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Wie jüdische Mitbürger der Region den Antisemitismus erleben



Wie jüdische Mitbürger der Region den Antisemitismus erleben

Nicht erst seit dem neuestem Kapitel des Nahost-Konfliktes werden immer wieder Deutsche jüdischen Glaubens für das Handeln des Staates Israel verantwortlich gemacht. Doch hier hört der Antisemitismus nicht auf.

von Niklas Eppert


Im Mai wurde auch in unserer Region gegen die Antwort Israels auf Raketenangriffe der Hamas demonstriert. Oft genug werden deutsche Juden für das Handeln Israels verantwortlich gemacht.
Im Mai wurde auch in unserer Region gegen die Antwort Israels auf Raketenangriffe der Hamas demonstriert. Oft genug werden deutsche Juden für das Handeln Israels verantwortlich gemacht. Foto: Rudolf Karliczek

Region. Als vor einigen Wochen der Krieg zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas wieder entbrannte, kam es auch in Deutschland zu Protesten. Wo sich die Demonstrationen offiziell gegen das Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen richteten, eskalierten sie vielerorts in antisemitische Aktionen. Israelflaggen wurden verbrannt, Sprechchöre, die zur Ermordung von Juden aufriefen waren zu hören. Auch in unserer Region wurde protestiert. Hier kam es zwar kaum zu antisemitischen Straftaten, verschwunden ist der Judenhass jedoch keinesfalls. Er zieht sich quer durch die Gesellschaft. regionalHeute.de hat mit der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Braunschweig über die Situation gesprochen.



Seit dem 21. Mai schweigen die Waffen in Israel. Zuvor hatte die Hamas Tausende Raketen aus dem Gaza-Streifen auf israelische Städte und Dörfer geschossen, die israelische Armee hatte mit Luftangriffen geantwortet. Darauf waren in vielen Staaten außerhalb des Nahen Ostens Proteste entbrannt, vornehmlich gegen die Luftschläge Israels. Auch in Deutschland kam es zu Demonstrationen, bei denen es teilweise zu antisemitischen Ausschreitungen kam. Israelflaggen wurden verbrannt, Juden der Tod gewünscht, immer wieder das Bild des jüdischen Kindermörders bemüht.

Für Renate Wagner-Redding ist das wenig überraschend. Der Antisemitismus, so die 75-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Braunschweig, war nie weg. Er sei ganz unabhängig von Milieu und Herkunft immer in der Deutschen Gesellschaft geblieben. Gerade in Bezug auf Israel. Der Unterschied zu früher sei nun, dass er sich zunehmend Bahn breche, in der einen oder anderen Form. Früher, so Wagner-Redding, habe sie gesagt, dass die Braunschweiger Gemeinde auf der Insel der Glückseligen lebe. Das habe sich ein Stück weit geändert.


Der Antisemitismus war nie weg


Heute ziehe sich der Antisemitismus nach wie vor quer durch die Gesellschaft, durch Berufs- und Bevölkerungsgruppen. Vor allem die Gleichsetzung von Juden mit Israel sei nach wie vor geläufig. Renate Wagner-Redding kennt das nur zu gut. "Viele Leute sehen nicht ein, dass unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist und nicht der israelische Staatspräsident. Wir, die Mehrheit der hier in Deutschland lebenden Juden, sind Deutsche jüdischen Glauben." Sicher hätten viele Juden Freunde und Bekannte in Israel, man wisse, wie es dort aussieht. Einen Juden für die Politik in Israel verantwortlich zu machen, sei aber absurd.


Trotzdem bekam auch die jüdische Gemeinde in Braunschweig den wieder aufgeflammten Nahost-Konflikt zu spüren. Vor dem Zentrum der Gemeinde in der Braunschweiger Innenstadt fanden Demonstrationen statt, etwa von der rechtsextremen Splitterpartei "Die Rechte", die vorgeblich für die Palästinenser habe demonstrieren wollen. Für Wagner-Redding sei das nichts Neues. "Immer wenn der Gaza-Konflikt wiederkommt, dann wird es auch hier radikaler." Das hätten dann die deutschen Juden auszubaden. Auf der anderen Seite habe die Gemeinde auch viel Solidarität erfahren. Bei der Demonstration der "Rechten" etwa, hätten Gegendemonstranten einen Schutzring vor dem Eingang der Gemeinde gebildet, die Gemeinde erhalte Anrufe und E-Mails, in denen Menschen ihr ihre Sympathie aussprechen. Die wenigsten Mitteilungen seien Hassnachrichten. Aber auch die erhalte man natürlich. "Wir können damit aber nicht die Wände tapezieren, wie zum Beispiel der Zentralrat der Juden."

