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Bin ich positiv oder nicht?: Ein Leben im Limbus



Bin ich positiv oder nicht?: Ein Leben im Limbus

Ein Mitglied unserer Redaktion war an Corona erkrankt und hält nun seine Erfahrungen in einer Kolumne fest.

Ein positiver Corona-Selbsttest.
Ein positiver Corona-Selbsttest. Foto: regionalHeute.de

Region. Zunächst vorweg: Ich bin Teil der Redaktion von regionalHeute.de. Andererseits möchte ich zum Schutze meiner Selbst, als auch anderer, anonym bleiben. Mit dieser Kolumne möchte ich vor allem meine Gedanken, meine Gefühlslage und mein Befinden im Rahmen meiner Coronaerkrankung festhalten und hinaus in die Welt tragen.



Freitagmorgen, 6 Uhr, Beginn der Frühschicht: Das bedeutet für mich das Schreiben der aktuellen Coronazahlen und das Pflegen des Corona-Tickers. Normalerweise gelingt mir das gut, doch an diesem Morgen stimmt etwas mit mir nicht. Während ich also über neue Infektionen und Gott sei es geklagt, Todesfälle schreibe, merke ich, dass meine Nase läuft, mir mein Schädel brummt und ich mehr huste, als der Cowboy aus der Marlboro-Werbung – Ich rauche übrigens nicht. Treu und pflichtbewusst, wie ich nun mal bin, denke ich mir: "Dein Soll musst du auf jeden Fall erfüllen“, denn zu diesem Zeitpunkt bin ich allein. Also halte ich es bis acht Uhr aus, bevor ich mich krankmelde und beim Arzt einen Termin vereinbare.

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"Ich kenne meinen Körper: Das ist locker eine fette Erkältung, wie ich sie schon länger nicht hatte. Aber zur Not – ich schreibe ja jeden Tag über das Thema – sollte ich einen Test machen“, denke ich, zücke einen Test heraus und erstaune: Ein Stück faltbare Pappe, in der auf einer Seite ein Teststreifen befestigt und auf der anderen ein Loch, in dem das Stäbchen einzuführen ist, halte ich in der Hand. Ein seltsames Ding. Faltet man die Pappe, berühren sich Stäbchen und Streifen und es wird ein Ergebnis angezeigt. In meinem Fall: positiv. Verdammt! Und dabei bin ich doch geimpft. Beim Arzt gibt es dann noch einen Test: Stäbchen in den Zinken und in den Rachen. Nach fünf Minuten in einem isolierten Raum werde ich eiskalt in die Kälte des noch jungen Dezembers entlassen. Die Situation ist verquickt: Bekomme ich bis Samstagabend keinen Anruf ist alles dufte. Bin ich positiv, bekomme ich einen Anruf. Ich warte also wie bestellt und nicht abgeholt. "Rufen Sie aber am besten nochmal Montag an“, meint der Arzt zu mir. "Na toll, das Wochenende ist gelaufen. Kein Komasaufen auf dem Spielplatz mit den Besten und so“, denke ich mir und nehme die Situation dennoch weiterhin mit Humor. Was anders bleibt mir ja nicht übrig.

Wer kommt zu meiner Beerdigung?


Symbolbild.
Symbolbild. Foto: Rudolf Karliczek



Mir fällt ein, dass es in der Nähe einen Friedhof gibt. Auf diesem – ich bin allein, trage eine passende Maske und halte natürlich Abstand, bevor hier jemand rummeckert. Wobei, was rede ich hier? Es wird eh jemand meckern – besuche ich die Gräber von Verwandten. Ich bete ein paar Vaterunser und danach kommen mir morbide Gedanken hoch: "Der Friedhof ist ein Aasgeier, der die abholt, bei dem der Arzt keinen Erfolg hatte – oder vielleicht doch, je nachdem welchen Arzt man aufsucht. Psychopathen gibt es bekanntlich überall. Werde ich da demnächst auch liegen? Wer kommt zu meiner Beerdigung und was ziehe ich an? Am liebsten hätte ich ein eigenes Mausoleum, in dem ich als zentrales Ausstellungsstück ausgestopft in toller Pose dastehe und nicht so faul rumliege, wie Lenin in Moskau. Wird das Logo von regionalHeute.de schwarz gefärbt werden? Hatten am Ende doch die Impfgegner recht? Dem chinesischen Nationalkommunismus habe ich mich nicht anheimgegeben und mein Herz schlägt immer noch Schwarz-Rot-Gold. Mit einem magnetischen Arm kann ich leider noch nicht aufwarten, was meiner Zirkuskarriere einen beträchtlichen Schaden zugefügt hat.

