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Bundesweite Lernplattform-Pannen: Wie sicher ist Homeschooling in Niedersachsen?

Viele Bundesländer setzen auf staatliche digitale Lernplattformen für ihre Schulen - mit zweifelhaftem Erfolg. In Niedersachsen dominiert die Plattform des Braunschweiger Unternehmens "IServ" und konnte sich in der Lockdown-Feuerprobe behaupten.

von Marvin König


Jörg Ludwig ist Gründer und Geschäftsführer von IServ in Braunschweig.
Jörg Ludwig ist Gründer und Geschäftsführer von IServ in Braunschweig. Foto: Alexandra Siering/IServ Gmbh

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17.12.2020

Braunschweig / Region. Gleich in zwei Bundesländern kam es in der laufenden Woche zum Eklat. Sowohl die Lernplattform MEBIS des Freistaats Bayern als auch das Schleswig-Holsteiner System "itslearning" gingen schon am Montag angesichts des Ansturms in die Knie. Viele Schulen in Niedersachsen greifen auf die IT-Lösung des Braunschweiger Unternehmens IServ zurück, das die Feuerprobe des Distanzunterrichts in dieser Woche besser meistern konnte als die staatlichen Lernplattformen. Das Unternehmen greift auf 20 Jahre Erfahrung zurück. Firmengründer Jörg Ludwig erklärt im Interview mit regionalHeute.de, wie es zu diesem Erfolg kam.



Entstanden ist IServ nicht bei einem Software-Giganten in Silicon Valley, sondern in Braunschweig. Die Erfolgsgeschichte begann 2001 in einem Schüler-Projekt. Aus den Siegern von "Jugend forscht" wurde ein innovatives Start-up. Firmengründer Jörg Ludwig erinnert sich: "Wir hatten einen sehr engagierten Lehrer der damals ein Adminteam ins Leben gerufen hat in seiner Schule. Der hat dann angefangen, E-Mail Lösungen für unsere Schule zu bauen aus denen dann nach und nach IServ entstanden ist."

Was kann IServ?


Heute ist IServ eine Schulplattform, die Werkzeuge aus sehr vielen unterschiedlichen Bereichen zusammenstellt und damit Schule umfassend digitalisieren soll. "Wir digitalisieren Schule in 45 Minuten", lautet das Versprechen von IServ. "Wir haben das aufgeteilt in vier verschiedene Bereiche: Kommunikation, da haben wir zum Beispiel eine E-Mail Funktion für alle Benutzer und einen Messenger. Dann haben wir den Bereich Organisation, wo die Schule einfach viele Prozesse automatisieren kann zum Beispiel Gruppenkalender, Klausurplanung und so weiter. Dann gibt es einen Bereich, der in den letzten zehn Jahren sehr groß nachgefragt war, das ist die Verwaltung des ganzen lokalen Netzwerks an der Schule. Da können wir den Administrator sehr stark entlasten und einfach viel Zeit einsparen", schildert Ludwig und ergänzt: "Jetzt während Corona ist der wichtigste Punkt das Thema Unterricht. Da bieten wir auch vielfältige Werkzeuge, um den Unterricht zu vereinfachen, jetzt zum Beispiel Videokonferenzen, die wir neu eingebaut haben, dann ein Hausaufgabenmodul mit dem man das Fernlernen machen kann, aber auch einfach Zugänge zu Online-Medien und Werkzeuge um gemeinsam kollaborativ Texte zu erstellen."

Länder wollen lieber eigene Systeme entwickeln


Verbreitet habe sich IServ in den ersten Jahren nach seiner Gründung hauptsächlich über Mundpropaganda. "Die ersten 500 Schulen haben quasi bei uns angerufen und den Server bestellt, wir haben damals noch gar keine Werbung dafür gemacht", erzählt Ludwig dazu. Inzwischen setzen rund 4.500 Schulen in ganz Deutschland auf die Braunschweiger IT-Lösung. "Wir haben uns früher hauptsächlich auf der Schulebene direkt bewegt, mit den einzelnen Schulen wirklich Lösungen aufgebaut. Inzwischen sind wir auch sehr auf der Schulträgerebene unterwegs, das heißt, dass wir gleich stadtweit versuchen die Lösungen umzusetzen", so Ludwig zum Werdegang. "Was im Moment noch nicht so gut läuft ist auf Landesebene Lösungen zu schaffen, da wollen die meisten Länder lieber eigene Plattformen anbieten, da sind wir in Gesprächen, aber da ist IServ jetzt noch nicht flächendeckend vertreten."


