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Das Assebergwerk schließen - mit Mut zur Ehrlichkeit



Das Assebergwerk schließen - mit Mut zur Ehrlichkeit



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Unsere Leserin Gunda Reichenbach aus Wolfenbüttel schickte uns folgende Rezension zum Buch "Die Asse - Werte, Wahrheiten, Widersprüche", von Rainer Gellermann erschienen im Verlag epubli Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-6528-6, 40 Seiten. Diesen veröffentlichen wir ungekürzt und unkommentiert. 

Rainer Gellermann, Physiker und Fachmann für die Sanierung radioaktiver Altlasten, beleuchtet in seinem "Versuch über kein Endlager" anhand von Kategorien ideeller Werte das Geflecht von parteipolitischen, bürgerbewegten und fachlichen Bestrebungen bei der Planung zur Schließung des Asse-Bergwerks. Das Buch ist für Laien geschrieben und nicht sehr umfangreich, aber keine schnelle Lektüre. Dafür liefert es reichlich Denkanstöße. Die Schrift füllt eine Lücke, weil sie Widersprüche und offene Fragen in der Argumentation aller derzeit tätigen Akteure verdeutlicht - mit Respekt, ohne Polemik und auch ohne Anspruch auf eine absolute Wahrheit. Wer konstruktiv mitdenken möchte und holzschnittartigen Ansagen eher misstraut, sollte dieses Buch lesen!


Auch wenn man die politische Entscheidung für die Rückholung akzeptiert, ist nicht zu leugnen, dass die Argumentationskette, die dazu führte, lückenhaft und widersprüchlich ist. Die Entscheidung lässt sich mit politischen Zielen begründen, nicht mit Sach- und Fachargumenten. Nachvollziehbar ist sie, wenn man der Verbindung von Energiepolitik (die Ablehnung der Atomenergie) zu dem Spezialfall Asseschacht folgen mag, wie sie insbesondere von der Partei Bündnis 90/Die Grünen hergestellt wird. "Der große gesellschaftliche Konsens zur Rückholung der Asse-Abfälle" ist ein parteipolitischer Konsens, der nicht zum Beispiel durch eine Bürgerbefragung überprüft wurde. Er beruht auf dem veröffentlichten Credo, dass das Heraufholen der Abfälle, neu Verpacken und die oberirdische Lagerung auf unbestimmte Zeit weniger Schadens-Potenzial aufweisen, als es bei einem optimierten Verbleib der Abfälle unter Tage möglich wäre und vor allem, dass dadurch nachfolgende Generationen für lange Zeit (Hunderte, Tausende ... Jahre) ohne Angst vor radioaktiver Strahlung in der Umgebung der Asse leben könnten.

Ergänzt werden sollte in diesem Zusammenhang, dass das "Lex Asse" aus dem Jahr 2012 darauf abzielt, die Rückholung des Asse-Mülls zu beschleunigen. Es sagt nichts darüber aus, wohin diese Abfälle gebracht werden sollen. Das Standortauswahlgesetz aus diesem Jahr bezieht sich auf die Auswahl endgültiger Lagerplätze für hochradioaktive Abfälle, zum Beispiel abgebrannte Brennelemente, nicht auf die schwach- und mittelaktiven Reste aus der Asse.

Höchst bedauerlich ist, dass die politisch Verantwortlichen nicht VOR der Entscheidung zur Rückholung des Asse-Mülls einen zeitlichen und organisatorischen Rahmen geschaffen haben, der eine gründliche öffentliche Diskussion und Abwägung Aller Risiken ALLER denkbaren Alternativen für eine Schließung des Asse-Schachts ermöglicht hätte und zwar unter Berücksichtigung des oberirdischen Verbleibs des radioaktiven und chemotoxischen Inventars und ohne die Hilfskonstruktion eines fiktiven Endlagers. Diese Unterlassung wird sich rächen, spätestens, wenn die Luft in der Umgebung der Asse erhöhte Aktivitätswerte zeigt. Es gibt Hinweise darauf, dass die erfolgreiche Dämonisierung jeglicher Radioaktivität auch beim übertägigen Umgang mit dem Assemüll einer nüchternen und sachlich begründeten Risikominimierung im Wege steht. Wer das Unmögliche fordert - nämlich ewige, absolute Sicherheit - verhindert das realistisch Mögliche.

Bedauerlich ist ebenfalls, wie Rainer Gellermann mit Recht anmerkt, dass die Experten versäumt haben, sich wirkungsvoll gegen die Einführung des Begriffs "Langzeitsicherheitsnachweis" zu wehren. Ein Nachweis im naturwissenschaftlichen Sinn ist etwas völlig anderes, als das Ergebnis einer Modellrechnung über einen Zeitraum von -zig Tausend Jahren auf der Basis von zahlreichen prognostischen Annahmen, die neben geophysikalischen und hydrochemischen auch wirtschaftliche und politische Faktoren umfassen müsste.

"Der Widerspruch zwischen staatlich verkündeter und individuell empfundener Wirklichkeit ... war ein Punkt, der Misstrauen säte ...". Dieser Satz bezieht sich bei Gellermann auf die Einlagerung des Atommülls in die Asse, trifft aber ebenso auf die derzeitige Situation bei der Rückholungsplanung zu.


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