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Was ist mit den Zeugen Coronas? Durch den Ablasshandel mit der Impfung habe ich weder mein Seelenheil, noch die Sünden meines ungeimpften Daseins bereinigt bekommen. Memento Mori, Vanitas, Carpe Diem: Alle Begriffe schießen mir jetzt durch den Kopf. Ich möchte nicht sterben, aber wenn es so kommen sollte, Gott bewahre, dann kann ich auch nicht viel ändern. Et kütt wie et kütt“. Ich stehe da vor dem Grabe und mir fällt das Lied "Fernando Pando“ von The Virgins ein, in dem es heißt "I wonder what they think of life, when they are looking down“.

Was sollen die Nachbarn sagen?


Ein negativer Corona-Lutschtest mit zwei Fenstern.
Ein negativer Corona-Lutschtest mit zwei Fenstern. Foto: regionalHeute.de


Ich verlasse den Friedhof, halte noch einmal inne und rufe alle Menschen an, mit denen ich Kontakt hatte. Angst habe ich vor ihren Reaktionen. Was werden sie sagen? Werden sie mir Vorwürfe machen? Pustekuchen: Alle nehmen es locker auf, sagen mir teilweise, dass sie sich bereits getestet hätten und dass sie negativ seien. Ein Stein fällt mir vom Herzen. "Warum bin ich denn angeblich positiv?“, frage ich mich, und bezweifle den ersten Test. So ganz koscher war der nicht. Also mache ich noch zwei Tests und siehe da: ungültig, obwohl ich alles so gemacht habe, wie beschrieben. Gefühlt sind die Preise pro Test zudem um das doppelte gestiegen: Fünf Euro pro Stück nun. Die nehmen es ja beim Lebendigen. "Wucher, für so einen Chinakrams“, denke ich mir in meinem erbosten Zustand. Dann kommt der Lutschtest und es ist mittlerweile Samstagabend. Kein Anruf, viel Tee, viele Videospiele und viel Ruhe. Mir geht es besser und siehe da: negativ! Aber so richtig toll fühle ich mich noch nicht.

Immer schön positiv bleiben


Also bleibe ich zu Hause und mache Sonntag einen weiteren: positiv. Was das zweite Fenster bei so einem Lutschtest aussagen soll, steht nirgends. Zumindest finde ich dazu nirgends eine Information. Auf jeden Fall sind in beiden Fenstern jeweils zwei Striche zu sehen, womit mir der Tod sagen möchte: "Junge, du kannst bald den Jordan überqueren“. Na ja, aber der Tod hat nicht mit der Impfung von Johannes und Johannes gerechnet. Es ist derweil Sonntagabend. Kein Anruf. Dafür nur noch Ungewissheit, ein kaputtes Wochenende und 25 Euro weniger in der Tasche, die ich für zwielichtige Tests ausgegeben habe. "Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! Und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen“. Es ist Montag, ich rufe beim Arzt an und jetzt steht fest: Ich bin positiv. "Melden Sie sich beim Gesundheitsamt Braunschweig“, sagt die Dame am Telefon. Ich rufe an und die Leitung ist blockiert. Insgesamt fünf Anrufe und zwei E-Mails später, dann endlich die Erkenntnis im Delirium: Ich sollte beim anderen Gesundheitsamt anrufen, da ich woanders wohne. Das ist natürlich trivial, aber wenn einem gesagt wird, dass das Gesundheitsamt in Braunschweig damit beschäftigt wird, glaubt man natürlich den Autoritäten. So wurden wir ja schließlich die letzten zwei Jahre erzogen. Es klingelt, eine nette Dame geht ran, geht mit mir alles durch und jetzt heißt es abwarten, Tee trinken und schön positiv bleiben, um am Ende negativ zu sein. Eine Fortsetzung folgt.


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