Immer mehr antisemitische Gewalttaten


Bei Hassnachrichten bleibt es jedoch nicht immer. Laut Daten des Bundesinnenministeriums steigt die Zahl antisemitisch motivierter Gewaltdelikte seit 2015 immer weiter an. War die Zahl damals noch um gut 200 auf 1.366 Delikte im Jahr 2015 gesunken, sei sie bis 2020 auf etwa 2032 gestiegen. Dazwischen war der Trend kontinuierlich nach oben gegangen. Im Gebiet der Polizeidirektion Braunschweig, das die Inspektionen zwischen Gifhorn im Norden und Goslar im Süden umfasst, seien 2021 bislang 33 antisemitische Delikte festgestellt worden. 31 davon kämen aus dem Bereich Rechtsextremismus, eine sei religiös motiviert gewesen und eine weitere habe keinem Milieu zugeordnet werden können.


Renate Wagner-Redding steht seit 25 Jahren der jüdischen Gemeinde in Braunschweig vor. Der Antisemitismus, so glaubt die 75-Jährige, war nie weg.
Renate Wagner-Redding steht seit 25 Jahren der jüdischen Gemeinde in Braunschweig vor. Der Antisemitismus, so glaubt die 75-Jährige, war nie weg. Foto: Niklas Eppert


Dabei konnte eine dieser Straftaten in Wolfsburg direkt auf den Nahost-Konflikt zurückgeführt werden. Zu ähnlichen Vorfällen kam es demnach auch am Rand von Demonstrationen in Salzgitter, hier seien die Verfahren aber wieder fallengelassen worden. Die Staatsanwaltschaft habe sie als "straflose Israelkritik" behandelt. Insgesamt habe man aber keine Zunahme solcher Delikte im Rahmen der Kampfhandlungen zwischen Hamas und Israel im Mai feststellen können.

Bildung ist der Schlüssel


Trotzdem sitzen die antisemitischen Vorurteile tief, glaubt Wagner-Redding. Um dagegen anzukommen, benötige es vor allem eins: Bildung. Gerade Querfronten, die sich zwischen Islamisten, Hamas-Sympathisanten und deutschen Rechtsextremen bildeten, zeigten, wie viele Chancen hier verpasst worden seien. Die jüdische Geschichte in Deutschland beschränke sich im Schulunterricht vor allem auf die Zeit von 1933 bis 1945. Die restlichen anderthalb Jahrtausende würden oft genug ausgeblendet. Das trage dazu bei, deutsche Juden nach wie vor als etwas anderes wahrzunehmen, eine Gruppe die außerhalb der Gesellschaft stünde. Dabei hätten Juden über Jahrhunderte an der Deutschen Geschichte mitgearbeitet. "Sehen Sie sich die Liste der Deutschen Nobelpreisträger an. Mehr als 20 davon waren Juden", betont Wagner-Redding, "Das haben sie ja nicht für sich gemacht. Die haben für ihr Land gearbeitet."

Heute käme noch der importierte Antisemitismus zum etablierten Antisemitismus. Die Vernichtung Israels sei in vielen vorwiegend muslimischen Gesellschaften des Nahen Osten als politisches Ziel verwurzelt. Hier habe die Politik verfehlt, den Zugewanderten, die so denken, ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln. "Es nutzt nichts, wenn ich ihnen nur die Sprache beibringe", so Wagner-Redding, "Man muss auch ein Geschichtsbewusstsein schaffen. Man muss ihnen beibringen, was Freiheit heißt, was Gleichberechtigung heißt. Das ist, bei der Flut an Menschen, die damals kam, bis zum heutigen Tag vergessen worden."

"Man muss sich nicht lieben. Aber respektieren."


Dabei betont sie ausdrücklich, dass sie sich gegen Verallgemeinerungen wehrt. Die Menschen müssten individuell gesehen werden. Den Flüchtlingen sei damals das zu Gute gekommen, was den Juden im Hitler-Regime gefehlt habe: Die Solidarität anderer Staaten. Und doch gebe es Wissen, das in einem anderen Kontext erlernt worden sei. Wer sein Leben lang mit Hass auf Juden aufwachse, der verlerne das nicht einfach so. Gerade im Erwachsenenalter.

Dabei sei der Kontakt mit muslimischen Gruppen in der Region gut. Man besuche sich gegenseitig, vor Corona habe es gemeinsame Veranstaltungen gegeben. Immer wieder würde betont, dass die Gemeinden zueinanderstünden. In den letzten Jahren sei es auch zunehmend zu Aufrufen muslimischer Gemeinden gekommen, Juden nicht mit Israel gleichzusetzen. Für sie ein Schritt in die richtige Richtung. Es müsse ja nicht gleich die große Liebe zwischen allen Menschen sein, glaubt Wagner Redding: "Man muss sich nicht lieben. Aber akzeptieren. Das ist mein Standardspruch."


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