Region. Der Deal beginnt oft mit einer Nachricht auf dem Handy. Ein Angebot, ein Preis, ein kurzer Austausch. Was früher sichtbar im öffentlichen Raum stattfand, läuft heute zunächst digital – und endet doch meist an Orten, die kaum auffallen. Parks, Parkplätze, Wohnungen oder Lieferungen per Post: Der Drogenhandel hat sich verändert, verschwunden ist er nicht.
Für Ermittler zeigt sich ein klarer Wandel: Der Drogenhandel wird zunehmend über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste organisiert, bleibt aber in seiner Umsetzung eng an reale Treffpunkte gebunden. Digitale Kommunikation dient dabei als Einstieg, Koordination und Absicherung zugleich. Entscheidend ist, wie schnell aus einem anonymen Kontakt eine konkrete Übergabe wird – und wie flexibel sich diese Strukturen anpassen.
Kontakt entsteht digital
Am Anfang steht heute häufig das Smartphone. Plattformen wie Snapchat, Instagram oder TikTok sowie Messenger-Dienste wie WhatsApp, Signal oder Telegram fungieren als Zugang zu einem Markt, der sich zunehmend in den digitalen Raum verlagert – zumindest in der Anbahnung. Die Kontaktaufnahme erfolgt oft niedrigschwellig: Direktnachrichten, Gruppen oder geschlossene Kanäle dienen dazu, Angebote zu verbreiten oder gezielt Käufer anzusprechen. Häufig ist dieser erste Kontakt für Außenstehende kaum sichtbar.
Darauf verweist auch Josephine Diederichs, Pressesprecherin des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen: „Im Zeitalter der Digitalisierung und der einhergehenden täglichen und umfänglichen Nutzung sozialer Netzwerke und Messenger-Dienste ist es folgerichtig, dass auch der Drogenhandel über derartige Kommunikationsmittel erfolgt.“ Im nächsten Schritt verlagert sich die Kommunikation in private Chats. Dort werden Preise, Mengen und Treffpunkte abgestimmt. Diese Struktur sorgt dafür, dass der eigentliche Handel fragmentiert und schwer nachvollziehbar bleibt.
Öffentliche Orte und Wohnungen
So digital der Einstieg ist – die Übergabe bleibt real. Ein zentrales Merkmal des heutigen Drogenhandels ist dabei die Flexibilität der Übergabeorte. „Je nach Sachverhalt finden Übergaben sowohl auf öffentlichen Plätzen aber auch in Wohnungen statt“, sagt Sascha Repp von der Polizeiinspektion Braunschweig.
Nach Erfahrung des LKA reicht das Spektrum von Bahnhöfen, Parks und Diskotheken bis hin zu Übergaben im Auto oder an der Haustür. Auch sogenannte „versteckte Ablagen“ an abgelegenen Orten werden genutzt – etwa hinter Gebäuden, in Grünanlagen oder an schwer einsehbaren Stellen. Diese Orte sind bewusst so gewählt, dass sie im Alltag nicht auffallen. Übergaben erfolgen oft innerhalb weniger Minuten, teilweise ohne längeren Kontakt zwischen Käufer und Verkäufer. Genau diese Unauffälligkeit erschwert eine gezielte Beobachtung durch Ermittler.
Lieferung per Post und direkte Kontakte
Neben persönlichen Übergaben entwickelt sich ein weiterer Vertriebsweg, der besonders schwer zu kontrollieren ist: die Lieferung. „Einige haben dabei direkten Kontakt zu Dealern, andere bekommen die Substanzen geliefert (auch einfach per Post)“, erklärt Florian Kregel von der Jugend- und Drogenberatung Drobs in Braunschweig.
Der Postversand oder die direkte Zustellung erweitern die Möglichkeiten des Handels erheblich. Käufer müssen nicht mehr zwingend an einem Treffpunkt erscheinen, sondern können Substanzen anonym bestellen und empfangen. Aus Sicht der Suchthilfe zeigt sich hier ein zentraler Wandel: Viele Konsumenten nutzen mehrere Bezugswege parallel – digitale Kontakte, persönliche Übergaben und Lieferungen. Dadurch wird der Zugang stabiler und unabhängiger von einzelnen Anbietern.