Inzwischen ist IServ an vielen Schulen in Deutschland vertreten. Foto: IServ GmbH



Wieso ist IServ nicht zusammengebrochen?



Durch den Beginn des Heimunterrichts für viele Schulen ab vergangenem Montag - Am Dienstag wurden in Bayern die Schulen geschlossen - stieg auch die Belastung der Server, welche die Schulangebote bereitstellen sollten. Die Systeme in Bayern und Schleswig-Holstein hielten dieser Belastung nicht Stand. "Durch das plötzliche Homeschooling ist tatsächlich jetzt bei allen Anbietern die Last extrem gestiegen, wir beobachten da locker eine Verzehnfachung in den Zugriffen", berichtet Ludwig. Was IServ von den anderen Anbietern unterscheidet sei die dezentrale Aufstellung der Serverstruktur. "Jede Schule betreibt ihren eigenen Server, dadurch verteilt sich die Last natürlich extrem gut. Wir haben da die Beobachtung gemacht, dass 95 Prozent der Schulen im Moment sehr gut laufen." Mit den restlichen 5 Prozent stehe man in engem Kontakt, um Lösungen zu finden.

Über eineinhalb Millionen Videokonferenzteilnehmer


Lediglich für die neu implementierten Videokonferenzen gebe es eine zentrale Infrastruktur. "Die hosten wir selbst im Rechenzentrum, weil die Ressourcen an den Schulen so gar nicht dafür da gewesen wären", erklärt Ludwig und berichtet: "Da haben wir jetzt auch extreme Zugriffe, wir waren am Montag bei einer Million Teilnehmern bei den Videokonferenzen, am Dienstag auch wieder sehr viele." Am Mittwoch habe es dann über den Tag verteilt über eineinhalb Millionen Nutzer gegeben. Das sei gelungen, da man die Serverkapazitäten am vergangenen Wochenende noch einmal deutlich verstärkt habe.

Was passiert mit den Daten der Schülerinnen und Schüler?


E-Mails, Schulnoten, Zugangsdaten, aber auch persönliche Daten, Adressen, Chats - das alles läuft bei IServ durchs Netz. Durch die Homeschooling-Zeit umso mehr. Aus diesem Grund habe man bei IServ schon 2013 angefangen, die gesamte Plattform datenschutzrechtlich zu überprüfen. "Das war lange bevor die DSGVO kam. Da mussten wir dann im Prinzip nur noch die Paragrafen einmal in der Dokumentation austauschen. Da sind wir auf jeden Fall auf der sicheren Seite", kommentiert Ludwig und sieht noch einen weiteren Vorteil: "Wir sind da wieder durch den dezentralen Ansatz im Vorteil. Es gibt gar nicht den zentralen Server wo jetzt alle Schülerdaten liegen, sondern jede Schule hat selbst die Daten unter ihrer eigenen Kontrolle."

Deutschland bei Digitalisierung Schlusslicht


Nach einer Sonderauswertung der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hatten in Deutschland nur 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler Zugang zu einer Onlinelernplattform. International waren es mehr als 54 Prozent. Hierüber berichtete unter anderem "Die Zeit". "Deutschland hängt beim Thema digitale Bildung hinterher, das hat vielfältige Gründe - das Thema wurde von der Politik lange nicht so richtig ernst genommen", meint Ludwig. Man freue sich, dass sich durch die Pandemie die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Digitalisierung sehr viele Vorteile bieten kann. "Auch abgesehen vom Homeschooling wird auch in Zukunft damit viel passieren. Man muss keine Bücher mehr herumschleppen, man kann gemeinsam an Dokumenten arbeiten, das bietet sehr viele Vorteile. Aber wir stehen da noch am Anfang", blickt Ludwig in die Zukunft. Dafür fehle aber noch vieles, sowohl die passenden Endgeräte für Schüler und Lehrer als auch die entsprechenden Unterrichtskonzepte. "Und parallel werden wir natürlich die Software weiterentwickeln und auch neue Anwendungsgebiete erschließen", verspricht der IServ-Gründer abschließend.


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