladung des scheidenden Bürgermeisters Thomas Pink zu Besuch in Wolfenbüttel. regionalHeute.de hat sich mit den Rülfs unterhalten.



Ansichten ändern sich, erklärt Rami Rülf, als wir uns über die Beziehung seiner Familie zu Wolfenbüttel unterhalten. Früher, noch weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, hätte gerade die Generationen seiner Eltern es für falsch gehalten, zurück nach Deutschland, in das Land der Täter, zu kommen. Heute habe sich das geändert. Sicher, es gebe noch einige Stimmen, die dem, was etwa die Rülfs machen, despektierlich gegenüber stehen. Aber Ahnenforschung sei heute in Israel an der Tagesordnung. Und die Rülfs, das jedenfalls berichten sie, sind begeistert von den Ergebnissen.
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"Wir konnten uns nicht vorstellen, wie viel wir hier lernen konnten", erklärt Ronit Rülf. So seien sie etwa zur jüdischen Gemeinde nach Braunschweig gefahren und hätten dort ein Gemälde von Ramis Vorfahren Guttman Rülf gefunden. Eine Bleistiftzeichnung des 1915 verstorbenen ehemaligen Braunschweiger Landesrabbiner hängt bis heute in der Gemeinde. Ein originales Ölgemälde des Rabbiners hat Ramis Vater Alfred bis heute in seinem Haus hängen. Das habe die Rülfs fasziniert.


Eine Generationenfrage


Dabei sei es nicht das erste Mal, dass Familie Rülf Wolfenbüttel besucht. Rami sei das erste Mal in den 1980ern an der Oker gewesen, damals auf Einladung eines Kindheitsfreundes seines Vaters. Später dann noch einmal zur Verlegung der Stolpersteine zum Gedenken an die Toten und Vertriebenen des Holocausts in Wolfenbüttel. Damals waren Rami und Ronit Rülf mit der ganzen Familie da. Ihre Kinder waren mitgereist, auch Ramis Bruder Yochanan und seine Schwester Tamy brachten ihren Nachwuchs mit. Am Ende kam die Reisegruppe auf mehr als 15 Mitglieder. Nur Alfred Rülf war nicht dabei. Das Alter.
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Schon damals waren die Rülfs auf Einladung von Thomas Pink in Wolfenbüttel. "Wir haben uns Sorgen gemacht, dass wir zu viele sind", erzählt Rami lachend, als er an den Besuch zurückdenkt. "Aber für die Stadt war das kein Problem. Sie haben unsere Kosten einfach übernommen." Die treibende Kraft dahinter sei Bürgermeister Pink gewesen. Man müsse ihm dankbar dafür sein, glauben die Rülfs. Er habe viel für das Gedenken an Wolfenbüttels jüdische Geschichte getan. Auch jetzt noch, im Spätherbst seiner Amtszeit. Er nehme sich abends Zeit für die Rülfs, treffe sie zum Essen. Das israelische Ehepaar kann sich keinen besseren Gastgeber vorstellen. Sie bedauern nur, dass der Rest der Familie nicht mitkonnte. An Pink habe das nicht gelegen, erzählen sie. Viel mehr hätte die Verwandtschaft keine Zeit freischaufeln können. Also fuhren Rami und Ronit zu zweit.

Dass das aber nachgeholt wird, da sind sich die Rülfs sicher. Ihre Kinder wollen selbst Ahnenforschung betreiben, stellten Fragen über Whatsapp. "Ich hatte Angst sie mit meinen vielen Urlaubsfotos zu nerven", erzählt Rami. "Aber sie fragen mich immer nach mehr!" Die nächste Generation will das vertiefen. Die Kinder des Ehepaars Rülf wollen definitiv so schnell wie möglich nach Wolfenbüttel kommen. Der Bewältigung der Vergangenheit könne das nur zuträglich sein, glaubt Ronit Rülf: "Man muss vergeben können. Aber vergessen niemals."

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