Drogenhandel über Social Media aufdecken
Für die Polizei stellt diese Entwicklung eine doppelte Herausforderung dar. Der Handel findet nicht mehr an klar definierten Orten statt, sondern verteilt sich auf digitale Kommunikation und kurzfristige reale Übergaben. „Straftaten im digitalen Raum stellen fortwährend ein komplexes und dynamisches Phänomen dar“, so Diederichs vom Landeskriminalamt Niedersachsen.
Täter nutzen Pseudonyme, verschleiern ihre Identität über technische Mittel wie VPN-Dienste oder das Tor-Netzwerk und kommunizieren über verschlüsselte Messenger. Gleichzeitig ermöglicht die digitale Infrastruktur eine größere Reichweite und schnellere Anpassung an neue Bedingungen. Ermittlungen setzen deshalb an verschiedenen Punkten an. Digitale Spuren – etwa Kommunikationsverläufe oder Kontaktstrukturen – können erste Hinweise liefern. Gleichzeitig spielen klassische Ermittlungsansätze eine zentrale Rolle.
Hinweise aus anderen Fällen
Besonders relevant sind Situationen, in denen sich digitale Absprachen in reale Übergaben übersetzen. Genau dort wird der Handel angreifbar – etwa durch Beobachtungen, Kontrollen oder Maßnahmen im Umfeld von Treffpunkten. Hinzu kommt: Viele Verfahren entstehen aus bereits laufenden Ermittlungen. Hinweise aus anderen Fällen, sich überschneidende Netzwerke oder wiederkehrende Kontaktstrukturen führen dazu, dass einzelne Akteure identifiziert werden können.
„Zu Ermittlungsschwerpunkten oder Maßnahmen können aus ermittlungstaktischen Gründen keine weitergehenden Angaben gemacht werden“, so Diederichs weiter.
Digitaler Drogenmarktplatz
Parallel zur veränderten Organisation hat sich auch das Angebot deutlich erweitert. Der digitale Raum fungiert zunehmend als offener Marktplatz, auf dem unterschiedliche Substanzen parallel angeboten werden. Neben klassischen Drogen wie Cannabis, Kokain oder Amphetaminen rücken insbesondere verschreibungspflichtige Medikamente stärker in den Fokus.
„Eine besondere Rolle spielen dabei verschreibungspflichtige Medikamente, insbesondere Schmerz- und Beruhigungsmittel wie Oxycodon oder Alprazolam“, sagt Florian Kregel von der Drobs in Braunschweig. Diese Entwicklung zeigt, dass der Markt nicht mehr auf einzelne Stoffe begrenzt ist. Vielmehr entsteht ein breites Angebot, das sich flexibel an Nachfrage und Trends anpasst. Digitale Kanäle erleichtern dabei die Verfügbarkeit und den Zugang zu unterschiedlichen Substanzen.
Falsche Sicherheit und steigender Zugang
Gerade beim Handel mit Medikamenten sieht die Suchthilfe erhebliche Risiken. Viele Konsumenten gehen davon aus, geprüfte und originale Präparate zu erhalten. „Oft wird nämlich vermutet, dass in einer Blisterpackung auch nur die beschriebenen Medikamente drin sein können. Dies ist oft aber leider nicht der Fall.“
Gefälschte oder verunreinigte Substanzen erhöhen das Risiko zusätzlich. Gleichzeitig führt die einfache Verfügbarkeit dazu, dass der Zugang insgesamt leichter geworden ist. „Ja diese Veränderungen beobachten wir bereits seit einigen Jahren. Über diverse digitale Angebote, vom Messenger bis zum Darknet, haben alle Altersgruppen immer leichteren Zugriff auf psychoaktive Substanzen“, so Kregel weiter. Die Folge: Der Erstkontakt erfolgt schneller, der Konsum wird leichter zugänglich und die Hemmschwelle sinkt.
Keine Verlagerung, sondern neue Strukturen
Trotz der zunehmenden Bedeutung digitaler Kanäle sieht die Polizei keine vollständige Verlagerung des Drogenhandels ins Internet. Digitale und klassische Vertriebswege bestehen parallel und ergänzen sich. Der Kontakt entsteht häufig im Chat, die Übergabe folgt im realen Raum – oft kurzfristig, oft unauffällig. Treffpunkte wechseln, Abläufe passen sich an, Strukturen bleiben in Bewegung.
Aus einer Nachricht wird ein Treffpunkt. Und aus einem kurzen Austausch ein Geschäft, das im Alltag kaum auffällt.

